kultur - Kritisches
Rico, Oskar und die Tieferschatten von Andreas Steinhöfel - Junges Theater Bonn - kultur Nr. 186 - Juni 2024
Ein fabelhaftes Team
Federico Doretti, genannt Rico, stellt sich allen Leuten als „tiefbegabtes Kind“ vor.
Rico, Oskar und die Tieferschatten
| © Benjamin Westhoff
Inhalt
In seinem Kopf herrscht nämlich manchmal ein großes Durcheinander,
und sein Orientierungsvermögen beschreibt er als das einer
„besoffenen Brieftaube im Schneesturm bei Windstärke 12“. Aber Rico
kommt gut damit klar. Zumal seine alleinerziehende Mutter ihm liebevoll
Sicherheit und Selbstvertrauen vermittelt. Sie hat extra eine Wohnung
in der schnurgeraden Berliner Dieffenbachstraße gemietet, damit
Rico sich nicht verlaufen kann und es nicht weit hat zur Schule. Die Bezeichnung
„Fördereinrichtung“ hört Rico nicht so gern. Aber er erfindet
gern eigene Wörter. „Fundnudel“ zum Beispiel für ein auf der Straße entdecktes
Teigobjekt. Oder „Tieferschatten“ für die merkwürdigen Erscheinungen
im einsturzgefährdeten Hinterhaus.
Vor elf Jahren brachte das Junge Theater Bonn den mit etlichen Preisen
ausgezeichneten Roman Rico, Oskar und die Tieferschatten von
Andreas Steinhöfel schon einmal auf die Bühne. In der Regie von
Andreas Lachnit spielte Bernard Niemeyer damals den Herrn Marrak.
Nun hat Niemeyer die Geschichte völlig neu inszeniert. Deutlich näher an
der Erzählweise des Autors und an Ricos mitunter etwas verworrenen
Gedankengängen. Wenn Rico ein Wort nicht versteht, sucht er es wissbegierig
in einem Lexikon. Diese Erklärungen mitsamt seinen manchmal
recht eigenwilligen Kommentaren übernehmen hier die Mädchen Agnes
(Grace Balcerak Jackson / Mathilde Jochem) und Nini (Anna Cremer /
Marlo Sonntag), die immer wieder auf die Bühne sausen und Rico ab und
zu auch beim Entwirren seiner Überlegungen helfen. Bühnenbildnerin
Mara Lena Schönborn hat dafür eine zweigeschossige Kreuzberger Häuserzeile
entworfen mit den typischen Gründerzeitfassaden und Graffiti
sowie einem alten Spielplatzkarussell. Die Inszenierung durchbricht geschickt
den vordergründigen Realismus. Das Mobiliar für die wechselnden
Schauplätze wird aus einem seitlichen Schuppen geholt oder rasch
verschoben; eine blaue Mülltonne dient auch schon mal als Küchenherd.
Es ist Ricos Perspektive auf seine kleine Welt, die hier die Szenen bestimmt.
Hervorragend verkörpert Paul Rees (alternierend mit Henri Reisen) den
stets munteren, kräftigen Jungen, der einfach nicht so tickt wie die anderen
Kinder. Auf der Straße trifft er den kleinen Oskar, beeindruckend
gespielt von Julian Heuser (alternierend mit Levi Massonne). Oskar ist
„hochbegabt“, hat Unmengen von Wissen in seinem Superhirn gespeichert,
fürchtet sich vor der ganzen Welt und trägt deshalb immer einen
Schutzhelm. Zwei Außenseiter, die sich gemeinsam als unschlagbar erweisen.
Denn die Stadt wird heimgesucht von dem seltsamen „Aldi-Kidnapper“.
So genannt, weil er Kinder entführt und gegen ungewöhnlich
geringes Lösegeld wieder freilässt. Die Krimi-Handlung steht jedoch nicht im Zentrum der Inszenierung.
Es geht um den Umgang mit angeblichen Defiziten und um gesellschaftliche Zugehörigkeit.
