kultur - Kritisches
Frauen vor Flusslandschaft - Uraufführung nach dem Roman von Heinrich Böll - Schauspielhaus - kultur Nr. 187
Schatten der Bonner Republik
Frauen vor Flusslandschaft
| © Matthias Jung
Inhalt
Im Mai feierte Deutschland 75 Jahre Grundgesetz. Insbesondere natürlich in Bonn, wo das Werk verhandelt und 1949 unterzeichnet wurde. Im Sommer 1985, 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft, erschien Heinrich Bölls letzter Roman – wenige Wochen nach dem Tod des 1917 in Köln geborenen Schriftstellers, der 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. In Frauen vor Flusslandschaft. Roman in Dialogen und Selbstgesprächen hat der Autor sich als Erzähler ausgeschaltet und eine Theaterform gewählt. Bölls Text besteht aus wörtlicher Rede und Szenenanweisungen. Er verlangt geradezu nach der Bühne. Bereits 1988 hat Volker Schlöndorff es in den Münchner Kammerspielen inszeniert.
Knapp vier Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung hat der Bonner Schauspieldirektor Jens Groß das Werk des unbestechlichen Chronisten der Bonner Republik und streitbaren Demokraten nun an seinen Original-Schauplatz zurückgeholt. Ort des Geschehens ist eine Villengegend am Rhein in Bad Godesberg. Der bekannte Autor, Dramatiker und Dramaturg John von Düffel (von 1998 bis 2000 war er als Dramaturg am Bonner Schauspiel engagiert, 2025 übernimmt er die Intendanz des Bamberger E.T.A. Hoffmann-Theaters) und die Bonner Dramaturgin Nadja Groß haben dafür eine neue Bühnenfassung erarbeitet. Zu Wort kommen hier nur die Frauen. Der im Original recht hohe Redeanteil der Männer ist gestrichen oder auf die weiblichen Figuren verteilt. Gelegentlich melden sich die Herren als anonyme Stimmen aus dem Off.
In der Politik haben die Männer das Sagen, die Finanzmagnaten regieren im Hintergrund, die alten Nazi-Seilschaften funktionieren immer noch in dem verlogenen System aus Geld und Macht. Die deutsche Schuld ist versenkt im Rhein wie einst das Gold der Nibelungen und später manche Beweisstücke. Auch das Geschlecht der Frauen dient mitunter als Zahlungsmittel im Postenschacher. „Zuführen“ nennt man das im Jargon der Bosse. Frauen, die zu viel wissen oder plaudern, werden entsorgt in Luxussanatorien zwecks Korrektur ihrer Erinnerungen. Die große Bühne im Schauspielhaus erscheint wie das weiträumige Foyer einer solchen Nobelklinik (Bühne: Tom Musch). Umgeben von hellgrauen Vorhängen, hinter denen stets jemand lauschen kann. Vorne ein paar Barhocker und weitere Sitzmöbel. Daneben hängt von der Decke eine Garderobenstange mit unzähligen schwarzen Jacketts und weißen Kragen. Hinten steht ein Flügel, in dessen Tasten gelegentlich die Psychologin Dr. Dumpler greift. Das Instrument verweist auch auf den merkwürdigen Aussteiger Karl von Krayl, der den kostbaren Flügel seiner Familie – „Schon Beethoven hat darauf gespielt“ – zerlegt und verbrannt hat. Ab und zu erklingt ein schmerzhaft dissonanter Ton wie ein akustischer Rückkopplungseffekt (Musik: Malakoff Kowalski). Dann halten die Frauen kurz erschrocken inne wie bei einem Gefahrensignal.
