kultur - Kritisches
Archetopia von Simon Solberg - Schauspielhaus - kultur Nr. 187
Odyssee auf dem Ozean der Utopien
Archetopia
| © Bettina Stöß
Inhalt
Sogar das Einlasspersonal trägt Marine-Uniformen. Schließlich soll es auf große Ozeanfahrt gehen. Auf der Bühne im Schauspielhaus herrscht ausgelassene Partystimmung im Salon eines Luxusdampfers: holzgetäfelte Wände, golden gerahmte Ölgemälde, Champagner bis zum Abwinken. Das Schauspielquintett – Jacob Z. Eckstein, Riccardo Ferreira, Julia Kathinka Philippi, Imke Siebert und Max Wagner – tanzt in schicker Festgarderobe (Kostüme: Ines Burisch), bis die Nähte der Glitzerkleider reißen und die Hosen rutschen. „Das geht ab“ von den Atzen singen sie und Let’s Get Loud von Jennifer Lopez. Man feiert, bis es kracht – die Titanic lässt grüßen.
Tatsächlich löst sich die Schiffskulisse bald auf. Ein Rumms, ein Bild fällt von der Wand. Der Kahn ist festgefahren und dümpelt orientierungslos im Nebel. „Ich bin mir nicht sicher, ab das überhaupt ein Schiff ist“, meint einer. „Das ist eine Metapher“, weiß ein anderer. Das ist das schwimmende Fahrzeug ohne Zweifel bei der musikalischen Utopiesuche Archetopia von Hausregisseur Simon Solberg (Inszenierung und Bühne). Utopie, dieses Wortspiel mit dem eutopischen Gut- und dem Nicht-Ort, verbindet sich hier mit der rettenden Arche aus dem Alten Testament und einer archäologischen Forschungsreise auf den Spuren gesellschaftlicher Zukunftsmodelle und zu Ideologien erstarrter Ideen.
Selbstverständlich darf hier der englische Staatsmann und Humanist Thomas Morus nicht fehlen, der 1516 das Genre des utopischen Romans erfand und die Insel Utopia auf der philosophischen Weltkarte platzierte. Auf der Kreuzfahrt mit prominenten Gästen geht es noch weiter zurück bis zu Platons Entwurf eines demokratischen Idealstaats, in dem die Regierenden per Los und nicht per Wahlen bestimmt werden. Eine Idee, die der belgische Historiker David Van Reybrouck vor kurzem wieder zur Diskussion gestellt hat. Die frühe Feministin Christine de Pizan mit ihrer 1405 erschienenen Stadt der Frauen taucht ebenso auf wie Tommaso Campanella mit seinem Sonnenstaat. Thomas Hobbes, Voltaire, Rousseau und Charles Darwin geben sich die Ehre. Eine peitschenknallende Benediktiner-Nonne predigt „Ora et labora“, Karl Marx mit Rauschebart purzelt aus der Wand und tanzt einen bei russischen Seeleuten beliebten Jablotschko.
Der Kommunismus ist ebenso gescheitert wie die meisten Versuche einer Abschaffung des Privateigentums und zur Schaffung von Verteilungsgerechtigkeit. Kapitalismuskritik ist billig, aber wer soll die Visionen von neuen, besseren Lebensweisen finanzieren? Der 1980 geborene niederländische Historiker Rutger Bregman plaudert mit charmantem holländischem Akzent über das bedingungslose Grundeinkommen. Der libertäre Milliardär, PayPal-Gründer und Trump-Anhänger Peter Thiel (*1967) erscheint als blasierter Schnösel. Elon Musk verbreitet auf X (vormals Twitter) seine Mars-Fantasien.
Die Folgen der kolonialen Ausbeutung und des hemmungslosen Ressourcenverbrauchs lassen die Zukunft ziemlich düster erscheinen. Dystopien haben Konjunktur im Medienuniversum. Wird die unaufhaltsame Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz sich als Segen oder Fluch erweisen? Und was ist mit dem Megaprojekt der vollkommen klimaneutralen Supercity „The Line“ in der saudi-arabischen Wüste? Allein der Bau verursacht astronomische Kohlendioxydemissionen. Lustig erscheint das Experiment der russischen Evolutionsbiologin Ljudmilla Trut zur Domestizierung von sibirischen Silberfüchsen. Wirklich schön ist die Community-Idee der italienisch-amerikanischen Philosophin Silvia Federici mit gemeinschaftlichem Eigentum und einer neuen Verteilung von Reproduktions- und Care-Arbeit. Dazu wird ein riesiger Plastikschwan über die Köpfe des Publikums weitergereicht, auf der Bühne trippelt das famose Ensemble dazu in Tüllröckchen ein putziges Schwanenballett. Als Rettungsboot taugt der Spielzeugschwan jedoch kaum, und auch das aus Schiffstrümmern zusammengebastelte Floß der Medusa wirkt nicht sonderlich hochseetauglich. Ein schwarzer Engel der Geschichte breitet darauf bedrohlich seine schillernden Flügel aus. Die Utopie sind wir selbst – nur durch unser Handeln und menschliche Verbundenheit ist der Untergang noch zu aufzuhalten.
Bilder und Namen der zahlreichen herbeizitierten Denkerinnen und Denker werden an den seitlichen Bühnenrändern eingeblendet. Ein trockenes Lehrstück ist das Ganze trotz aller sorgfältigen Recherchearbeit im Archiv der Utopien jedoch nicht. Sondern eine höchst unterhaltsame Show mit starken Bildern und einer großartigen Live-Band. Jan Günther, Philip Mancarella und Samuel Reißer sorgen für einen mitreißenden Sound mit einer Menge bekannter Hits. Das hervorragend singende, ungemein spielfreudige Ensemble jagt mit irre schnellen Kostüm- und Figurenwechseln durch die diversen historischen und heutigen Narrative. Ständig herrscht Bewegung in diesem Strudel aus mehr oder weniger gescheiterten Hoffnungen. Trotz allem bleibt der kurzweilige Abend nicht in pessimistischem Geraune oder Last-Generation-Aktionismus hängen, sondern liefert – zumindest theatral – einen Optimismus-Anschub. Keine Panik auf den Resten der Archetopia! Begeisterter Premierenapplaus. E.E.-K.
