Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Paul Michael Stiehler - kultur Nr. 190 - Januar 2025 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
Interviews

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Paul Michael Stiehler - kultur Nr. 190 - Januar 2025

George, Woyzeck und die Legende von Paul und Paula

Inhalt Der erste Theaterbesuch, an den er sich erinnert, war „Emil und die Detektive“ in der Inszenierung von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne. „Ich habe Angst bekommen und bin mit meinem Vater rausgegangen“, erzählt Paul Michael Stiehler bei unserem Treffen in einem Café in der Bonner Südstadt. Seine Theaterleidenschaft begann erst 2014 am Jungen Deutschen Theater in seiner Heimatstadt Berlin, wo er 1999 geboren wurde und in einer künstlerisch engagierten Familie aufwuchs – seine Mutter ­Dagmar Stiehler ist ­Bratschistin bei den Berliner Symphonikern. Er besuchte das Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium in Friedrichshain, das einen Schwerpunkt bei der Musik hat, und spielte im Schulorchester mit. Bühnenauftritte waren ihm also nicht fermd.
„Eine Freundin an meiner Schule hatte mich auf den Jugendclub aufmerksam gemacht, und ich habe mich einfach angemeldet. Wir haben in der Gruppe viel ausprobiert und dann auch in Produktionen auf dem regulären Spielplan mitgewirkt. Es war spannend, den Betrieb von innen kennenzulernen, mit erfahrenen Kolleg:innen zusammenzuarbeiten und zu erleben, dass Theatermachen ein echter Beruf ist. Faszinierend waren die Durchmischung und die Möglichkeit, unterschiedliche Menschen zu treffen. 2015/16 haben wir auch ein Projekt mit Geflüchteten aus Afghanistan gemacht.“
In der Box des DT stand er dann 2016 in der Regie von Anja Behrens auf der Bühne bei der Uraufführung von „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf“ nach dem Jugendroman von Antonia Baum. 2018 folgte in der Regie von Kristo Šagor die Uraufführung von „Klassenbuch“ nach dem Roman von John von Düffel.
Stiehler wirkte zudem in der offenen Jugendtheaterwerkstatt in Spandau mit. „Wir waren ein kleines Kollektiv, das Vieles ausprobierte und auch gemeinsam Texte verfasste.“ Mit einer eigenen, 15 Minuten kurzen Bearbeitung von Janne Tellers „Nichts, was im Leben wichtig ist“ nahm seine Gruppe 2016 am Performance-Wettbewerb „UNART“ teil und wurde zum Theatertreffen der Jugend bei den Berliner Festspielen eingeladen.
Schon früh machte Stiehler zudem Erfahrungen bei Film und Fernsehen. Bereits 2017 spielte er den Schüler Max in dem Tatort „Zeit der Frösche“ und wirkte seitdem in etlichen Kino- und TV-Produktionen mit. „Ich hatte schon mit 16 eine Agentur. Die Abläufe sind ganz anders als im Theater. Bei den Dreharbeiten bin ich viel herumgekommen und habe eine Menge interessanter Erfahrungen gemacht.“ Ein großer Erfolg war der Spielfilm „Nackte Tiere“ von Melanie Waelde, der 2020 bei der Berlinale seine Premiere feierte und u. a. für den Preis als bester Erstlingsfilm nominiert war. „Natürlich war es toll, dabei die internationale Kino-Prominenz aus der Nähe zu sehen.“ Vor der Kamera steht er bis heute immer wieder mal.
Ab 2018 studierte er Schauspiel an der Filmuniversität Babelsberg. „Ich wollte gern in der Nähe meiner Familie und meines Freundeskreises bleiben und habe mich gar nicht an anderen Hochschulen beworben. In Babelsberg unterrichteten tolle Leute. Das Studium war vielseitig, es gab zahlreiche studiengangsübergreifende Projekte. Leider kam dann Corona. Zwei Jahre lang erfolgte der Unterricht fast nur digital und per Zoom. Ich vermisste die Gemeinschaft sehr. Tanzunterricht zu Hause an einem Stuhl mit Anweisungen vom Bildschirm war ziemlich frustrierend.“ Die Abschlussvorsprechen fanden dann 2021 schon wieder live in Berlin, München und Neuss statt. Dort sah ihn der Bonner Dramaturg Jan Pfannenstiel und empfahl ihn dem Schauspieldirektor Jens Groß.
