kultur - Kritisches
Die Liebe zu den drei Orangen von Sergei Prokofjew - Opernhaus - kultur Nr. 186 - Juni 2024
Vergnügliches Spektakel
Ein Riesenspaß ist diese Inszenierung von Prokofjews beliebtester Oper wirklich.
Die Liebe zu den drei Orangen
| © Bettina Stöß
Inhalt
Riesige Figuren recken ihre Köpfe aus großen bunten Schachteln, die an Karnevalswagen erinnern.
Ein grämlich dreinschauender Vertreter der Tragödie, ein Harlekin für die Komödie, eine blondgelockte Schönheit für
das lyrisch romantische Theater und – besonders lustig – altmodische Fernsehapparate für die vergnügungssüchtigen Hohlköpfe.
Auch der Komponist selbst gibt sich am Rand die Ehre. Und schon entbrennt ein heftiger Streit
zwischen den Gruppen, was denn nun aufgeführt werden soll. Chor und Extrachor unter der Leitung von Marco Medved agieren sängerisch und spielerisch
einfach fabelhaft in dieser ziemlich bizarren Eingangsszene und der folgenden Mischung aus Märchen, Magie, Melancholie und Machtintrigen.
Reichlich merkwürdig ist bereits die Entstehungsgeschichte des Werkes. Ein junger russischer Komponist und Klaviervirtuose schreibt in den USA nach einer alten italienischen Stegreifkomödie
eine Oper, die auf Französisch in der amerikanischen Industriemetropole Chicago kurz vor Weihnachten 1921 uraufgeführt wird und bald ihren Siegeszug um die Welt antritt.
Das 1761 veröffentlichte Märchenstück des berühmten italienischen Dichters Carlo Gozzi im Stil der Commedia dell’Arte hatte Prokofjew durch seinen Freund, den russischen Theateravantgardisten
Wsewolod Meyerhold, kennengelernt. Von diesem stammt die Idee zu dem Prolog und der bewussten Theatralisierung des Stoffes. Der italienische Regisseur
Leo Muscato, der an der Bonner Oper in den letzten Spielzeiten bereits mit Händels Xerxes und Agrippina sowie Rossinis Cenerentola komödiantische Glanzpunkte setzte, hat nun mit der Liebe zu den drei Orangen
(in der eher selten gespielten französischen Uraufführungsfassung) ein weiteres Highlight kreiert. Bühnenbildner Andrea Belli hat die Bühne ist ein besterntes,
magisch blaues Theateruniversum verwandelt, in dem zwischen Himmel und Hölle alles möglich erscheint (wunderbares Licht: Max Karbe). Die farbenfrohen Kostüme von Margherita Baldoni sind ein famoser Blickfang
und charakterisieren die verschiedenen Typen perfekt.
Immerhin sind 15 Solistinnen und Solisten erforderlich für die dramatischen Abenteuer um den von tiefen Depressionen heimgesuchten hypochondrischen
Prinzen, der sich vor lauter Lebensmüdigkeit kaum noch bewegen kann und in einem roten Sessel herumgefahren wird. Der lyrische Tenor
Uwe Stickert im kindlichen Matrosenanzug verkörpert den dicklichen, schwermütigen Jüngling hervorragend und ist auch den höchsten Tönen
mühelos gewachsen. Der in Bonn geborene Bass Magnus Piontek ist der König Treff, der seine liebe Not mit diesem lethargischen Thronfolger hat.
Der Bariton Carl Rumstadt als diensteifriger Pantalone – später auch als Windteufel Farfarello – weiß Rat: Man muss den Prinzen zum Lachen bringen.
Der Minister Leander (Christopher Jähnig) und seine Geliebte Clarisse (Khatuna Mikaberidze) die selbst auf den Thron spekulieren, wollen das natürlich
verhindern und verbünden sich mit der Hexe Fata Morgana. Die Sopranistin Yannick Muriel Noah ist in dieser Partie kaum zu toppen.