Gekleidet sind alle Damen in elegantem Hellgrau und Vanillegelb (Kostüme: Philipp Basener). Grandios spielt Ursula Grossenbacher die Elisabeth Blaukrämer, die nicht mehr aufhören konnte zu schreien, als sie den totgesagten Wehrmachtsgeneral Plietsch wiedererkannte, der einst „Bluthund“ genannt wurde und nun als sauberer Demokrat in Bonn wieder auf höchster Ebene mitmischt. Traumatisiert vom schrecklichen Tod ihres Vaters und ihrer Brüder ist Elisabeth am Rhein gelandet. Wirklich geliebt hat sie einen jungen Russen, der verhaftet wurde und spurlos verschwand. Aber als angeblich von den Russen vergewaltigte und vertriebene preußische Adelige machte sich die hübsche junge Frau gut an der Seite des katholischen Provinzpolitikers Blaukrämer, der es nach Bonn schaffte und die ‚geisteskranke‘ Gattin in die Psychiatrie abschob. Elisabeths Kampf mit der strengen Ärztin Dr. Dumpler ist der Höhepunkt der Vorstellung. Sophie Basse mit grauer Langhaarperücke spielt die Medizinerin, die mit allen Tricks der psychoanalytischen Kunst ihrem Auftrag folgt, ihre Patientin als verlogene Hysterikerin abzustempeln. Dass sie gern mal die Psycho-Couch wie einen Sarg benutzt, ist methodisch unkonventionell, führt hier aber zum Erfolg: Die wütende Elisabeth hängt sich auf. Am Tag ihres Suizids feiert ihr Exgatte mit neuer Frau und vielen Gästen eine pompöse Party anlässlich seiner Ernennung zum Minister.
Birte Schrein verkörpert mit aufrechter Haltung Elisabeths selbstbewusste Freundin Erika Wubler, aus kleinen Verhältnissen aufgestiegen wie ihr Gatte Hermann, der im Dienst des geheimnisvollen Chundt (ausgesprochen wie „Schund“) im Hintergrund die Strippen zieht, es aber trotz aller Anstrengungen nicht bis nach ganz oben auf der Karriereleiter schafft. „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, weiß die erfahrene Erika und beschließt, einfach nicht mehr mitzuspielen. Ehrlichkeit passt freilich nicht ins geltende Konzept und muss mit Einsamkeit bezahlt werden.
Mit kessem Pillbox-Hütchen auf den blonden Dauerwellen gibt Lydia Stäubli die kühle Zynikerin Eva Plint aus neureicher Wirtschaftswunder-Familie („Mein Panzer ist das Geld“), Gattin des Klavierzerhackers Karl. Von dem lebt sie längst getrennt und ist liiert mit dem opportunistischen linksintellektuellen Bundestagsabgeordneten Ernst Grobsch. Kapitalistin mit angeheiratetem Adelstitel und proletarischem Aufsteiger als dekorativem Anhang – das ist gesellschaftlich akzeptabel.
Ansonsten geistert noch die junge Katharina Richter (als Gast: Trang Dông, eine deutsche Schauspielerin mit vietnamesischen Vorfahren) durch die Szenerie, gelernte Kellnerin und nebenbei beschäftigt mit ihrer akademischen Promotion. Sie führt den Haushalt bei den Wublers, serviert bei vielen Partys im Umkreis (warum das edle Porzellan ständig auf dem Boden herumliegt, weiß vermutlich nur der Geheimdienst), ist Karls neue Lebensgefährtin und hat einen Sohn mit ihm. Über sie wacht buchstäblich das deutsche Adlerauge. Immer wieder erscheint als Einblendung im Hintergrund der Bundesadler mit davor projiziertem lebendigem Auge, während Männerstimmen Katharina im Licht eines Suchscheinwerfers ins Verhör nehmen. Man befragt sie nach ihrer Beziehung zu dem verdächtigen Karl (sein Geld verdient der einstige Diplomat übrigens mit dem Stehlen von Mercedessternen für einen vermögenden russischen Auftraggeber) und weiteren Umständen ihrer prekären Existenz. Die Besetzung der Rolle bringt auch rassistische Vorurteile ins Spiel, ansonsten bleibt die Inszenierung dicht an der muffigen Atmosphäre der 80er Jahre und der frühen Ära Kohl. Bölls Text ist jedoch kein Schlüsselroman. Direkte Vorbilder für die Figuren hat er bewusst unkenntlich gelassen.
Die standfeste Katharina liefert indes das Stichwort für einen kurzen hoffnungsvollen Epilog. Die Frauen auf der Bühne entledigen sich der unbequemen Stöckelschuhe und engen Jacken und tänzeln befreit davon, während von oben eine Leinwand herunterfährt für Videos aus der Entstehungszeit des Böll-Romans, als Frauen das Parlament in größerer Zahl eroberten. Da sieht man all die „Unbeugsamen“ aus dem Dokumentarfilm von Torsten Körner. Von Waltraud Schoppe bis Rita Süssmuth und Ingrid Matthäus-Maier bis Petra Kelly. „Mehr Zärtlichkeit in der Politik“ forderte sie. Ihr tragisches Ende kommt hier nicht mehr vor. Für jüngeres Publikum ist dieser Schulfunk-Nachspann dennoch erhellend. Dass demokratische Tabuzonen immer weiter aufgebrochen werden und der wachsende Rechtspopulismus viele weibliche Gesichter hat, ist mittlerweile unübersehbar. Ein bisschen mehr kritischer Gegenwartsbezug hätte nicht geschadet. Sehenswert ist die Revision von Bölls Abrechnung mit der Bonner Männerrepublik trotzdem. Freundlicher Premierenbeifall.
