kultur - Kritisches
Columbus von Werner Egk im Opernhaus - kultur 187 - Sommer 2024
Folgenreiche Entdeckungsreise
Columbus
| © Bettina Stoess
Inhalt
Christoph Kolumbus hat bis zu seinem einsamen Tod nicht erfahren, dass er im Jahr 1492 auf seiner Reise nach Westen über den Atlantik nicht das angestrebte Ziel Indien, sondern einen neuen Erdteil entdeckt hatte.
1930 wurde in Berlin die Oper Christophe Colomb des Franzosen Darius Milhaud mit einem Libretto von Paul Claudel uraufgeführt. Der Stoff inspirierte den jungen Komponisten Werner Egk, als er 1932 vom Bayerischen Rundfunk den Auftrag erhielt, eine Oper für das neue, populäre Medium Radio zu schreiben. Das Werk, für das er selbst den Text verfasste, wurde im Juli 1933 gesendet. 1934 folgte unter der musikalischen Leitung des Komponisten in München die konzertante Uraufführung vor Publikum. 1942 wurde Columbus. Bericht und Bildnis an den städtischen Bühnen Frankfurt erstmals szenisch präsentiert. In den 1950er Jahren wurde es noch einige Male aufgeführt und verschwand dann von den Spielplänen. In der verdienstvollen Reihe ‘Fokus 33‘ hat es der Regisseur Jakob Peters-Messer, der hier 2022 bereits mit Meyerbeers Ein Feldlager in Schlesien überregionales Aufsehen erregte, nun neu inszeniert.
Columbus ist episches Theater. Egk hatte in Berlin Kontakte zu dem Kreis um Brecht, Weill und Piscator, was er später nach seiner Verstrickung in die nationalsozialistische Kulturpolitik ausdrücklich betonte. Seine Oper ist kein Heldenepos, sondern wirft einen sehr kritischen Blick auf die Geschichte. Zwei Sprecher kommentieren das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven. Seine Klangsprache ist unmittelbar verständlich. Peters-Messer und sein Bühnenbildner Sebastian Hannak haben dazu starke, fast surreale Bilder entworfen und beziehen den ganzen Theaterraum mit ein. Das Orchester ist sichtbar hinten auf der Bühne platziert, in einer separierten, quasi sakralen Zone. Davor auf der Bühne stehen und liegen wie in einem Museumsdepot riesige weiße Artefakte aus den Kolonien (großes Kompliment an die Plastikerwerkstatt des Theaters Bonn!), ein deutlicher Hinweis auf die aktuelle Raubkunst-Diskussion. Dazwischen verschieden große Bildschirme, auf denen die Handlung per Videoeinblendungen eine weitere Dimension gewinnt.
Golden schimmern die Wände des Bühnenraums, golden sind auch die Gewänder der katholischen Würdenträger beim Konzil (Kostüme: Sven Bindseil), das Columbus‘ Reisepläne strikt ablehnt – nur die Kirche widersetzte sich noch der Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist. Ein „Goldenes Zeitalter“ sollte anbrechen, nachdem die Katholischen Könige Ferdinand II. von Aragón und Isabella I. von Kastilien Anfang 1492 Granada erobert und die Muslime und Juden aus dem Land vertrieben hatten. Das spanische „Siglo de Oro“ basierte auf der Ausbeutung der überseeischen Kolonien und brutalem Völkermord. Die von Columbus versprochenen Schätze animierten Isabella schließlich, seine Seefahrt ins Ungewisse zu finanzieren.
Columbus ist die einzige Figur der Oper, die Individualität und Emotionen zeigt. Der Bariton Giorgos Kanaris singt und spielt die anspruchsvolle Partie großartig. Er ist der verarmte Abenteurer aus Genua, der in Spanien sein Glück versucht und anfangs von allen für verrückt erklärt wird. Er ist der mutige Forscher, der die wissenschaftlichen Kenntnisse seiner Zeit nutzt und eine „Neue Welt“ entdeckt. Am Ende ist er der bitter Enttäuschte, dessen Lebenswerk in der Zerstörung des ersehnten Paradieses unterging. Kanaris gelingt es dabei überzeugend, die Widersprüche dieser Existenz deutlich zu machen. Immer wieder steigt er aus seiner Rolle aus, um die Persönlichkeit und das Handeln des Protagonisten zu reflektieren. Klangschön singt der spanische Tenor Santiago Sánchez den König Ferdinand. Die Sopranistin Anna Princeva (sie verlässt leider das Bonner Ensemble, wird aber als Gast weiter hier tätig sein) brilliert als Herrscherin Isabella, die nach ihrem Tod als blutbefleckte Gestalt in Columbus‘ Fieberfantasien erscheint. Sängerisch exzellent besetzt sind auch die kleineren Partien mit Martin Tzonev (als Mönch ganz in Schwarz), Carl Rumstadt, Christopher Jähnig und Mark Morouse (die drei Räte) und Tae Hwan Yun (Vorsänger).
