kultur - Kritisches
216 Millionen - Uraufführung von Lothar Kittstein im Schauspielhaus - kultur 188 - Oktober/November 2024
Grelles Krisen-Spektakel
„Haben wir gedacht, wir könnten das Weltklima zerstören, ohne für die Folgen geradezustehen?“ – eine rhetorische Frage, die jedoch hängen
bleibt nach zwei beunruhigenden Stunden.
216 Millionen
| © Matthias Jung
Inhalt
Eine Studie der Weltbank prognostiziert, dass 216 Millionen Menschen bis 2050 aus Klimagründen ihre Heimat verlassen werden. Sie flüchten vor allem aus dem Globalen
Süden vor Umweltzerstörung, Armut, Terror und Gewalt. Der Bonner Autor Lothar Kittstein und der Regisseur Volker Lösch, die in der Saison 2022/23 in ihrem Stück Recht auf Jugend bereits Klimaaktivisten der
„Letzen Generation“ auf die Bühne brachten, beleuchten in 216 Millionen die Folgen des Klimawandels. Wieder agieren dabei – wie bei Lösch üblich – Mitglieder des professionellen SchauspielEnsembles gemeinsam mit Betroffenen.
In der ersten halben Stunde berichten vorn am Bühnenrand vier Geflüchtete in schlichten grau weißen Kostümen von ihren Schicksalen, teils einzeln, teils chorisch, mitunter in ihrer Heimatsprache. Sadou Sow aus Guinea schildert die unerträgliche Hitze,
die die Felder verdorren ließ und die Strohdächer in Brand setzte. Pizzar Stanley aus Haiti erzählt, wie die Kakaoplantage, die seine Familie über 100 Jahr lang betrieb, Tornados zum Opfer fiel und ein Erdrutsch sein Haus zerstörte. Außerdem wurde er wegen seiner Homosexualität attackiert. Die Filmemacherin Nadia Feyzi aus Afghanistan berichtet von ihrer Zwangsverheiratung als Kind, den brutalen Kämpfen um Wasser, der Flucht vor den Taliban in den Iran, den vergeblichen Bemühungen um eine Ausbildung und den
Startschwierigkeiten in Deutschland. Ihre Tochter Kayci Feyzi beschreibt die Misshandlungen durch ihren Vater, ihre Flucht durch mehrere Länder und die Auseinandersetzungen mit den deutschen Ämtern, die nicht akzeptieren wollten, dass ihre Mutter nur
elf Jahre älter ist als sie.
Abrupter Szenenwechsel: Ein riesiges Metallgerüst fährt nach vorn, im Hintergrund prangen die goldenen EUSterne (Bühne: Valentin Bau meister). Die sechs Profischauspieler in knallbunten
Anzügen (Kostüme: Teresa Grosser) mimen eine Klimakonferenz – schließlich ist Bonn Sitz des UNKlimasekretariats. Ausrichter und Finanzier der Veranstaltung ist der Ölmagnat Nat (gelb: Daniel Stock), der die
Teilnehmenden dafür nach Ostafrika einfliegen ließ. Der Wissenschaftler Paul (grün: PaulMichael Stiehler) hat eine bahnbrechende Erfindung namens „Superscreen” gemacht, mit der sich die Temperaturen auf der
Erde regeln ließen. Seine Frau, die Menschenrechtsanwältin Elena (rot: Sophie Basse), prangert die Scheinheiligkeit der EUPolitikerin Nicola an (blau: Lydia Stäubli als Ursulavonder Leyen Karikatur), die die europäischen Ideale preist, mit ihren acht Kindern prahlt und alles ganz wunderbar findet. Die Aktivistin Lisa (orange: Imke Siebert) warnt davor, dass die Innovation zur Waffe werden könnte, und tobt schließlich mit lauten Parolen durch den Zuschauerraum. Der Künstler Serge (violett: Alois Reinhardt) provoziert mit einer kannibalischen Performance. Halsbrecherisch turnen alle – mit Gurten abgesichert – in ihrem Käfig herum.
