kultur - Kritisches
Der letzte Vorhang von Maria Goos - Kleines Theater - kultur Nr. 185 - April 2024
Verwirrspiel zwischen Theater und Leben
„Wir sind die emotionale Elite“ behauptet der Schauspieler Richard. „Wir sind dressierte Affen“ entgegnet Lies, die sich längst von der Bühne verabschiedet hat.
Inhalt
Klar: Die Namen der Protagonisten spielen an auf das legendäre Hollywood-Glamourpaar Liz Taylor und Richard Burton.
Die Beziehungskiste von Lies und Richard ist allerdings ein paar Nummern kleiner. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ steht zwar nicht auf dem Programm.
Hochprozentiges bleibt jedoch stets in Griffweite, was die explosive Stimmung deutlich befördert. Es geht ums Theater in der Komödie "Der letzte Vorhang"
der vielfach preisgekrönten niederländischen Autorin Maria Goos. Im Kleinen Theater hat Ina-Kathrin Korff diesen Blick in die Kampfzone hinter den Kulissen als Charakterstück inszeniert.
Dirk Waanders ist das um seine Dominanz kämpfende eitle Möchtegern-Genie, physisch und psychisch immer auf Hochspannung. Besoffen von sich selbst und enormen Mengen Alkohol.
Hinter der Wucht seiner Erscheinung verbirgt er jedoch eine tiefe Verletzlichkeit. Christina Rohde spielt die ernüchterte Lies, die sich in ihrem Luxusdasein komfortabel eingerichtet hat,
aber von ihrer Liebe zu Richard nie ganz losgekommen ist. Sie ist nicht die unwiderstehliche Diva und verfolgt keine große künstlerische Mission. Richards Tiraden und Sticheleien
nimmt sie mit sanfter Ironie hin. Geprobt wird das Drama, mit dem die beiden vor dreißig Jahren ihre Abschlussprüfung an der Schauspielschule bestritten. Sie wurden auch privat ein Paar
und galten zeitweilig als Theater-Traumpaar. Lies trennte sich von Richard, gab ihren Beruf auf, heiratete einen wohlhabenden Gynäkologen und zog mit ihm nach Südfrankreich.
Richard blieb dem Theater treu, verschliss mit seiner Arroganz und Alkoholsucht zahlreiche Bühnen und Lebenspartnerinnen und blieb künstlerisch im soliden Mittelmaß stecken.
Nun ist Lies doch zurückgekehrt, um ihrem Ex-Partner aus der Patsche zu helfen. Denn die herzlich unbegabte Schauspielerin Jojanneke erwies sich als vollkommen untauglich und wurde schnell abserviert.
Die alte Beziehung flammt also wieder auf, scheinbar verheilte Wunden werden genüsslich aufgerissen und Gemeinheiten boshaft zelebriert. Das Duo schenkt sich nichts in diesem Verwirrspiel
um Illusion und Wirklichkeit, Liebe und Schmerz. Fast unmerklich schlüpfen die beiden Darsteller ohne markante Kostümwechsel ständig in diverse Rollen. Mal sind sie Kate und David
im geprobten Stück im Stück, mal die realen Personen in der Gegenwart, mal spielen sie Szenen aus ihrer Vergangenheit. Ausstatter Wesko Rohde hat dafür ein großes Dreisitzer-Sofa,
einen gut bestückten Getränketisch und ein paar Scheinwerfer auf die Bühne gestellt. Ein paar Lichtwechsel und Requisiten illustrieren die dauernden Handlungssprünge zwischen
fiktivem und echtem Drama. Ein komödiantisches Glanzstück ist die aus der Erinnerung nachgespielte Autofahrt im Vollrausch. Sehr witzig parodiert Richard auch Lies‘ eitlen,
kunstvernarrten Gatten Wouter, der beim gemeinsamen Abendessen schließlich sturzbetrunken hinters Sofa kippte. Wouter ist nämlich mit Lies angereist, um seinen millionenteuren Neuerwerb
zertifizieren zu lassen. Leider ein Flop: Das Rubens-Bild ist eine Werkstattarbeit von geringem Wert. „Was ist schon echt?“, fragt Lies gegen Ende des Stücks. Vielleicht ist es doch sowas wie Liebe,
was Lies und Richard zwischen Suff und Zoff im reifen Alter noch mal zusammenschweißt. Richard will gleich nach der Premiere des Stücks im Stück wieder in seine Stammkneipe flüchten, wo der Weg
von der Theke zum Klappbett in der Küche kurz ist. Aber Lies bleibt bis zum überraschenden Schluss hartnäckig.
