Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Bilder deiner großen Liebe von Wolfgang Herrndorf - Werkstatt - kultur Nr. 185 - April 2024 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
kultur - Kritisches

Bilder deiner großen Liebe von Wolfgang Herrndorf - Werkstatt - kultur Nr. 185 - April 2024

Fantastische Irrfahrt
„Verrückt heißt nicht bescheuert“ – das weiß Isa ganz genau.

Inhalt Manche Leserinnen und Leser kennen das 14jährige Mädchen aus Wolfgang Herrndorfs Jugendbuch-Bestseller Tschick.
Die beiden Jungs aus jener Geschichte kommen auch ganz kurz zitatweise vor in der Fragment gebliebenen Erzählung Bilder deiner großen Liebe,
die die Bonner Nachwuchsregisseurin Laura Ollech nun in der Werkstatt des Theaters Bonn auf die Bühne gebracht hat. Isa lebt in ihrer eigenen Welt,
kann beispielsweise mit einem Finger die Sonne verschieben und wäre gern befreundet mit Castor und Pollux. Aus der psychiatrischen Klinik bricht sie einfach aus.
Die albernen Psychotests nerven ebenso wie der Doktor, den sie kurzerhand aus dem Weg räumt. Dazu erklingt die Melodie von Piafs „Non, je ne regrette rien“.
Isa ist jetzt unterwegs, mal per Anhalter im Auto mit einer übergriffigen Blondine, mal am Rand der Autobahn, neben Bahngleisen oder im Boot auf einem Fluss.
Meistens läuft sie barfuß. In Isas Kopf ist alles möglich. Nichts muss so sein, wie es andere wahrnehmen. Ihr Alter spielt keine Rolle, ihre räumliche Orientierung ist sprunghaft.
Sie beherrscht viele Sprachen und verfügt über eine präzise Beobachtungsgabe. Isa erlebt die Welt zwar stringent, besucht das Grab des Mathematikers Cantor in Halle,
gehorcht aber keiner konventionellen Logik. Sandrine Zenner spielt dieses Geschöpf seiner eigenen Träume mit fabelhafter Intensität. Alle Figuren, die Isa auf ihrem Weg begegnen,
verkörpert der ungemein wandlungsfähige Daniel Stock. Er ist Psychiater, durchgeknallte Intellektuelle, Biobäuerin, taubstummer Junge, Schriftsteller oder der Kapitän,
der einst Bankräuber war. Auf der Bühne von Djamilja Brandt (Ausstattung und Video) dienen ständig verschobene weiße Stellwände als Projektionsflächen für die Bilder von Isas eigenwilliger Deutschlandreise.
Unaufdringlich wie Johannes Hofmanns Soundtrack zu diesem fantastischpoetischen Roadmovie. Dabei gibt es reichlich schwarzen Humor und viel zu lachen.
Herrlich komisch etwa ist die bizarre Szene aus einem ungeschriebenen Roman, in dem Isa als mittelalterliche Herzogin Isabella auftaucht.
Isa weiß, dass sie krank ist und jemanden braucht, der mit ihr glückl ich und traurig sein mag. Alle von Stock gespielten Gestalten sind immer auch Teil von Isas eigener Persönlichkeit.
Den beiden Akteuren gelingt diese rasante Tour durch wechselnde Identitäten, Gefühle und Erlebnisse hervorragend. Die entschieden sehenswerte Inszenierung wird zwar in der Reihe „Portal“ angeboten,
ist aber gewiss kein Kinderoder Jugendstück, sondern eher geeignet für Erwachsene. Herzlicher Premierenapplaus für die in vieler Hinsicht bewegende Vorstellung. (E.E.K.)

Montag, 24. Juni 2024