Seit der Spielzeit 2022/23 ist Stiehler nun festes Ensemblemitglied am ­Theater Bonn. Sein Debüt hier gab er in dem Drama „Medea 38 / Stimmen“ von Dogan Akhanli. „Es war leider kein großer Publikumserfolg, aber ein wichtiges Stück, bei ich sehr viel Neues über die türkische Geschichte gelernt habe.“ Erstmals mit dem Regisseur Volker Lösch gearbeitet hat er 2022 bei dem Klimaaktivisten-Stück „Recht auf Jugend“. In dieser Spielzeit ist er zu erleben in Löschs Inszenierung „216 Millionen“ als verunsicherter Wissenschaftler Paul. Ob ihm die sportliche Turnerei an der riesigen Gitterwand Probleme macht? „Körperlich anstrengend ist es schon, da herumzuklettern und – gut abgesichert zwar – in vier Metern Höhe auf seinen Einsatz zu warten. Aber es ist wichtig, dass das Theater an öffentlichen Debatten teilnimmt und Positionen bezieht.“ Bei der Uraufführung des witzigen Denksport-Stückes „Mnemnon“ des Hausregisseurs Simon Solberg im Frühjahr 2023 in der Werkstatt erklärte Paul (auch diesmal gleichzeitig sein Rollenname) beispielsweise, warum unser Denken sich gern auf ausgetretenen Pfaden bewegt.
Sein Gesangstalent konnte Stiehler bereits zu Beginn der Spielzeit 2022/23 beweisen in Solbergs Inszenierung von John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“. Er berührte und begeisterte das Publikum in der großen Rolle des treuen Freundes George an der Seite des schwierigen Lennie, verkörpert von Daniel Stock, den Stiehler ganz besonders schätzt: „Es ist wunderbar, mit diesem erfahrenen Schauspieler zu arbeiten und dabei eine Menge zu lernen.“ In Solbergs musikalischer Revue „Unplugged“ Anfang 2024 waren die Lieder dann sogar die Hauptsache.
Eine Riesenherausforderung war 2023 die Titelrolle in Büchners „Woyzeck“: „Es ist toll, dass man mir das anvertraut hat. Die Regisseurin Sarah Kurze kannte ich noch aus ihrer Zeit als ­Regie­assistentin am DT in Berlin. Wir haben neue Pfade durch das bekannte Dramenfragment gesucht und wollten die politische Dimension hervorheben. Ich bin ja fast ständig auf der Bühne und erlebe in den Vormittagsvorstellungen immer wieder Schulklassen, die nicht ganz freiwillig im Theater sind und die man mit Worten und Blicken einfangen muss. Es gab aber auch viele spannende Diskussionen mit Jugendlichen.“ Am Abend nach unserem Gespräch ist übrigens die erste Konzeptionsprobe mit Sarah Kurze angesetzt zu dem Stück „Die Hand ist ein einsamer Jäger“ von Katja Brunner, in dem es um das hochaktuelle Thema der Selbstbestimmung des weiblich definierten Körpers geht. Premiere in der Werkstatt ist am 17. Januar.
Die Herzen des Publikums eroberte Stiehler in der vergangenen Spielzeit vor allem als Paul in Roland Riebelings Inszenierung der „Legende von Paul und Paula“ nach der Filmerzählung von Ulrich Plenzdorf. Ein wenig bedauert er, dass die DDR-Realität des einstigen Kult-Films hier weitgehend ausgeklammert blieb. „Ich mag Rio Reiser, hätte mir aber noch mehr von der Originalmusik gewünscht. Aber die Geschichte und die Lieder haben die Zuschauenden berührt.“ Stiehler selbst ist im Ostteil Berlins aufgewachsen, hat das Ende der DDR natürlich nicht mehr selbst erlebt, aber sich in seiner Abitur-Abschlussarbeit mit der Teilung der Stadt und den Perspektiven heutiger Jugendlicher in Ost- und Westberlin beschäftigt.
Die beliebte „Paul und Paula“-Produktion steht weiterhin im Schauspielhaus auf dem Spielplan und wird auch am Silvesterabend gezeigt. Aktuell ist Stiehler außerdem noch als einsamer junger Präparator in Horváths kleinem Totentanz „Glaube Liebe Hoffnung“ zu sehen.
Gibt es eine Rolle, die er gern mal spielen möchte? „Als Schauspieler entscheide nicht ich, was auf den Spielplan kommt. Die Zeit der fixierten Rollenfächer und der entsprechenden klassischen literarischen Figuren ist wohl vorbei. Ich habe viel Spaß an der Figurenarbeit und versuche, so offen zu sein, wie ich kann. Ich gehe mit einem Grundvertrauen an jede Produktion heran und bemühe mich, erst mal die Rolle auszufüllen, um dann zu sehen, was ich einbringen kann. Zum Vorsprechen hatte ich eine Passage aus der ‚Hamletmaschine‘ von ­Heiner Müller und den Bruno aus Hauptmanns ‚Ratten‘ einstudiert. Bei beidem faszinierte mich die expressive Sprache. Ich habe vor allem Lust auf interessante Texte. Ich kann mir vorstellen, selbst noch mal was zu schreiben.“
Mit dem inzwischen vertrauten Bonner Ensemble arbeitet er gern und mag auch die Stadt. Obwohl er in Köln wohnt und auch weiterhin bei TV-Produktionen mitwirken möchte. Vorläufig liegt der Fokus des sympathischen, nachdenklichen Schauspielers jedoch beim Theater.

Donnerstag, 19. Dezember 2024