kultur - Kritisches
Amphitryon nach Moliere im Schauspielhaus - kultur 188 - Oktober/November 2024
Multiple Verwirrung
Gleich fünffach erscheint der Diener Sosias vor dem Haus seines Herrn Amphitryon in Theben.
Amphitryon
| © Matthias Jung
Inhalt
Oder ist eine/r der leichtfüßige Götterbote Merkur, der niemanden ins Haus lassen soll, während sein Chef Jupiter dort die Nacht mit Amphitryons Gattin Alkmene verbringt? Die wiederum
glaubt, ihr sehnsüchtig erwarteter Mann sei bereits heimgekehrt aus dem siegreich überstandenen Krieg gegen die Athener. Aber wer von diesen Figuren in weißen Anzügen, die alle behaupten, Sosias zu sein und
sich gegenseitig ihre Existenz streitig machen, ist denn nun der echte Sosias? Eine kurze Balgerei löst das Rätsel nicht. Ein kleines Signal gab es jedoch schon: Nur eine Jacke findet einen realen Haken. Die Inszenierung
von Martin Laberenz wimmelt von witzigen Anspielungen, spielerischen Variationen und Slapstick-Momenten.
Der Regisseur scheint Molières 1668 in Paris uraufgeführtes Lustspiel mit den Augen des populären Philosophen Richard David Precht gelesen zu haben. Der Titel von dessen Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie
viele?“ könnte auch über seiner höchst vergnüglichen Inszenierung stehen. Den antiken Stoff haben seit dem Römer Plautus etliche Dichter aufgegriffen. Hierzulande am bekanntesten ist Kleists „Lustspiel“, das sich
direkt auf Molière beruft, aber eher eine Tragikomödie ist.
Der oberste Gott des Olymp und notorische Verführer Jupiter möchte als Mensch geliebt werden und hat deshalb die Gestalt des Amphitryon angenommen. Nicht als Gatte, sondern als Liebhaber will er Alkmene beglücken.
Was ihm jedoch nichts nützt, denn die betrogene Alkmene ist sich ja sicher, ihren Amphitryon empfangen zu haben. Der wiederum gerät in Rage, weil er ja noch gar nicht daheim war in dieser Nacht. Derweil lässt Sosias‘ Gattin Cleanthis (eine Erfindung Molières, die das Doppelgänger-Motiv auf der Ebene der Untergebenen wiederholt) den in Sosias‘ Gestalt auftauchenden frechen Merkur schnöde abblitzen lassen.
Mit der Liebe läuft in dieser Ehe nicht mehr viel. Laberenz multipliziert die Verdopplungen und treibt das Verwechslungsspiel auf die Spitze, bis niemand mehr weiß, wer eigentlich wer ist.
Alle Ichs werden zunehmend verunsichert. Alle wechseln ständig ihre Rollen, unabhängig von Geschlecht und Aussehen. Selbst das Haus auf der Bühne (raffiniertes Bühnenbild: Oliver Helf) ist eine Projektion. Und den Räumen hinter den scheinbar soliden Mauern ist ebenfalls nicht zu trauen. Selbst den mit allerhand Alkoholika bestückten Servierwagen gibt es doppelt und dreifach. Weshalb Rum und Ruhm, Gin und Sinn schon mal verwechselt werden können. Dazu sprechen sie Molières gereimte Verse, was das Vergnügen am spielerischen Esprit noch steigert. Virtuos agiert das ganze, von Adriana Braga Peretzky fantasievoll kostümierte Ensemble, das mit viel Einfallsreichtum immer wieder für Überraschungen sorgt.
Sören Wunderlich gibt sich gleich zu Anfang schon der Verzweiflung hin angesichts der vier anderen Sosiasse und gerät als Amphitryon völlig aus der Fassung bei der Vorstellung, „zwiefach“ da zu sein. Christian Czeremnych spielt sogar zwei Figuren gleichzeitig, wenn er mit einem Scheinwerfer (bei Molière ist’s der Mond) Zwiesprache hält. Lena Geyer, Janko Kahle und die als Gast engagierte Birte Schnöink sorgen mit rasanten Änderungen von Tonfall und Erscheinung für immer neue Verwirrungen, Missverständnisse und Streitereien.
Hinter all der brillanten Komik tun sich dennoch ernstere Fragen auf. Wer bestimmt, was und wer man ist? Wie sicher ist die eigene Identität?
Molière nimmt hier fast schon die dialektische Bewegung des Selbstbewusstseins voraus. Der eigene Status ist abhängig von der Zuerkennung durch die anderen. Oder wie Sosias es einmal deutlich sagt: Sein Herr ist
nur Herr durch das Dasein seines Knechts. In Molières Komödie, die er ausnahmsweise nicht in seiner Gegenwart ansiedelte, steckt einiger Sprengstoff. Das finale große Versöhnungsbankett findet hier allerdings
nicht statt. Die Götter haben ohnehin ausgedient. Niemand will dem Typen im grünschillernden Kostüm glauben, das er Jupiter sei und Alkmene einen Sohn namens Herakles geschenkt und so Amphitryons Hörner
vergoldet habe. „Ich bin Janko Kahle aus Hamburg“ schreit der Schauspieler schließlich verzweifelt. „Ich bin Sören Wunderlich“, sagt der Schauspieler Sören Wunderlich. Es ist eben doch alles Theater. Am Ende tanzen sie zu „Touch“ von Daft Punk: „You’ve almost convinced me I’m real“. Amüsierter Premierenapplaus für die kurzweilige Vorstellung, vorallem für das exzellente Darsteller-Quintett. E.E.K.