Erst mal sind alle Bemühungen des Hofstaats, den Prinzen aufzuheitern, vergeblich.
Als Fata Morgana jedoch im Streit mit dem Zauberer Tschelio (Martin Tzonev) auf den Rücken fällt und wie ein Käfer die Beine in die Luft streckt, entringt sich der Kehle des Prinzen anfangs
ein zaghaftes „Ha, ha“, das rasch in ein herzhaftes Gelächter mündet. Was die Hexe nicht kampflos hinnehmen kann und dem naiven Prinzen die unüberwindliche Liebe zu drei
Orangen in den Kopf zaubert. Der macht sich also mit dem kleinen Spaßmacher Truffaldino sofort auf den Weg. Der Tenor Tae Hwan Hun als quirliger Clown erobert alle Zuschauerherzen im Sturm.
Auch der Raub der Orangen aus dem Gewahrsam der schrecklichen Köchin gelingt, wobei der Bass Pavel Kudinov auf atemberaubend hohen Plateauschuhen bei seinem kurzen Auftritt für schallendes Gelächter
im Publikum sorgt. Leider werden die rasant wachsenden Früchte beim Marsch durch die trockene Wüste zu einem Problem. Truffaldino öffnet also eine Orange, der eine schöne Prinzessin entsteigt
und nach wenigen Tönen verdurstet. Bei der zweiten geht es ebenso. Linetta (Susanne Blattert) und Nicoletta (Ayaka Igarashi) ist ein extrem kurzes Bühnenleben vergönnt. Besser ergeht es
der hübschen, koketten Ninetta, die freilich nur überlebt, weil die Sonderlinge aus dem Chor ihr einen Eimer Wasser bringen. Marie Heeschen ist die bezaubernde Prinzessin, die im Nu das Herz des Prinzen gewinnt.
Doch da ist ja noch die rachsüchtige Fata Morgana, die das Mädchen in eine Ratte verwandelt. Ein Spielzeugtier saust über die Bühne, wahrend die Hexe ihre
Getreue Smeraldina (Ava Gesell) am Hof als Braut des Prinzen präsentiert. Doch der Chor greift erneut ein und verbannt Fata Morgana und ihre Freunde schließlich ins Nirgendwo hinter der Bühne.
Der Zeremonienmeister (Justo Rodriguez) und der Herold (Mark Morouse) sorgen mit dafür, dass alles ein gutes Ende nimmt. Morouse bläst sogar auf der Bühne die Bassposaune,
ein Instrument, das er gelernt hat, bevor er sich für den Gesang entschied.
Generalmusikdirektor Dirk Kaftan am Pult des großartig spielenden Beethoven Orchesters Bonn bringt alle musikalischen Facetten der kuriosen Geschichte zum Schillern und Glitzern. Herrlich witzig lässt er
Prokofjews freche Ironie durchscheinen, lässt subtile Tonmalerei auf schroffe Klänge treffen und macht Zitate aus der Operntradition hörbar. Dabei bringt der populäre
„Königsmarsch“ immer mal wieder Ordnung in das köstliche Durcheinander.
In ihrer Mischung aus absurdem Theater, Märchenabenteuer, Slapstick und buchstäblich umwerfender Komik ist Muscatos Inszenierung einfach unwiderstehlich.
Klar, dass da immer wieder Kritik an den dummen Machthabern und den bösen Intriganten durchscheint. Aber letztlich ist es wundervoller
Bühnenzauber. Amüsante Einzelszenen und große Massenauftritte, perfekt choreografierte Bewegungen und die fantastische Ausstattung machen
das Ganze zu einem hinreißenden Erlebnis. Gespielt, gesungen und musiziert wird auf höchstem Niveau. Wer bei dieser Aufführung nicht ins Lachen
gerät, dem ist wahrscheinlich wirklich nicht mehr zu helfen.