Hauptakteur ist jedoch der große Chor (Chor des Theater Bonn, verstärkt durch den Extrachor), noch einstudiert von dem scheidenden Leiter Marco Medved. In ihren weißen Anzügen erscheinen sie wie Forscher in einem Weltraumlabor, sind u. a. Schiffsbesatzung und indigene Bevölkerung. Mehrfach treten sie auf den seitlichen Treppen des Zuschauerraums oder im zweiten Rang auf und machen das ganze Haus zum Schauplatz. Hervorragend agieren Bernd Braun und Christoph Gummert vom Bonner Schauspiel-Ensemble als Sprecher. Oft sind sie per Video zu sehen, mitunter sitzen sie im Publikum. Als hoffnungsvoller und als skeptischer Beobachter sind sie ständig anwesend und begleiten die Geschichte vom Aufbruch bis zur Rebellion der Auswanderer und dem kläglichen Scheitern des Entdeckers.
Die Christianisierung der Eingeborenen lieferte den ideologischen Hintergrund für die unmenschlichen Verbrechen der Eroberer und die bis heute fortwirkende koloniale Ausbeutung. Auf einem transparenten Vorhang eingeblendet werden die Berichte des Dominikanermönchs Bartolomé de las Casas, der von unvorstellbaren Grausamkeiten berichtet. Egks Columbus ist ein Lehrstück in Form eines dramatischen Oratoriums. Unter der musikalischen Leitung des Ersten Kapellmeisters Hermes Helfricht entfaltet es eine ungeheure klangliche Sogkraft. Das Beethoven Orchester und seine Solisten spielen mit fabelhafter Energie und Sensibilität dieses kurze, aber in vieler Hinsicht gewaltige Werk.
Die widersprüchliche Persönlichkeit des Komponisten, der unter dem Naziregime eine steile Karriere machte und nach dem Zweiten Weltkrieg rasch rehabilitiert wurde, kommt nicht auf der Bühne, aber in dem umfangreichen, sehr lesenswerten Programmheft zur Sprache. Die aufwändige Inszenierung steht deutlich im Kontext der heutigen Kolonialismus-Kritik, ist jedoch vor allem großes Musik- und Sprechtheater. Höchst sinnlich, aber desillusionierend. Am Ende steht die Einsicht: „Wohl dem Menschen, der Weisheit findet, (…) denn es ist besser, sie zu besitzen, als Silber, und ihr Ertrag ist besser als Gold.“ Begeisterter Premierenbeifall mit stehenden Ovationen. Ein Besuch ist dringend zu empfehlen! E.E.-K.
Es lohnt sich, die Ausstellung im Garderobenfoyer zu besichtigen, die zahlreiche Dokumente zur Rezeptionsgeschichte des Werkes präsentiert.
Dauer ca. 100 Minuten, keine Pause. Die letzten Termine: 28.06. // 4.07.24
1930 wurde in Berlin die Oper Christophe Colomb des Franzosen Darius Milhaud mit einem Libretto von Paul Claudel uraufgeführt. Der Stoff inspirierte den jungen Komponisten Werner Egk, als er 1932 vom Bayerischen Rundfunk den Auftrag erhielt, eine Oper für das neue, populäre Medium Radio zu schreiben. Das Werk, für das er selbst den Text verfasste, wurde im Juli 1933 gesendet. 1934 folgte unter der musikalischen Leitung des Komponisten in München die konzertante Uraufführung vor Publikum. 1942 wurde Columbus. Bericht und Bildnis an den städtischen Bühnen Frankfurt erstmals szenisch präsentiert. In den 1950er Jahren wurde es noch einige Male aufgeführt und verschwand dann von den Spielplänen. In der verdienstvollen Reihe ‘Fokus 33‘ hat es der Regisseur Jakob Peters-Messer, der hier 2022 bereits mit Meyerbeers Ein Feldlager in Schlesien überregionales Aufsehen erregte, nun neu inszeniert.
Columbus ist episches Theater. Egk hatte in Berlin Kontakte zu dem Kreis um Brecht, Weill und Piscator, was er später nach seiner Verstrickung in die nationalsozialistische Kulturpolitik ausdrücklich betonte. Seine Oper ist kein Heldenepos, sondern wirft einen sehr kritischen Blick auf die Geschichte. Zwei Sprecher kommentieren das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven. Seine Klangsprache ist unmittelbar verständlich. Peters-Messer und sein Bühnenbildner Sebastian Hannak haben dazu starke, fast surreale Bilder entworfen und beziehen den ganzen Theaterraum mit ein. Das Orchester ist sichtbar hinten auf der Bühne platziert, in einer separierten, quasi sakralen Zone. Davor auf der Bühne stehen und liegen wie in einem Museumsdepot riesige weiße Artefakte aus den Kolonien (großes Kompliment an die Plastikerwerkstatt des Theaters Bonn!), ein deutlicher Hinweis auf die aktuelle Raubkunst-Diskussion. Dazwischen verschieden große Bildschirme, auf denen die Handlung per Videoeinblendungen eine weitere Dimension gewinnt.
