kultur - Kritisches
Fremd von Michel Friedman in der Werkstatt - kultur 188 - Oktober/November 2024
Heimatlos im Nirgendwo
Das leise Gegenstück zum lauten Agitprop Theater im Schauspielhaus ist in der Werkstatt zu erleben.
Fremd
| © Matthias Jung
Inhalt
„Ich bin auf einem Friedhof geboren und der jüngste Friedhofsverwalter“, sagt das Kind in Michel Friedmans autobiografisch grundiertem Prosagedicht Fremd. Der bekannte Autor und Publizist Friedman kam 1956 in Paris zur Welt. Er entstammt einer
polnisch-jüdischen Familie aus Krakau. Nur seine Eltern und seine Großmutter überlebtenim Krakauer Ghetto den Holocaust – gerettet durch den deutschen Unternehmer Oskar Schindler. 1948 emigrierten die Eltern nach Frankreich und lebten als
Staatenlose in Paris. 1965 siedelten sie in die Bundesrepublik Deutschland über, das „Land der Mörder“.
Friedmann erzählt das als exemplarisches Schicksal eines überall Fremden, schildert Erfahrungen von Ausgrenzung, Ablehnung und Anpassungsdruck und verweist auf die Kontinuität des Antisemitismus in Deutschland.
Fremd ist eine Familiengeschichte, die jedoch nicht chronologisch erzählt wird. Es geht um Fragen der Identität, Schuld, Einsamkeit und Zugehörigkeit. In der Werkstatt hat die deutsch kurdische Regisseurin Emel Aydogdu mit einem großartigen Schauspieler Trio ohne eindeutig fixierte Rollen ungemein sensibel inszeniert. Sie übersetzt den intellektuell anspruchsvollen poetischen Text in eindringliche Bilder und Figurenkonstellationen. Die Bühne (Ausstattung: Eva Lochner) wird beherrscht von einer
drehbaren, dunklen Scheibe, die wie ein Deckel wirkt, unter dem die Vergangenheit mmer wieder hervorkriecht. Julia Kathinka Philippi und Riccardo Ferreira verkörpern zumeist die traumatisierten Eltern, Jakob Z. Eckstein ist das Kind, das für sie als „Lebensübersetzer“ fungiert und dabei misstrauisch bleibt gegenüber Ämtern und wohlmeinenden Annäherungen.
Über allem liegt der Schatten einer unüberwindlichen Lebenstraurigkeit. Der löst sich auch nur kurz auf, als das erwachsene Kind ein Stipendium für New York erhält und Philippi strahlend Sinatras Hymne auf die amerikanische
Metropole anstimmt. „Ich bin glücklich“ ruft das Kind. Doch die Eltern mögen das Kind nicht ziehen lassen. Live begleitet wird die Mischung aus spannungsgeladenem Stillstand und hochemotionalen Ausbrüchen von dem aus Israel stammenden Musiker Yotam Schlezinger. Hebräische Lieder evozieren ein Wir Gefühl, Distanz schaffen per Live Kamera projizierte Großaufnahmen der Gesichter. Wenn vom Sterben der Eltern erzählt wird, finden alle voller Zärtlichkeit zusammen. Aber die Angst und das Gefühl der Heimatlosigkeit und des Fremdseins bleiben über Generationen.
Die gelungene Aufführung berührt unmittelbar. Angesichts des hierzulande neu erstarkenden Antisemitismus und der wachsenden Ausländerfeindlichkeit setzt sie nachdrückliche Zeichen. Auch wenn die Fremdheitserfahrungen universell bleiben.
Langer, nachdenklicher Applaus! E.E.K.
polnisch-jüdischen Familie aus Krakau. Nur seine Eltern und seine Großmutter überlebtenim Krakauer Ghetto den Holocaust – gerettet durch den deutschen Unternehmer Oskar Schindler. 1948 emigrierten die Eltern nach Frankreich und lebten als
Staatenlose in Paris. 1965 siedelten sie in die Bundesrepublik Deutschland über, das „Land der Mörder“.
Friedmann erzählt das als exemplarisches Schicksal eines überall Fremden, schildert Erfahrungen von Ausgrenzung, Ablehnung und Anpassungsdruck und verweist auf die Kontinuität des Antisemitismus in Deutschland.
Fremd ist eine Familiengeschichte, die jedoch nicht chronologisch erzählt wird. Es geht um Fragen der Identität, Schuld, Einsamkeit und Zugehörigkeit. In der Werkstatt hat die deutsch kurdische Regisseurin Emel Aydogdu mit einem großartigen Schauspieler Trio ohne eindeutig fixierte Rollen ungemein sensibel inszeniert. Sie übersetzt den intellektuell anspruchsvollen poetischen Text in eindringliche Bilder und Figurenkonstellationen. Die Bühne (Ausstattung: Eva Lochner) wird beherrscht von einer
drehbaren, dunklen Scheibe, die wie ein Deckel wirkt, unter dem die Vergangenheit mmer wieder hervorkriecht. Julia Kathinka Philippi und Riccardo Ferreira verkörpern zumeist die traumatisierten Eltern, Jakob Z. Eckstein ist das Kind, das für sie als „Lebensübersetzer“ fungiert und dabei misstrauisch bleibt gegenüber Ämtern und wohlmeinenden Annäherungen.
Über allem liegt der Schatten einer unüberwindlichen Lebenstraurigkeit. Der löst sich auch nur kurz auf, als das erwachsene Kind ein Stipendium für New York erhält und Philippi strahlend Sinatras Hymne auf die amerikanische
Metropole anstimmt. „Ich bin glücklich“ ruft das Kind. Doch die Eltern mögen das Kind nicht ziehen lassen. Live begleitet wird die Mischung aus spannungsgeladenem Stillstand und hochemotionalen Ausbrüchen von dem aus Israel stammenden Musiker Yotam Schlezinger. Hebräische Lieder evozieren ein Wir Gefühl, Distanz schaffen per Live Kamera projizierte Großaufnahmen der Gesichter. Wenn vom Sterben der Eltern erzählt wird, finden alle voller Zärtlichkeit zusammen. Aber die Angst und das Gefühl der Heimatlosigkeit und des Fremdseins bleiben über Generationen.
Die gelungene Aufführung berührt unmittelbar. Angesichts des hierzulande neu erstarkenden Antisemitismus und der wachsenden Ausländerfeindlichkeit setzt sie nachdrückliche Zeichen. Auch wenn die Fremdheitserfahrungen universell bleiben.
Langer, nachdenklicher Applaus! E.E.K.
Dienstag, 27. Mai 2025