E.E.-K.
Knapp vier Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung hat der Bonner Schauspieldirektor Jens Groß das Werk des unbestechlichen Chronisten der Bonner Republik und streitbaren Demokraten nun an seinen Original-Schauplatz zurückgeholt. Ort des Geschehens ist eine Villengegend am Rhein in Bad Godesberg. Der bekannte Autor, Dramatiker und Dramaturg John von Düffel (von 1998 bis 2000 war er als Dramaturg am Bonner Schauspiel engagiert, 2025 übernimmt er die Intendanz des Bamberger E.T.A. Hoffmann-Theaters) und die Bonner Dramaturgin Nadja Groß haben dafür eine neue Bühnenfassung erarbeitet. Zu Wort kommen hier nur die Frauen. Der im Original recht hohe Redeanteil der Männer ist gestrichen oder auf die weiblichen Figuren verteilt. Gelegentlich melden sich die Herren als anonyme Stimmen aus dem Off.
In der Politik haben die Männer das Sagen, die Finanzmagnaten regieren im Hintergrund, die alten Nazi-Seilschaften funktionieren immer noch in dem verlogenen System aus Geld und Macht. Die deutsche Schuld ist versenkt im Rhein wie einst das Gold der Nibelungen und später manche Beweisstücke. Auch das Geschlecht der Frauen dient mitunter als Zahlungsmittel im Postenschacher. „Zuführen“ nennt man das im Jargon der Bosse. Frauen, die zu viel wissen oder plaudern, werden entsorgt in Luxussanatorien zwecks Korrektur ihrer Erinnerungen. Die große Bühne im Schauspielhaus erscheint wie das weiträumige Foyer einer solchen Nobelklinik (Bühne: Tom Musch). Umgeben von hellgrauen Vorhängen, hinter denen stets jemand lauschen kann. Vorne ein paar Barhocker und weitere Sitzmöbel. Daneben hängt von der Decke eine Garderobenstange mit unzähligen schwarzen Jacketts und weißen Kragen. Hinten steht ein Flügel, in dessen Tasten gelegentlich die Psychologin Dr. Dumpler greift. Das Instrument verweist auch auf den merkwürdigen Aussteiger Karl von Krayl, der den kostbaren Flügel seiner Familie – „Schon Beethoven hat darauf gespielt“ – zerlegt und verbrannt hat. Ab und zu erklingt ein schmerzhaft dissonanter Ton wie ein akustischer Rückkopplungseffekt (Musik: Malakoff Kowalski). Dann halten die Frauen kurz erschrocken inne wie bei einem Gefahrensignal.
Gekleidet sind alle Damen in elegantem Hellgrau und Vanillegelb (Kostüme: Philipp Basener). Grandios spielt Ursula Grossenbacher die Elisabeth Blaukrämer, die nicht mehr aufhören konnte zu schreien, als sie den totgesagten Wehrmachtsgeneral Plietsch wiedererkannte, der einst „Bluthund“ genannt wurde und nun als sauberer Demokrat in Bonn wieder auf höchster Ebene mitmischt. Traumatisiert vom schrecklichen Tod ihres Vaters und ihrer Brüder ist Elisabeth am Rhein gelandet. Wirklich geliebt hat sie einen jungen Russen, der verhaftet wurde und spurlos verschwand. Aber als angeblich von den Russen vergewaltigte und vertriebene preußische Adelige machte sich die hübsche junge Frau gut an der Seite des katholischen Provinzpolitikers Blaukrämer, der es nach Bonn schaffte und die ‚geisteskranke‘ Gattin in die Psychiatrie abschob. Elisabeths Kampf mit der strengen Ärztin Dr. Dumpler ist der Höhepunkt der Vorstellung. Sophie Basse mit grauer Langhaarperücke spielt die Medizinerin, die mit allen Tricks der psychoanalytischen Kunst ihrem Auftrag folgt, ihre Patientin als verlogene Hysterikerin abzustempeln. Dass sie gern mal die Psycho-Couch wie einen Sarg benutzt, ist methodisch unkonventionell, führt hier aber zum Erfolg: Die wütende Elisabeth hängt sich auf. Am Tag ihres Suizids feiert ihr Exgatte mit neuer Frau und vielen Gästen eine pompöse Party anlässlich seiner Ernennung zum Minister.
