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kultur - Kritisches

Wunderkrass - Uraufführung von Virginie Cointe - Bon(n)RaumTheater - kultur Nr. 187

Bühnenfieber und kleine Eitelkeiten

Inhalt Was wäre das Theater ohne Krach hinter den Kulissen? Da, wo die wirklichen Dramen passieren. So auch in der neuen Komödie ­Wunderkrass der in Bonn lebenden französischen Autorin Virginie ­Cointe. Ums Theater, das Geschäft mit Sensationen und die maßlose Eitelkeit mäßiger Schauspieler geht es in dem amüsanten Stück, das kürzlich im ausverkauften neuen Bon(n)Raum Theater seine Uraufführung feierte. Ins Deutsche übersetzt von dem realen Theaterleiter Johannes Prill und Achim Haag, der nach etlichen Inszenierungen mit seinem freien Ensemble „Déjà-vu“ damit sein ­Regie-Debüt an einer professionellen Bühne gab.
Geprobt wird das fiktive Drama einer unmöglichen Liebe zwischen einem Deutschen und einer Französin kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. „Drittes Reich mit ein bisschen Amour“, wie Florence schnippisch bemerkt. Der Theaterleiter Ludwig hat den ehemaligen Publikumsliebling gegen den Willen des Regisseurs Martin engagiert. Zoff ist damit programmiert, denn die französische Schauspielerin Florence Lavigne ist seit Jahrzehnten in inniger Feindschaft verbunden mit dem deutschen Mimen Hans Grüber, der sich für einen Weltstar hält. Einst waren die beiden auf den Bühnen ein Traumpaar. Nun sind sie nicht nur dem Alter ihrer Figuren deutlich entwachsen. Auch ihre darstellerischen Qualitäten scheinen sich mit der Zeit verflüchtigt zu haben.
Für einen Kassenschlager reicht’s aber immer noch, glaubt der gerissene Theaterdirektor Ludwig (Steffen Fischer) und spart weder an Geld noch Überredungskunst, um das skandalträchtige Duo zurück auf die Bühne zu holen. Und da scheint die Rechnung aufzugehen: Der Vorverkauf läuft schon vor der Premiere wie geschmiert, sogar eine große Besucherorganisation namens „Theatergemeinde“ (danke für die Werbung!) hat bereits zahlreiche Karten bestellt. Um irgendwas wie Kunst geht es ohnehin nur dem jungen Martin, tapfer gespielt von Malte Müller. Auch wenn er sich als aufstrebender Regisseur zumeist darauf beschränken muss, das spärliche Bühnenmobiliar penibel zurechtzurücken. Der Weg zu Höherem führt halt durch Kaffeepfützen und andere Untiefen. Katja Ebsteins alter Hit „Theater“ liefert den musikalischen Hintergrund dazu.
Schön zickig verkörpert die Autorin Virginie Cointe selbst den verblassten Star Florence mit gepflegtem französischem Akzent und giftigem Sarkasmus. Ihrem selbstherrlichen Bühnenpartner begegnet sie mit wütender Rachsucht, lehnt jede physische Annäherung angewidert ab, spielt aber zwecks Sanierung ihrer klammen Finanzen alles mit, bis hin zur pressewirksamen Kurzzeit-Versöhnung. Dass sie gegen ihre raue Kehle in der Apotheke nach einem Hustenmittel namens „Vicks“ verlangt, sorgt immerhin für ein Slapstick-Intermezzo. Ein echter Geniestreich ist dagegen ihre Wortschöpfung „Wunderkrass“. Andreas Schneiders gibt den abgehalfterten Großschauspieler Hans zwischen unbeirrbarer Selbstüberschätzung, und heimlichen Zweifeln an der eigenen Unwiderstehlichkeit. Für den Theaterbetrieb hat er nur noch Verachtung übrig: „Das Verlangen nach Talent ist vorbei.“
Die beiden Protagonisten bezeugen das charmant mit energischer Spiellust. Und der finalen Einsicht: „Zusammen schufen wir Magie. Allein waren wir nichts.“
Also wird der alte Hass doch noch zum Beziehungskitt. „Baguette, Omelette, wie nett“ – das reimt sich doch sehr hübsch. Der gallische Hahn und der deutsche Adler rupfen sich zwar gegenseitig ordentlich das Gefieder, aber der Operettenwalzer zum kinoreifen Abschied treibt sogar dem ehrgeizigen Regisseur Martin Tränen der Rührung in die Augen. C’est la vie du théâtre! Freundlicher Premierenapplaus.

E.E.-K.

Donnerstag, 01. August 2024