Andrea Brunetti spielt anrührend Ricos Mutter Tanja, die ihr Geld in einem
Nachtclub verdient und ihre Brüste als ihr „Betriebskapital“ betrachtet.
Den neuen Mieter Simon Westbühl (Jan Herrmann) bezeichnet sie gleich als „scharfe Schnitte“.
Giselheid Hönsch ist die ungemein sympathische alte Frau Dahling, die immer Zeit für Rico hat und gern zusammen
mit ihm vor dem Fernseher sitzt. Wie sie ihm etwas verdruckst erklärt,
was ein Call-Girl ist, gerät zu einem komödiantischen Glanzstück.
Zu lachen gibt es ohnehin viel. Jan Hermann als Tagesschausprecher im
korrekten Jackett zu bunten Shorts und Sockenhaltern (Kostüme:
Katharina Savvides) sorgt ebenso für Heiterkeit wie der verdreifachte
schmuddelige Herr Fitzke. Dass er Rico notorisch als „Schwachkopf“ anspricht,
erträgt dieser mit Fassung. Nicht sonderlich nett ist auch Herr Marrak vom Sicherheitsdienst (Sandra Kernenbach),
der sich darüber empört, dass viele Eltern sich zu wenig um ihre Kinder kümmern.
Wie am JTB üblich, sind die Kinderrollen doppelt besetzt, diesmal aber
auch mehrere erwachsene Figuren. Perfekt ist das Zusammenspiel der
erfahrenen Mitglieder des Profi-Ensembles mit den jungen Bühnenneulingen.
Unaufdringlich begleitet wird das spannende Geschehen vom
sensiblen Soundtrack des Komponisten Ralf Sunderdick. Wie Rico und
Oskar gemeinsam den Kriminalfall lösen, darf hier natürlich nicht verraten werden.
Wohl aber, dass hier das Kunststück gelungen ist, mit spielerischem
Witz und tollem Tempo die großen Themen Respekt und Inklusion
zu präsentieren. Als wunderbar leichtfüßige Milieustudie ohne
demonstrative Moral. Entsprechend begeisterter Premierenapplaus.
Einziger Wermutstropfen: Es ist nach vielen Jahren im festen Engagement
Niemeyers vorläufig letzte Arbeit am JTB.
Die Aufführung wird empfohlen für Publikum ab 8 Jahren. (E.E.K.)
und sein Orientierungsvermögen beschreibt er als das einer
„besoffenen Brieftaube im Schneesturm bei Windstärke 12“. Aber Rico
kommt gut damit klar. Zumal seine alleinerziehende Mutter ihm liebevoll
Sicherheit und Selbstvertrauen vermittelt. Sie hat extra eine Wohnung
in der schnurgeraden Berliner Dieffenbachstraße gemietet, damit
Rico sich nicht verlaufen kann und es nicht weit hat zur Schule. Die Bezeichnung
„Fördereinrichtung“ hört Rico nicht so gern. Aber er erfindet
gern eigene Wörter. „Fundnudel“ zum Beispiel für ein auf der Straße entdecktes
Teigobjekt. Oder „Tieferschatten“ für die merkwürdigen Erscheinungen
im einsturzgefährdeten Hinterhaus.
Vor elf Jahren brachte das Junge Theater Bonn den mit etlichen Preisen
ausgezeichneten Roman Rico, Oskar und die Tieferschatten von
Andreas Steinhöfel schon einmal auf die Bühne. In der Regie von
Andreas Lachnit spielte Bernard Niemeyer damals den Herrn Marrak.
Nun hat Niemeyer die Geschichte völlig neu inszeniert. Deutlich näher an
der Erzählweise des Autors und an Ricos mitunter etwas verworrenen
Gedankengängen. Wenn Rico ein Wort nicht versteht, sucht er es wissbegierig
in einem Lexikon. Diese Erklärungen mitsamt seinen manchmal
recht eigenwilligen Kommentaren übernehmen hier die Mädchen Agnes
(Grace Balcerak Jackson / Mathilde Jochem) und Nini (Anna Cremer /
Marlo Sonntag), die immer wieder auf die Bühne sausen und Rico ab und
zu auch beim Entwirren seiner Überlegungen helfen. Bühnenbildnerin
Mara Lena Schönborn hat dafür eine zweigeschossige Kreuzberger Häuserzeile
entworfen mit den typischen Gründerzeitfassaden und Graffiti
sowie einem alten Spielplatzkarussell. Die Inszenierung durchbricht geschickt
den vordergründigen Realismus. Das Mobiliar für die wechselnden
Schauplätze wird aus einem seitlichen Schuppen geholt oder rasch
verschoben; eine blaue Mülltonne dient auch schon mal als Küchenherd.