Fulminanter Premierenbeifall!
Ein Kinderstück ist diese Oper trotz der märchenhaften Handlung nicht.
Trotzdem kann sie aber jungem Publikum viel Spaß machen. (E.E.K.)
Ein grämlich dreinschauender Vertreter der Tragödie, ein Harlekin für die Komödie, eine blondgelockte Schönheit für
das lyrisch romantische Theater und – besonders lustig – altmodische Fernsehapparate für die vergnügungssüchtigen Hohlköpfe.
Auch der Komponist selbst gibt sich am Rand die Ehre. Und schon entbrennt ein heftiger Streit
zwischen den Gruppen, was denn nun aufgeführt werden soll. Chor und Extrachor unter der Leitung von Marco Medved agieren sängerisch und spielerisch
einfach fabelhaft in dieser ziemlich bizarren Eingangsszene und der folgenden Mischung aus Märchen, Magie, Melancholie und Machtintrigen.
Reichlich merkwürdig ist bereits die Entstehungsgeschichte des Werkes. Ein junger russischer Komponist und Klaviervirtuose schreibt in den USA nach einer alten italienischen Stegreifkomödie
eine Oper, die auf Französisch in der amerikanischen Industriemetropole Chicago kurz vor Weihnachten 1921 uraufgeführt wird und bald ihren Siegeszug um die Welt antritt.
Das 1761 veröffentlichte Märchenstück des berühmten italienischen Dichters Carlo Gozzi im Stil der Commedia dell’Arte hatte Prokofjew durch seinen Freund, den russischen Theateravantgardisten
Wsewolod Meyerhold, kennengelernt. Von diesem stammt die Idee zu dem Prolog und der bewussten Theatralisierung des Stoffes. Der italienische Regisseur
Leo Muscato, der an der Bonner Oper in den letzten Spielzeiten bereits mit Händels Xerxes und Agrippina sowie Rossinis Cenerentola komödiantische Glanzpunkte setzte, hat nun mit der Liebe zu den drei Orangen
(in der eher selten gespielten französischen Uraufführungsfassung) ein weiteres Highlight kreiert. Bühnenbildner Andrea Belli hat die Bühne ist ein besterntes,
magisch blaues Theateruniversum verwandelt, in dem zwischen Himmel und Hölle alles möglich erscheint (wunderbares Licht: Max Karbe). Die farbenfrohen Kostüme von Margherita Baldoni sind ein famoser Blickfang
und charakterisieren die verschiedenen Typen perfekt.
Immerhin sind 15 Solistinnen und Solisten erforderlich für die dramatischen Abenteuer um den von tiefen Depressionen heimgesuchten hypochondrischen
Prinzen, der sich vor lauter Lebensmüdigkeit kaum noch bewegen kann und in einem roten Sessel herumgefahren wird. Der lyrische Tenor
Uwe Stickert im kindlichen Matrosenanzug verkörpert den dicklichen, schwermütigen Jüngling hervorragend und ist auch den höchsten Tönen
mühelos gewachsen. Der in Bonn geborene Bass Magnus Piontek ist der König Treff, der seine liebe Not mit diesem lethargischen Thronfolger hat.
Der Bariton Carl Rumstadt als diensteifriger Pantalone – später auch als Windteufel Farfarello – weiß Rat: Man muss den Prinzen zum Lachen bringen.
Der Minister Leander (Christopher Jähnig) und seine Geliebte Clarisse (Khatuna Mikaberidze) die selbst auf den Thron spekulieren, wollen das natürlich
verhindern und verbünden sich mit der Hexe Fata Morgana. Die Sopranistin Yannick Muriel Noah ist in dieser Partie kaum zu toppen.
Erst mal sind alle Bemühungen des Hofstaats, den Prinzen aufzuheitern, vergeblich.