Tatsächlich löst sich die Schiffskulisse bald auf. Ein Rumms, ein Bild fällt von der Wand. Der Kahn ist festgefahren und dümpelt orientierungslos im Nebel. „Ich bin mir nicht sicher, ab das überhaupt ein Schiff ist“, meint einer. „Das ist eine Metapher“, weiß ein anderer. Das ist das schwimmende Fahrzeug ohne Zweifel bei der musikalischen Utopiesuche Archetopia von Hausregisseur Simon Solberg (Inszenierung und Bühne). Utopie, dieses Wortspiel mit dem eutopischen Gut- und dem Nicht-Ort, verbindet sich hier mit der rettenden Arche aus dem Alten Testament und einer archäologischen Forschungsreise auf den Spuren gesellschaftlicher Zukunftsmodelle und zu Ideologien erstarrter Ideen.
Selbstverständlich darf hier der englische Staatsmann und Humanist Thomas Morus nicht fehlen, der 1516 das Genre des utopischen Romans erfand und die Insel Utopia auf der philosophischen Weltkarte platzierte. Auf der Kreuzfahrt mit prominenten Gästen geht es noch weiter zurück bis zu Platons Entwurf eines demokratischen Idealstaats, in dem die Regierenden per Los und nicht per Wahlen bestimmt werden. Eine Idee, die der belgische Historiker David Van Reybrouck vor kurzem wieder zur Diskussion gestellt hat. Die frühe Feministin Christine de Pizan mit ihrer 1405 erschienenen Stadt der Frauen taucht ebenso auf wie Tommaso Campanella mit seinem Sonnenstaat. Thomas Hobbes, Voltaire, Rousseau und Charles Darwin geben sich die Ehre. Eine peitschenknallende Benediktiner-Nonne predigt „Ora et labora“, Karl Marx mit Rauschebart purzelt aus der Wand und tanzt einen bei russischen Seeleuten beliebten Jablotschko.
Der Kommunismus ist ebenso gescheitert wie die meisten Versuche einer Abschaffung des Privateigentums und zur Schaffung von Verteilungsgerechtigkeit. Kapitalismuskritik ist billig, aber wer soll die Visionen von neuen, besseren Lebensweisen finanzieren? Der 1980 geborene niederländische Historiker Rutger Bregman plaudert mit charmantem holländischem Akzent über das bedingungslose Grundeinkommen. Der libertäre Milliardär, PayPal-Gründer und Trump-Anhänger Peter Thiel (*1967) erscheint als blasierter Schnösel. Elon Musk verbreitet auf X (vormals Twitter) seine Mars-Fantasien.
Die Folgen der kolonialen Ausbeutung und des hemmungslosen Ressourcenverbrauchs lassen die Zukunft ziemlich düster erscheinen. Dystopien haben Konjunktur im Medienuniversum. Wird die unaufhaltsame Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz sich als Segen oder Fluch erweisen? Und was ist mit dem Megaprojekt der vollkommen klimaneutralen Supercity „The Line“ in der saudi-arabischen Wüste? Allein der Bau verursacht astronomische Kohlendioxydemissionen. Lustig erscheint das Experiment der russischen Evolutionsbiologin Ljudmilla Trut zur Domestizierung von sibirischen Silberfüchsen. Wirklich schön ist die Community-Idee der italienisch-amerikanischen Philosophin Silvia Federici mit gemeinschaftlichem Eigentum und einer neuen Verteilung von Reproduktions- und Care-Arbeit. Dazu wird ein riesiger Plastikschwan über die Köpfe des Publikums weitergereicht, auf der Bühne trippelt das famose Ensemble dazu in Tüllröckchen ein putziges Schwanenballett. Als Rettungsboot taugt der Spielzeugschwan jedoch kaum, und auch das aus Schiffstrümmern zusammengebastelte Floß der Medusa wirkt nicht sonderlich hochseetauglich. Ein schwarzer Engel der Geschichte breitet darauf bedrohlich seine schillernden Flügel aus. Die Utopie sind wir selbst – nur durch unser Handeln und menschliche Verbundenheit ist der Untergang noch zu aufzuhalten.
Bilder und Namen der zahlreichen herbeizitierten Denkerinnen und Denker werden an den seitlichen Bühnenrändern eingeblendet. Ein trockenes Lehrstück ist das Ganze trotz aller sorgfältigen Recherchearbeit im Archiv der Utopien jedoch nicht. Sondern eine höchst unterhaltsame Show mit starken Bildern und einer großartigen Live-Band. Jan Günther, Philip Mancarella und Samuel Reißer sorgen für einen mitreißenden Sound mit einer Menge bekannter Hits. Das hervorragend singende, ungemein spielfreudige Ensemble jagt mit irre schnellen Kostüm- und Figurenwechseln durch die diversen historischen und heutigen Narrative. Ständig herrscht Bewegung in diesem Strudel aus mehr oder weniger gescheiterten Hoffnungen. Trotz allem bleibt der kurzweilige Abend nicht in pessimistischem Geraune oder Last-Generation-Aktionismus hängen, sondern liefert – zumindest theatral – einen Optimismus-Anschub. Keine Panik auf den Resten der Archetopia! Begeisterter Premierenapplaus. E.E.-K.
Donnerstag, 01. August 2024