Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Treibgut des Erinnerns - Uraufführung von Verena Regensburger - Werkstattbühne - kultur Nr. 187 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
kultur - Kritisches

Treibgut des Erinnerns - Uraufführung von Verena Regensburger - Werkstattbühne - kultur Nr. 187

Leerstellen zwischen Anfang und Ende

Treibgut des Erinnerns | © Ana Lukenda
Treibgut des Erinnerns | © Ana Lukenda
Inhalt Erinnern heißt Vergessen. Was bleibt im Gedächtnis, wenn jemand nicht mehr da ist? Welche Bruchstücke haken sich fest, wie werden sie vom Fluss der Zeit zerstreut und verschliffen? Was passiert, wenn eine Person nicht mehr ist, sondern war? Wie verändern Verluste die Bilder der Vergangenheit? Wie schreibt sich die Trauer (im doppelten Sinn) fort? Solche Fragen stellt die Autorin und Regisseurin Verena Regensburger in ihrem Rechercheprojekt Treibgut des Erinnerns, das sie in der Werkstatt auch selbst inszeniert hat. Dafür hat sie mit zahlreichen Menschen Gespräche geführt über Abschiede und Erinnerungen. Zusammen mit dem Ensemble ist daraus eine Textcollage entstanden, die verschiedene biografische Momentaufnahmen verknüpft.
Anfangs ertönt minutenlang ein regelmäßiger Herzschlag, der plötzlich abbricht. Edith Piafs trotziges Je ne regrette rien erklingt und wird lautstark von einem Staubsauger übertönt. Eine riesige graue Wand aus mobilen Schubladenschränken bestimmt den Raum (Bühne: Marie ­Häusner). Es ist ein Archiv der Erinnerungsstücke und verborgenen ­Ängste, eine Kartei des vergangenen Lebens und ein Versteck der vergessenen Erfahrungen. Ein wenig erinnern die metallisch kalten Module auch an Krematoriumsöfen oder an Kolumbarien zur Aufbewahrung von Urnen mit der Asche Verstorbener.
Erst einzeln, später gemeinsam, versuchen die drei namenlosen Akteure das Geschehene zu erfassen. Ein Mensch namens Martin ist gestorben. In welcher Beziehung stand er zu den Personen, die ihn nun mehr oder weniger vermissen?
Lena Geyer mit keck über die Jeans gezogenen Shorts und roter Lederjacke (Kostüme: Melina Poppe) lässt schon mal ihre Wut raus: „Du Arsch!“. Timo Kählert im grün-weißen Trainingsanzug erzählt verrückte Geschichten von Bierbong-Partys und bizarren Träumen. Aloys ­Reinhardt im roten Lederrock und ebensolchen High-Heels, dunklem Bart und rotblonder Perücke sieht ein bisschen aus wie einst eine androgyne österreichische Pop-Ikone. Trauer hat kein Geschlecht – alle drei Figuren sind Teil eines Ichs, das die eigene Vergänglichkeit reflektiert. Reinhardt findet in einer Schublade ein beschuhtes Bein, das dem seinen gleicht, und erschrickt sichtlich.
Das tapfere Schauspieler-Trio philosophiert über die Vergeblichkeit der individuellen und öffentlichen Trauerrituale und die unvermeidlichen Gedächtnislücken. Wie unterscheidet sich der Tod von Familienmitgliedern von dem persönlicher Freunde? Wäre die eigene Kindheit ohne die Erzählungen der anderen ein schwarzes Loch? Reinhardt berichtet von der erdrückenden Zuwendung einer übergriffigen Haushälterin. Väterliche Strenge kommt ebenso zur Sprache wie die Großmutter, die mitten im Krieg ein Kind zur Welt brachte. Ist die Geburt ein von Todesangst geprägter erster Abschied, und bleibt der ganze Rest eine Leerstelle? Gefüllt mit Treibgut aus notorisch unzuverlässigen Erinnerungen und Archivmaterial aus dem kollektiven Gedächtnis? Antworten auf die vielen Fragen kann es nicht geben. Ein großes Drama ist das Stück nicht. Aber eine kluge Denkanregung durchaus. Entsprechend irritierter Premierenbeifall. E.E.-K.

Donnerstag, 01. August 2024