Dass in dem Getümmel auch noch ein paar private Beziehungskisten aufplatzen, macht diese irre Persiflage vollends zur bösen Komödie. Die mehr oder minder Mächtigen hocken in ihren Blasen, der Rest ist Verbalakrobatik und virtuose Kletterei.
Dann klagen wieder die Geflüchteten die Zustände in Deutschland an, wobei manche Missstände gewiss nicht nur sie betreffen und etliche Forderungen ziemlich überzogen wirken. Islamistischer Terror und Kriminalität kommen nicht vor. Alle Einwanderer sind Opfer. Es folgt der Schockmoment: Rund hundert wie Leichen in weiße Säcke verpackte Gestalten fallen krachend aus dem Schnürboden. Der nächste Schock: Alle zusammen, nun in glitzernden schwarzen
Party-Outfits, stapeln die toten Körper zu einem Berg auf und tanzen wild zu Shakiras DiskoHit „Waka, Waka (This Time for Africa)“. Der Sylt-Skandal und der mit rassistischen Parolen unterlegte Song „L’Amour Toujours“ lassen grüßen.
Das lange Schlussbild berührt: Leise nehmen alle den Leichenberg wieder auseinander, ordnen die Körper sorgfältig in Reihen auf dem Bühnenboden und geben ihnen so etwas von ihrer Individualität und menschlichen Würde zurück. Einfache Lösungen gibt es
leider nicht. Politiker-Bashing hilft nicht weiter. Alle Grenzen öffnen, sichere Fluchtkorridore schaffen, den Superreichen das Geld wegnehmen und an die überforderten Kommunen verteilen?
Klar: „Migration hat sich und wird sich immer selbst steuern“, weiß der Historiker Kittstein. Sein Text steckt voller kluger Anspielungen und Einsichten. Manches geht im chorischen Gebrüll und dem Bühnenaktionismus unter. Am Ende steht die 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Sie gehören zum vor 75 Jahren 1949 in Bonn fixierten deutschen Grundgesetz. Die plakative Aufführung im Schauspielhaus,
mit der das Theater Bonn seine Saison 2024/25 mutig eröffnete, lässt das Publikum ziemlich ratlos zurück. Nach kurzem Innehalten trotzdem überzeugter Premierenbeifall.
Süden vor Umweltzerstörung, Armut, Terror und Gewalt. Der Bonner Autor Lothar Kittstein und der Regisseur Volker Lösch, die in der Saison 2022/23 in ihrem Stück Recht auf Jugend bereits Klimaaktivisten der
„Letzen Generation“ auf die Bühne brachten, beleuchten in 216 Millionen die Folgen des Klimawandels. Wieder agieren dabei – wie bei Lösch üblich – Mitglieder des professionellen SchauspielEnsembles gemeinsam mit Betroffenen.
In der ersten halben Stunde berichten vorn am Bühnenrand vier Geflüchtete in schlichten grau weißen Kostümen von ihren Schicksalen, teils einzeln, teils chorisch, mitunter in ihrer Heimatsprache. Sadou Sow aus Guinea schildert die unerträgliche Hitze,
die die Felder verdorren ließ und die Strohdächer in Brand setzte. Pizzar Stanley aus Haiti erzählt, wie die Kakaoplantage, die seine Familie über 100 Jahr lang betrieb, Tornados zum Opfer fiel und ein Erdrutsch sein Haus zerstörte. Außerdem wurde er wegen seiner Homosexualität attackiert. Die Filmemacherin Nadia Feyzi aus Afghanistan berichtet von ihrer Zwangsverheiratung als Kind, den brutalen Kämpfen um Wasser, der Flucht vor den Taliban in den Iran, den vergeblichen Bemühungen um eine Ausbildung und den
Startschwierigkeiten in Deutschland. Ihre Tochter Kayci Feyzi beschreibt die Misshandlungen durch ihren Vater, ihre Flucht durch mehrere Länder und die Auseinandersetzungen mit den deutschen Ämtern, die nicht akzeptieren wollten, dass ihre Mutter nur
elf Jahre älter ist als sie.