Birte Schrein verkörpert mit aufrechter Haltung Elisabeths selbstbewusste Freundin Erika Wubler, aus kleinen Verhältnissen aufgestiegen wie ihr Gatte Hermann, der im Dienst des geheimnisvollen Chundt (ausgesprochen wie „Schund“) im Hintergrund die Strippen zieht, es aber trotz aller Anstrengungen nicht bis nach ganz oben auf der Karriereleiter schafft. „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, weiß die erfahrene Erika und beschließt, einfach nicht mehr mitzuspielen. Ehrlichkeit passt freilich nicht ins geltende Konzept und muss mit Einsamkeit bezahlt werden.
Mit kessem Pillbox-Hütchen auf den blonden Dauerwellen gibt Lydia Stäubli die kühle Zynikerin Eva Plint aus neureicher Wirtschaftswunder-Familie („Mein Panzer ist das Geld“), Gattin des Klavierzerhackers Karl. Von dem lebt sie längst getrennt und ist liiert mit dem opportunistischen linksintellektuellen Bundestagsabgeordneten Ernst Grobsch. Kapitalistin mit angeheiratetem Adelstitel und proletarischem Aufsteiger als dekorativem Anhang – das ist gesellschaftlich akzeptabel.
Ansonsten geistert noch die junge Katharina Richter (als Gast: Trang Dông, eine deutsche Schauspielerin mit vietnamesischen Vorfahren) durch die Szenerie, gelernte Kellnerin und nebenbei beschäftigt mit ihrer akademischen Promotion. Sie führt den Haushalt bei den Wublers, serviert bei vielen Partys im Umkreis (warum das edle Porzellan ständig auf dem Boden herumliegt, weiß vermutlich nur der Geheimdienst), ist Karls neue Lebensgefährtin und hat einen Sohn mit ihm. Über sie wacht buchstäblich das deutsche Adlerauge. Immer wieder erscheint als Einblendung im Hintergrund der Bundesadler mit davor projiziertem lebendigem Auge, während Männerstimmen Katharina im Licht eines Suchscheinwerfers ins Verhör nehmen. Man befragt sie nach ihrer Beziehung zu dem verdächtigen Karl (sein Geld verdient der einstige Diplomat übrigens mit dem Stehlen von Mercedessternen für einen vermögenden russischen Auftraggeber) und weiteren Umständen ihrer prekären Existenz. Die Besetzung der Rolle bringt auch rassistische Vorurteile ins Spiel, ansonsten bleibt die Inszenierung dicht an der muffigen Atmosphäre der 80er Jahre und der frühen Ära Kohl. Bölls Text ist jedoch kein Schlüsselroman. Direkte Vorbilder für die Figuren hat er bewusst unkenntlich gelassen.
Die standfeste Katharina liefert indes das Stichwort für einen kurzen hoffnungsvollen Epilog. Die Frauen auf der Bühne entledigen sich der unbequemen Stöckelschuhe und engen Jacken und tänzeln befreit davon, während von oben eine Leinwand herunterfährt für Videos aus der Entstehungszeit des Böll-Romans, als Frauen das Parlament in größerer Zahl eroberten. Da sieht man all die „Unbeugsamen“ aus dem Dokumentarfilm von Torsten Körner. Von Waltraud Schoppe bis Rita Süssmuth und Ingrid Matthäus-Maier bis Petra Kelly. „Mehr Zärtlichkeit in der Politik“ forderte sie. Ihr tragisches Ende kommt hier nicht mehr vor. Für jüngeres Publikum ist dieser Schulfunk-Nachspann dennoch erhellend. Dass demokratische Tabuzonen immer weiter aufgebrochen werden und der wachsende Rechtspopulismus viele weibliche Gesichter hat, ist mittlerweile unübersehbar. Ein bisschen mehr kritischer Gegenwartsbezug hätte nicht geschadet. Sehenswert ist die Revision von Bölls Abrechnung mit der Bonner Männerrepublik trotzdem. Freundlicher Premierenbeifall.
E.E.-K.
Donnerstag, 01. August 2024