Der letzte Vorhang kann warten. Auch wenn man nicht immer weiß, was echt ist und was gespielt. Überzeugter Premierenbeifall. (E.E.K.)
Die Beziehungskiste von Lies und Richard ist allerdings ein paar Nummern kleiner. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ steht zwar nicht auf dem Programm.
Hochprozentiges bleibt jedoch stets in Griffweite, was die explosive Stimmung deutlich befördert. Es geht ums Theater in der Komödie "Der letzte Vorhang"
der vielfach preisgekrönten niederländischen Autorin Maria Goos. Im Kleinen Theater hat Ina-Kathrin Korff diesen Blick in die Kampfzone hinter den Kulissen als Charakterstück inszeniert.
Dirk Waanders ist das um seine Dominanz kämpfende eitle Möchtegern-Genie, physisch und psychisch immer auf Hochspannung. Besoffen von sich selbst und enormen Mengen Alkohol.
Hinter der Wucht seiner Erscheinung verbirgt er jedoch eine tiefe Verletzlichkeit. Christina Rohde spielt die ernüchterte Lies, die sich in ihrem Luxusdasein komfortabel eingerichtet hat,
aber von ihrer Liebe zu Richard nie ganz losgekommen ist. Sie ist nicht die unwiderstehliche Diva und verfolgt keine große künstlerische Mission. Richards Tiraden und Sticheleien
nimmt sie mit sanfter Ironie hin. Geprobt wird das Drama, mit dem die beiden vor dreißig Jahren ihre Abschlussprüfung an der Schauspielschule bestritten. Sie wurden auch privat ein Paar
und galten zeitweilig als Theater-Traumpaar. Lies trennte sich von Richard, gab ihren Beruf auf, heiratete einen wohlhabenden Gynäkologen und zog mit ihm nach Südfrankreich.
Richard blieb dem Theater treu, verschliss mit seiner Arroganz und Alkoholsucht zahlreiche Bühnen und Lebenspartnerinnen und blieb künstlerisch im soliden Mittelmaß stecken.
Nun ist Lies doch zurückgekehrt, um ihrem Ex-Partner aus der Patsche zu helfen. Denn die herzlich unbegabte Schauspielerin Jojanneke erwies sich als vollkommen untauglich und wurde schnell abserviert.
Die alte Beziehung flammt also wieder auf, scheinbar verheilte Wunden werden genüsslich aufgerissen und Gemeinheiten boshaft zelebriert. Das Duo schenkt sich nichts in diesem Verwirrspiel
um Illusion und Wirklichkeit, Liebe und Schmerz. Fast unmerklich schlüpfen die beiden Darsteller ohne markante Kostümwechsel ständig in diverse Rollen. Mal sind sie Kate und David
im geprobten Stück im Stück, mal die realen Personen in der Gegenwart, mal spielen sie Szenen aus ihrer Vergangenheit. Ausstatter Wesko Rohde hat dafür ein großes Dreisitzer-Sofa,
einen gut bestückten Getränketisch und ein paar Scheinwerfer auf die Bühne gestellt. Ein paar Lichtwechsel und Requisiten illustrieren die dauernden Handlungssprünge zwischen
fiktivem und echtem Drama. Ein komödiantisches Glanzstück ist die aus der Erinnerung nachgespielte Autofahrt im Vollrausch. Sehr witzig parodiert Richard auch Lies‘ eitlen,
kunstvernarrten Gatten Wouter, der beim gemeinsamen Abendessen schließlich sturzbetrunken hinters Sofa kippte. Wouter ist nämlich mit Lies angereist, um seinen millionenteuren Neuerwerb
zertifizieren zu lassen. Leider ein Flop: Das Rubens-Bild ist eine Werkstattarbeit von geringem Wert. „Was ist schon echt?“, fragt Lies gegen Ende des Stücks. Vielleicht ist es doch sowas wie Liebe,
was Lies und Richard zwischen Suff und Zoff im reifen Alter noch mal zusammenschweißt. Richard will gleich nach der Premiere des Stücks im Stück wieder in seine Stammkneipe flüchten, wo der Weg
von der Theke zum Klappbett in der Küche kurz ist. Aber Lies bleibt bis zum überraschenden Schluss hartnäckig.
Der letzte Vorhang kann warten. Auch wenn man nicht immer weiß, was echt ist und was gespielt. Überzeugter Premierenbeifall. (E.E.K.)
Montag, 24. Juni 2024