Golden schimmern die Wände des Bühnenraums, golden sind auch die Gewänder der katholischen Würdenträger beim Konzil (Kostüme: Sven Bindseil), das Columbus‘ Reisepläne strikt ablehnt – nur die Kirche widersetzte sich noch der Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist. Ein „Goldenes Zeitalter“ sollte anbrechen, nachdem die Katholischen Könige Ferdinand II. von Aragón und Isabella I. von Kastilien Anfang 1492 Granada erobert und die Muslime und Juden aus dem Land vertrieben hatten. Das spanische „Siglo de Oro“ basierte auf der Ausbeutung der überseeischen Kolonien und brutalem Völkermord. Die von Columbus versprochenen Schätze animierten Isabella schließlich, seine Seefahrt ins Ungewisse zu finanzieren.
Columbus ist die einzige Figur der Oper, die Individualität und Emotionen zeigt. Der Bariton Giorgos Kanaris singt und spielt die anspruchsvolle Partie großartig. Er ist der verarmte Abenteurer aus Genua, der in Spanien sein Glück versucht und anfangs von allen für verrückt erklärt wird. Er ist der mutige Forscher, der die wissenschaftlichen Kenntnisse seiner Zeit nutzt und eine „Neue Welt“ entdeckt. Am Ende ist er der bitter Enttäuschte, dessen Lebenswerk in der Zerstörung des ersehnten Paradieses unterging. Kanaris gelingt es dabei überzeugend, die Widersprüche dieser Existenz deutlich zu machen. Immer wieder steigt er aus seiner Rolle aus, um die Persönlichkeit und das Handeln des Protagonisten zu reflektieren. Klangschön singt der spanische Tenor Santiago Sánchez den König Ferdinand. Die Sopranistin Anna Princeva (sie verlässt leider das Bonner Ensemble, wird aber als Gast weiter hier tätig sein) brilliert als Herrscherin Isabella, die nach ihrem Tod als blutbefleckte Gestalt in Columbus‘ Fieberfantasien erscheint. Sängerisch exzellent besetzt sind auch die kleineren Partien mit Martin Tzonev (als Mönch ganz in Schwarz), Carl Rumstadt, Christopher Jähnig und Mark Morouse (die drei Räte) und Tae Hwan Yun (Vorsänger).
Hauptakteur ist jedoch der große Chor (Chor des Theater Bonn, verstärkt durch den Extrachor), noch einstudiert von dem scheidenden Leiter Marco Medved. In ihren weißen Anzügen erscheinen sie wie Forscher in einem Weltraumlabor, sind u. a. Schiffsbesatzung und indigene Bevölkerung. Mehrfach treten sie auf den seitlichen Treppen des Zuschauerraums oder im zweiten Rang auf und machen das ganze Haus zum Schauplatz. Hervorragend agieren Bernd Braun und Christoph Gummert vom Bonner Schauspiel-Ensemble als Sprecher. Oft sind sie per Video zu sehen, mitunter sitzen sie im Publikum. Als hoffnungsvoller und als skeptischer Beobachter sind sie ständig anwesend und begleiten die Geschichte vom Aufbruch bis zur Rebellion der Auswanderer und dem kläglichen Scheitern des Entdeckers.
Die Christianisierung der Eingeborenen lieferte den ideologischen Hintergrund für die unmenschlichen Verbrechen der Eroberer und die bis heute fortwirkende koloniale Ausbeutung. Auf einem transparenten Vorhang eingeblendet werden die Berichte des Dominikanermönchs Bartolomé de las Casas, der von unvorstellbaren Grausamkeiten berichtet. Egks Columbus ist ein Lehrstück in Form eines dramatischen Oratoriums. Unter der musikalischen Leitung des Ersten Kapellmeisters Hermes Helfricht entfaltet es eine ungeheure klangliche Sogkraft. Das Beethoven Orchester und seine Solisten spielen mit fabelhafter Energie und Sensibilität dieses kurze, aber in vieler Hinsicht gewaltige Werk.
Die widersprüchliche Persönlichkeit des Komponisten, der unter dem Naziregime eine steile Karriere machte und nach dem Zweiten Weltkrieg rasch rehabilitiert wurde, kommt nicht auf der Bühne, aber in dem umfangreichen, sehr lesenswerten Programmheft zur Sprache. Die aufwändige Inszenierung steht deutlich im Kontext der heutigen Kolonialismus-Kritik, ist jedoch vor allem großes Musik- und Sprechtheater. Höchst sinnlich, aber desillusionierend. Am Ende steht die Einsicht: „Wohl dem Menschen, der Weisheit findet, (…) denn es ist besser, sie zu besitzen, als Silber, und ihr Ertrag ist besser als Gold.“ Begeisterter Premierenbeifall mit stehenden Ovationen. Ein Besuch ist dringend zu empfehlen! E.E.-K.
Es lohnt sich, die Ausstellung im Garderobenfoyer zu besichtigen, die zahlreiche Dokumente zur Rezeptionsgeschichte des Werkes präsentiert.
Dauer ca. 100 Minuten, keine Pause. Die letzten Termine: 28.06. // 4.07.24
Donnerstag, 01. August 2024