Es ist Ricos Perspektive auf seine kleine Welt, die hier die Szenen bestimmt.
Hervorragend verkörpert Paul Rees (alternierend mit Henri Reisen) den
stets munteren, kräftigen Jungen, der einfach nicht so tickt wie die anderen
Kinder. Auf der Straße trifft er den kleinen Oskar, beeindruckend
gespielt von Julian Heuser (alternierend mit Levi Massonne). Oskar ist
„hochbegabt“, hat Unmengen von Wissen in seinem Superhirn gespeichert,
fürchtet sich vor der ganzen Welt und trägt deshalb immer einen
Schutzhelm. Zwei Außenseiter, die sich gemeinsam als unschlagbar erweisen.
Denn die Stadt wird heimgesucht von dem seltsamen „Aldi-Kidnapper“.
So genannt, weil er Kinder entführt und gegen ungewöhnlich
geringes Lösegeld wieder freilässt. Die Krimi-Handlung steht jedoch nicht im Zentrum der Inszenierung.
Es geht um den Umgang mit angeblichen Defiziten und um gesellschaftliche Zugehörigkeit.
Andrea Brunetti spielt anrührend Ricos Mutter Tanja, die ihr Geld in einem
Nachtclub verdient und ihre Brüste als ihr „Betriebskapital“ betrachtet.
Den neuen Mieter Simon Westbühl (Jan Herrmann) bezeichnet sie gleich als „scharfe Schnitte“.
Giselheid Hönsch ist die ungemein sympathische alte Frau Dahling, die immer Zeit für Rico hat und gern zusammen
mit ihm vor dem Fernseher sitzt. Wie sie ihm etwas verdruckst erklärt,
was ein Call-Girl ist, gerät zu einem komödiantischen Glanzstück.
Zu lachen gibt es ohnehin viel. Jan Hermann als Tagesschausprecher im
korrekten Jackett zu bunten Shorts und Sockenhaltern (Kostüme:
Katharina Savvides) sorgt ebenso für Heiterkeit wie der verdreifachte
schmuddelige Herr Fitzke. Dass er Rico notorisch als „Schwachkopf“ anspricht,
erträgt dieser mit Fassung. Nicht sonderlich nett ist auch Herr Marrak vom Sicherheitsdienst (Sandra Kernenbach),
der sich darüber empört, dass viele Eltern sich zu wenig um ihre Kinder kümmern.
Wie am JTB üblich, sind die Kinderrollen doppelt besetzt, diesmal aber
auch mehrere erwachsene Figuren. Perfekt ist das Zusammenspiel der
erfahrenen Mitglieder des Profi-Ensembles mit den jungen Bühnenneulingen.
Unaufdringlich begleitet wird das spannende Geschehen vom
sensiblen Soundtrack des Komponisten Ralf Sunderdick. Wie Rico und
Oskar gemeinsam den Kriminalfall lösen, darf hier natürlich nicht verraten werden.
Wohl aber, dass hier das Kunststück gelungen ist, mit spielerischem
Witz und tollem Tempo die großen Themen Respekt und Inklusion
zu präsentieren. Als wunderbar leichtfüßige Milieustudie ohne
demonstrative Moral. Entsprechend begeisterter Premierenapplaus.
Einziger Wermutstropfen: Es ist nach vielen Jahren im festen Engagement
Niemeyers vorläufig letzte Arbeit am JTB.
Die Aufführung wird empfohlen für Publikum ab 8 Jahren. (E.E.K.)
Mittwoch, 19. Juni 2024