Abrupter Szenenwechsel: Ein riesiges Metallgerüst fährt nach vorn, im Hintergrund prangen die goldenen EUSterne (Bühne: Valentin Bau meister). Die sechs Profischauspieler in knallbunten
Anzügen (Kostüme: Teresa Grosser) mimen eine Klimakonferenz – schließlich ist Bonn Sitz des UNKlimasekretariats. Ausrichter und Finanzier der Veranstaltung ist der Ölmagnat Nat (gelb: Daniel Stock), der die
Teilnehmenden dafür nach Ostafrika einfliegen ließ. Der Wissenschaftler Paul (grün: PaulMichael Stiehler) hat eine bahnbrechende Erfindung namens „Superscreen” gemacht, mit der sich die Temperaturen auf der
Erde regeln ließen. Seine Frau, die Menschenrechtsanwältin Elena (rot: Sophie Basse), prangert die Scheinheiligkeit der EUPolitikerin Nicola an (blau: Lydia Stäubli als Ursulavonder Leyen Karikatur), die die europäischen Ideale preist, mit ihren acht Kindern prahlt und alles ganz wunderbar findet. Die Aktivistin Lisa (orange: Imke Siebert) warnt davor, dass die Innovation zur Waffe werden könnte, und tobt schließlich mit lauten Parolen durch den Zuschauerraum. Der Künstler Serge (violett: Alois Reinhardt) provoziert mit einer kannibalischen Performance. Halsbrecherisch turnen alle – mit Gurten abgesichert – in ihrem Käfig herum.
Dass in dem Getümmel auch noch ein paar private Beziehungskisten aufplatzen, macht diese irre Persiflage vollends zur bösen Komödie. Die mehr oder minder Mächtigen hocken in ihren Blasen, der Rest ist Verbalakrobatik und virtuose Kletterei.
Dann klagen wieder die Geflüchteten die Zustände in Deutschland an, wobei manche Missstände gewiss nicht nur sie betreffen und etliche Forderungen ziemlich überzogen wirken. Islamistischer Terror und Kriminalität kommen nicht vor. Alle Einwanderer sind Opfer. Es folgt der Schockmoment: Rund hundert wie Leichen in weiße Säcke verpackte Gestalten fallen krachend aus dem Schnürboden. Der nächste Schock: Alle zusammen, nun in glitzernden schwarzen
Party-Outfits, stapeln die toten Körper zu einem Berg auf und tanzen wild zu Shakiras DiskoHit „Waka, Waka (This Time for Africa)“. Der Sylt-Skandal und der mit rassistischen Parolen unterlegte Song „L’Amour Toujours“ lassen grüßen.
Das lange Schlussbild berührt: Leise nehmen alle den Leichenberg wieder auseinander, ordnen die Körper sorgfältig in Reihen auf dem Bühnenboden und geben ihnen so etwas von ihrer Individualität und menschlichen Würde zurück. Einfache Lösungen gibt es
leider nicht. Politiker-Bashing hilft nicht weiter. Alle Grenzen öffnen, sichere Fluchtkorridore schaffen, den Superreichen das Geld wegnehmen und an die überforderten Kommunen verteilen?
Klar: „Migration hat sich und wird sich immer selbst steuern“, weiß der Historiker Kittstein. Sein Text steckt voller kluger Anspielungen und Einsichten. Manches geht im chorischen Gebrüll und dem Bühnenaktionismus unter. Am Ende steht die 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Sie gehören zum vor 75 Jahren 1949 in Bonn fixierten deutschen Grundgesetz. Die plakative Aufführung im Schauspielhaus,
mit der das Theater Bonn seine Saison 2024/25 mutig eröffnete, lässt das Publikum ziemlich ratlos zurück. Nach kurzem Innehalten trotzdem überzeugter Premierenbeifall.
Dienstag, 27. Mai 2025