Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Die Zeitmaschine nach H. G. Wells - Schauspielhaus - kultur Nr. 186 - Juni 2024 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
kultur - Kritisches

Die Zeitmaschine nach H. G. Wells - Schauspielhaus - kultur Nr. 186 - Juni 2024

Blick in Vergangenheit und Zukunft
Die Nebelmaschine wird gern eingesetzt von den jungen Zeitreisenden in dem partizipativen und inklusiven Projekt des Schauspiels.
Auch sonst gibt es allerhand spektakuläre Theatereffekte auf der großen Bühne.

Inhalt Zusammen mit zwei Schauspielern aus dem professionellen Ensemble haben sich 21 Kinder und Jugendliche
in der Regie von Dominic Friedel, der hier regelmäßig solche besonderen Inszenierungen erarbeitet,
mit den Dimensionen Raum und Zeit beschäftigt. „Es war mal, Freunde, die Welt anders. Und jetzt ist, was mal war“, erklärt eins der Kinder,
das wie eine Allegorie der Zeit erscheint. Was wäre denkbar, wenn man in die Vergangenheit reisen könnte? Könnte man
möglicherweise sterben, bevor man geboren wurde? Und schon tauchen sie in Ritterrüstungen auf (Kostüme: Annika Garling)
und sind in einem von kriegerischen Auseinandersetzungen heimgesuchten mittelalterlichen Dorf. Das Leben dort ist nicht gerade leicht und ziemlich gefährlich.
Also besser doch zurück in die Gegenwart. Aber welche? Die aus dem Jahr 1895, in dem H. G. Wells‘ berühmter dystopischer Roman Die Zeitmaschine erschien,
eine der ersten Science Fiction-Erzählungen? Sie bildet nur einen lockeren roten Faden für die Reflexionen der Jugendlichen, die selbst Texte zu ihren Vorstellungen von Gegenwart und Zukunft verfasst haben.
Das kann auch mal ein ganz konkreter Traum sein von inniger Liebe und einer großen Hochzeit in einer Lengsdorfer Kirche.
Oder die von seltsamen neuen Tieren und Pflanzen mit komischen Namen. Oder eine utopische Vision vom dauerhaften Frieden in der Welt.
Oft zelebrieren sie ihre Überlegungen als Chor auf fahrbaren Tribünen, mitunter auch als individuelle Figuren.
Der Autor Wells erscheint gleich doppelt. Die Schauspieler Christian Czeremnych und Sören Wunderlich im Outfit des späten 19. Jahrhunderts
mimen witzig den anonymen Zeitreisenden, der sich eine fahrradähnliche Zeitmaschine gebaut hat. Sie zitieren Wells’ Texte, drehen mit
einem Tandem ihre Kreise oder hocken als Beobachter auf einem Sofa am Bühnenrand. Wells‘ Ausflug in die Welt des Jahres 802701 wird eindrucksvoll präsentiert.
Glücklich und zufrieden leben dort die Eloi in einem Paradies voller duftender Früchte und Blumen. Frei von Krankheiten und jeglicher Mühsal. Doch der Schein trügt: Ihr Dasein wird bestimmt
von den Morlocks, die in ihrer dunklen Unterwelt an riesigen Maschinen die schöne Oberwelt in Gang halten und sich die Eloi als Schlachtvieh halten. Das Bühnenbild von Julian Marbach und das Licht
von Jorge Delgadillo entfalten da eine fabelhafte Suggestivkraft. Die Reise geht noch weiter in eine Zukunft, in der kaum noch Leben auf der Erde herrscht. Doch die Jugendlichen geben die Hoffnung nicht auf.
Die Wunden der beiden riesigen Weltkugelgerippe auf der Bühne werden mit bunten Bändern verbunden, die beiden Hälften wieder zum Globus zusammengesetzt und schweben vereint gen Himmel.
Ein schönes Bild und ein Zeichen dafür, dass die Gestaltung der Zukunft eine große Gegenwartsaufgabe bleibt. Die aufwändige Produktion besticht durch
starke Bilder und die Energie des jungen Ensembles aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, die mit ihren eigenen Zweifeln und Erwartungen zum Weiterdenken anregen.
Herzlicher Premierenbeifall. (E.E.K.)

Mittwoch, 26. Juni 2024