Als Fata Morgana jedoch im Streit mit dem Zauberer Tschelio (Martin Tzonev) auf den Rücken fällt und wie ein Käfer die Beine in die Luft streckt, entringt sich der Kehle des Prinzen anfangs
ein zaghaftes „Ha, ha“, das rasch in ein herzhaftes Gelächter mündet. Was die Hexe nicht kampflos hinnehmen kann und dem naiven Prinzen die unüberwindliche Liebe zu drei
Orangen in den Kopf zaubert. Der macht sich also mit dem kleinen Spaßmacher Truffaldino sofort auf den Weg. Der Tenor Tae Hwan Hun als quirliger Clown erobert alle Zuschauerherzen im Sturm.
Auch der Raub der Orangen aus dem Gewahrsam der schrecklichen Köchin gelingt, wobei der Bass Pavel Kudinov auf atemberaubend hohen Plateauschuhen bei seinem kurzen Auftritt für schallendes Gelächter
im Publikum sorgt. Leider werden die rasant wachsenden Früchte beim Marsch durch die trockene Wüste zu einem Problem. Truffaldino öffnet also eine Orange, der eine schöne Prinzessin entsteigt
und nach wenigen Tönen verdurstet. Bei der zweiten geht es ebenso. Linetta (Susanne Blattert) und Nicoletta (Ayaka Igarashi) ist ein extrem kurzes Bühnenleben vergönnt. Besser ergeht es
der hübschen, koketten Ninetta, die freilich nur überlebt, weil die Sonderlinge aus dem Chor ihr einen Eimer Wasser bringen. Marie Heeschen ist die bezaubernde Prinzessin, die im Nu das Herz des Prinzen gewinnt.
Doch da ist ja noch die rachsüchtige Fata Morgana, die das Mädchen in eine Ratte verwandelt. Ein Spielzeugtier saust über die Bühne, wahrend die Hexe ihre
Getreue Smeraldina (Ava Gesell) am Hof als Braut des Prinzen präsentiert. Doch der Chor greift erneut ein und verbannt Fata Morgana und ihre Freunde schließlich ins Nirgendwo hinter der Bühne.
Der Zeremonienmeister (Justo Rodriguez) und der Herold (Mark Morouse) sorgen mit dafür, dass alles ein gutes Ende nimmt. Morouse bläst sogar auf der Bühne die Bassposaune,
ein Instrument, das er gelernt hat, bevor er sich für den Gesang entschied.
Generalmusikdirektor Dirk Kaftan am Pult des großartig spielenden Beethoven Orchesters Bonn bringt alle musikalischen Facetten der kuriosen Geschichte zum Schillern und Glitzern. Herrlich witzig lässt er
Prokofjews freche Ironie durchscheinen, lässt subtile Tonmalerei auf schroffe Klänge treffen und macht Zitate aus der Operntradition hörbar. Dabei bringt der populäre
„Königsmarsch“ immer mal wieder Ordnung in das köstliche Durcheinander.
In ihrer Mischung aus absurdem Theater, Märchenabenteuer, Slapstick und buchstäblich umwerfender Komik ist Muscatos Inszenierung einfach unwiderstehlich.
Klar, dass da immer wieder Kritik an den dummen Machthabern und den bösen Intriganten durchscheint. Aber letztlich ist es wundervoller
Bühnenzauber. Amüsante Einzelszenen und große Massenauftritte, perfekt choreografierte Bewegungen und die fantastische Ausstattung machen
das Ganze zu einem hinreißenden Erlebnis. Gespielt, gesungen und musiziert wird auf höchstem Niveau. Wer bei dieser Aufführung nicht ins Lachen
gerät, dem ist wahrscheinlich wirklich nicht mehr zu helfen.
Fulminanter Premierenbeifall!
Ein Kinderstück ist diese Oper trotz der märchenhaften Handlung nicht.
Trotzdem kann sie aber jungem Publikum viel Spaß machen. (E.E.K.)
Mittwoch, 26. Juni 2024