kultur - Kritisches
Ich, Samsa nach Franz Kafka - Theater im Ballsaal - kultur Nr. 185 - April 2024
Plötzlich ein Fremdkörper
Die Geschichte ist bekannt. Der brave Handelsreisende Gregor Samsa wacht eines Morgens auf und findet sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.
Inhalt
Der Regisseur Stefan Herrmann hat Kafkas berühmte Erzählung Die Verwandlung bereits höchst erfolgreich am Euro Theater Central inszeniert, wo sie seit 2011 im Repertoire steht.
Nun hat er zum 100. Todestag des Dichters mit seinem partizipativen Theaterkollektiv The Beautiful Minds einen völlig anderen Ansatz gewählt.
Ende Februar feierte im Theater im Ballsaal sein Stück Ich, Samsa seine Premiere. Untertitel: „Von der Erlösung aus dem falschen Leben“.
Zentrale Frage: Wie erleben junge Menschen heute die Situation des nicht Dazugehörens und das Gefühl, keinen Halt mehr zu finden? Der Raum wird bestimmt von einer
riesigen, steilen Schräge (Bühne und Kostüme: Trixy Royeck). Darauf liegt mit seltsam verrenkten Gliedmaßen die junge Schauspielerin Paula Götz, die kürzlich an der Kölner Schauspielschule "Der Keller"
ihre Ausbildung abschloss. Sie klammert sich an den oberen Rand der Holzplatte, stützt ihre Füße auf verschiedene auf der Platte befestigte Bruchstücke – darunter auch ein Buch,
vermutlich von Kafka. Sie scheint ständig gegen die Gefahr zu kämpfen, von dieser Bühne abzurutschen. Dabei spricht sie Kafkas Originaltext, zitiert Samsas Reflexionen über seinen Zustand
sowie die Bemerkungen von Familie und Kollegen. Sie spielt das vorzüglich, lässt sprachlich, mimisch und motorisch überzeugend die zunehmende Vereinsamung und Erschöpfung spürbar werden.
Davor treten immer wieder fünf junge Frauen (keine professionellen Schauspielerinnen, sondern Theateramateurinnen) in einer Reihe auf und berichten einzeln oder im Chor mit dem Blick nach vorn zum Publikum
von ihren Sorgen. „Ich bin allein. Überfordert und verängstigt und verzweifelt.
BachmannIch habe das Gefühl, ich bin nicht genug. Selbst meine Chatgruppe demütigt mich.“ Die Rede ist vom Fremdsein, von Panikattacken und wiederkehrenden Albträumen.
Einen direkten Kontakt zu der einsamen Heldin gibt es dabei nicht. Alle sind Samsa. Die literarische Vorlage und die alltagssprachlichen Sätze bleiben vordergründig separiert.
Die Verbindung stellt sich her durch das gemeinsame Erleben von Isolation und fragiler Identität. Sensibel begleitet wird die Vorstellung durch die Live-Musik von Benedikt Fuchs.
Langer Beifall für die beeindruckende Vorstellung, insbesondere für die hervorragende Protagonistin. (E.E.K.)
Nun hat er zum 100. Todestag des Dichters mit seinem partizipativen Theaterkollektiv The Beautiful Minds einen völlig anderen Ansatz gewählt.
Ende Februar feierte im Theater im Ballsaal sein Stück Ich, Samsa seine Premiere. Untertitel: „Von der Erlösung aus dem falschen Leben“.
Zentrale Frage: Wie erleben junge Menschen heute die Situation des nicht Dazugehörens und das Gefühl, keinen Halt mehr zu finden? Der Raum wird bestimmt von einer
riesigen, steilen Schräge (Bühne und Kostüme: Trixy Royeck). Darauf liegt mit seltsam verrenkten Gliedmaßen die junge Schauspielerin Paula Götz, die kürzlich an der Kölner Schauspielschule "Der Keller"
ihre Ausbildung abschloss. Sie klammert sich an den oberen Rand der Holzplatte, stützt ihre Füße auf verschiedene auf der Platte befestigte Bruchstücke – darunter auch ein Buch,
vermutlich von Kafka. Sie scheint ständig gegen die Gefahr zu kämpfen, von dieser Bühne abzurutschen. Dabei spricht sie Kafkas Originaltext, zitiert Samsas Reflexionen über seinen Zustand
sowie die Bemerkungen von Familie und Kollegen. Sie spielt das vorzüglich, lässt sprachlich, mimisch und motorisch überzeugend die zunehmende Vereinsamung und Erschöpfung spürbar werden.
Davor treten immer wieder fünf junge Frauen (keine professionellen Schauspielerinnen, sondern Theateramateurinnen) in einer Reihe auf und berichten einzeln oder im Chor mit dem Blick nach vorn zum Publikum
von ihren Sorgen. „Ich bin allein. Überfordert und verängstigt und verzweifelt.
BachmannIch habe das Gefühl, ich bin nicht genug. Selbst meine Chatgruppe demütigt mich.“ Die Rede ist vom Fremdsein, von Panikattacken und wiederkehrenden Albträumen.
Einen direkten Kontakt zu der einsamen Heldin gibt es dabei nicht. Alle sind Samsa. Die literarische Vorlage und die alltagssprachlichen Sätze bleiben vordergründig separiert.
Die Verbindung stellt sich her durch das gemeinsame Erleben von Isolation und fragiler Identität. Sensibel begleitet wird die Vorstellung durch die Live-Musik von Benedikt Fuchs.
Langer Beifall für die beeindruckende Vorstellung, insbesondere für die hervorragende Protagonistin. (E.E.K.)
Montag, 24. Juni 2024