glaubt, ihr sehnsüchtig erwarteter Mann sei bereits heimgekehrt aus dem siegreich überstandenen Krieg gegen die Athener. Aber wer von diesen Figuren in weißen Anzügen, die alle behaupten, Sosias zu sein und
sich gegenseitig ihre Existenz streitig machen, ist denn nun der echte Sosias? Eine kurze Balgerei löst das Rätsel nicht. Ein kleines Signal gab es jedoch schon: Nur eine Jacke findet einen realen Haken. Die Inszenierung
von Martin Laberenz wimmelt von witzigen Anspielungen, spielerischen Variationen und Slapstick-Momenten.
Der Regisseur scheint Molières 1668 in Paris uraufgeführtes Lustspiel mit den Augen des populären Philosophen Richard David Precht gelesen zu haben. Der Titel von dessen Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie
viele?“ könnte auch über seiner höchst vergnüglichen Inszenierung stehen. Den antiken Stoff haben seit dem Römer Plautus etliche Dichter aufgegriffen. Hierzulande am bekanntesten ist Kleists „Lustspiel“, das sich
direkt auf Molière beruft, aber eher eine Tragikomödie ist.
Der oberste Gott des Olymp und notorische Verführer Jupiter möchte als Mensch geliebt werden und hat deshalb die Gestalt des Amphitryon angenommen. Nicht als Gatte, sondern als Liebhaber will er Alkmene beglücken.
Was ihm jedoch nichts nützt, denn die betrogene Alkmene ist sich ja sicher, ihren Amphitryon empfangen zu haben. Der wiederum gerät in Rage, weil er ja noch gar nicht daheim war in dieser Nacht. Derweil lässt Sosias‘ Gattin Cleanthis (eine Erfindung Molières, die das Doppelgänger-Motiv auf der Ebene der Untergebenen wiederholt) den in Sosias‘ Gestalt auftauchenden frechen Merkur schnöde abblitzen lassen.
Mit der Liebe läuft in dieser Ehe nicht mehr viel. Laberenz multipliziert die Verdopplungen und treibt das Verwechslungsspiel auf die Spitze, bis niemand mehr weiß, wer eigentlich wer ist.
Alle Ichs werden zunehmend verunsichert. Alle wechseln ständig ihre Rollen, unabhängig von Geschlecht und Aussehen. Selbst das Haus auf der Bühne (raffiniertes Bühnenbild: Oliver Helf) ist eine Projektion. Und den Räumen hinter den scheinbar soliden Mauern ist ebenfalls nicht zu trauen. Selbst den mit allerhand Alkoholika bestückten Servierwagen gibt es doppelt und dreifach. Weshalb Rum und Ruhm, Gin und Sinn schon mal verwechselt werden können. Dazu sprechen sie Molières gereimte Verse, was das Vergnügen am spielerischen Esprit noch steigert. Virtuos agiert das ganze, von Adriana Braga Peretzky fantasievoll kostümierte Ensemble, das mit viel Einfallsreichtum immer wieder für Überraschungen sorgt.
Sören Wunderlich gibt sich gleich zu Anfang schon der Verzweiflung hin angesichts der vier anderen Sosiasse und gerät als Amphitryon völlig aus der Fassung bei der Vorstellung, „zwiefach“ da zu sein. Christian Czeremnych spielt sogar zwei Figuren gleichzeitig, wenn er mit einem Scheinwerfer (bei Molière ist’s der Mond) Zwiesprache hält. Lena Geyer, Janko Kahle und die als Gast engagierte Birte Schnöink sorgen mit rasanten Änderungen von Tonfall und Erscheinung für immer neue Verwirrungen, Missverständnisse und Streitereien.
Hinter all der brillanten Komik tun sich dennoch ernstere Fragen auf. Wer bestimmt, was und wer man ist? Wie sicher ist die eigene Identität?
Molière nimmt hier fast schon die dialektische Bewegung des Selbstbewusstseins voraus. Der eigene Status ist abhängig von der Zuerkennung durch die anderen. Oder wie Sosias es einmal deutlich sagt: Sein Herr ist
nur Herr durch das Dasein seines Knechts. In Molières Komödie, die er ausnahmsweise nicht in seiner Gegenwart ansiedelte, steckt einiger Sprengstoff. Das finale große Versöhnungsbankett findet hier allerdings
nicht statt. Die Götter haben ohnehin ausgedient. Niemand will dem Typen im grünschillernden Kostüm glauben, das er Jupiter sei und Alkmene einen Sohn namens Herakles geschenkt und so Amphitryons Hörner
vergoldet habe. „Ich bin Janko Kahle aus Hamburg“ schreit der Schauspieler schließlich verzweifelt. „Ich bin Sören Wunderlich“, sagt der Schauspieler Sören Wunderlich. Es ist eben doch alles Theater. Am Ende tanzen sie zu „Touch“ von Daft Punk: „You’ve almost convinced me I’m real“. Amüsierter Premierenapplaus für die kurzweilige Vorstellung, vorallem für das exzellente Darsteller-Quintett. E.E.K.
Dienstag, 27. Mai 2025