Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Die Legende von Paul und Paula von Ulrich Plenzdorf - Schauspielhaus - kultur Nr. 185 - April 2024 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
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Die Legende von Paul und Paula von Ulrich Plenzdorf - Schauspielhaus - kultur Nr. 185 - April 2024

Vom Verlangen nach Leben und Glück
Sie haben sich nicht gesucht. Am Kiosk und auf der Kirmes sind sie aneinander vorbeigegangen. Bis sie sich Jahre später eines Abends in einer Tanzbar einfach gefunden haben.

Inhalt Paula, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, und Paul, verheiratet und Vater eines Sohnes.
Zwei, die einen Moment lang aus dem unbefriedigenden Alltag ausbrechen wollten und plötzlich das Glück trafen. „Wir lassen es dauern, solange es dauert“, sagt Paula.
„Wir machen nichts dagegen und nichts dafür“: Es wird kurz sein und dennoch unvergänglich. Das macht die Inszenierung von Roland Riebeling gleich am Anfang deutlich.
Er hat Ulrich Plenzdorfs Filmerzählung Die Legende von Paul und Paula, vor über 50 Jahren der größte Kino-Erfolg in der DDR, erfrischend neu auf die Bühne gebracht.
Ohne DDR-Nostalgie, sondern als zeitlose Geschichte von der Sehnsucht nach Freiheit und Liebe. Die Bühne von Tom Musch ist ein bunt beleuchteter Kirmesplatz und eine Arena
für die wechselnden Familien und Gesellschaftskonstellationen. In dem hölzernen Halbrund um den zentralen Schauplatz öffnen sich ständig Türen in die persönliche Lebenswelt der Figuren.
Da sind Paulas bescheidene Wohnung und Pauls heimliche Autowerkstatt, der Kiosk als Treffpunkt der Passanten und die Flaschensammelstelle des Supermarkts, in dem Paula
den Lebensunterhalt für sich und ihre kleine Tochter verdient. Die Kinder sind nicht nur ein zentrales Motiv der dramatischen Handlung. Sie sind hier tatsächlich anwesend und im Rollenalter besetzt.
Es geht dabei nicht um einen Niedlichkeitseffekt. Die Kinder gehören zu Paulas Lebenshunger, auch wenn die mütterliche Fürsorge ihr Dasein weiter einengt.
Julia Kathinka Philippi spielt ungemein vielschichtig die junge Frau, die bei allem Realismus die Welt mitunter wie ein eigensinniges Kind wahrnimmt. Sie kann gleichzeitig stark und zerbrechlich wirken,
sie ist intelligent und energisch, nüchtern und verträumt. Auf der tristen Kirmes irgendwo am Stadtrand begegnet Paula dem Karussellbetreiber Colly (Riccardo Ferreira).
Er zieht bei ihr ein, sie bekommt einen Sohn von ihm. Als sie mit dem Baby aus der Klinik heimkehrt, erwischt sie Colly im Bett mit einer anderen und schmeißt ihn raus.
Paul Michael Stiehler spielt eindrucksvoll den sensiblen, literarisch gebildeten Paul, der sich auf derselben Kirmes in die Tochter eines Schießbudenund Karussellbesitzers verliebt.
Ines ist hier kein blondes Dummchen, sondern eine selbstbewusste Medizinstudentin. Paul und Ines heiraten. Hochschwanger begegnet die junge Ärztin zum ersten Mal Paula,
die gerade ihr Baby zur Welt gebracht und die Geburt beinahe nicht überlebt hat. Die Theaterversion der Geschichte (Dramaturgie: Nadja Groß) verknüpft die Handlungsfäden dichter als der Film,
setzt weniger auf soziale Unterschiede und Berliner Lokalkolorit, sondern zeigt mit seltenem Mut zu psychologischem und emotionalem Feinschliff lauter nahbare Charaktere.
Imke Siebert ist die tüchtige Ines, die in ihrem Beruf aufgeht und wenig Zeit für Mann und Kind hat. Paul arbeitet an seiner Karriere als Außenhandelsreferent. Das Paar streitet sich –
zum Leidwesen des kleinen Micha – immer öfter und lebt sich mit der Zeit auseinander. Riccardo Ferreiras Colly ist kein oberflächlicher Herumtreiber. Seine Gefühle sind so ehrlich wie flüchtig.
Für die große Liebe ist er nicht geschaffen, er bleibt ein einsamer romantischer Irrläufer. Bodenständig ist dagegen der wohlhabende alte Autowerkstattbesitzer Saft, der sich rührend unbeholfen
um Paula bemüht. Janko Kahle spielt wunderbar diesen schüchternen Best-Ager, an dem das Leben irgendwie vorbeigegangen ist. Mit schnellen Umzügen und Perückenwechseln (Kostüme: Nini Von Selzam)
ist Kahle auch Ines‘ großspuriger Vater, der seinen Enkel verwöhnt und als Kirmesveteran seinem Jahrmarktsglück nachtrauert. Weil es doch noch mehr als Arbeiten und Schlafen geben muss,
denkt Paula daran, den Herrn Saft zu heiraten und ihren Kindern damit eine sichere Zukunft zu geben. Aber vorher will sie noch mal richtig feiern. Damit beginnt die legendäre Lovestory,
die wie alle großen Liebesgeschichten einen Todeskeim in sich trägt. Wunderbar poetisch und gleichzeitig komisch erscheint die ‚Traumhochzeit‘ unter einer Tüllwolke, schön auch Paulas Rückblick
auf ihre Familienverankerung am Ruder eines Flusskahns. Paul hält Paulas kompromissloser Liebe nicht Stand, man trennt sich, ohne voneinander lassen zu können. Bis zu dem Donnerschlag, der alles verändert.
Paulas Sohn kommt bei einem Autounfall ums Leben, sie gibt sich die Schuld und verbarrikadiert sich in ihrer Wohnung. Paul begreift endgültig, dass er zu ihr gehört, schlägt schließlich mit einem Beil ihre Wohnungstür ein
und weicht nicht mehr von ihrer Seite. Noch einmal scheint das Glück greifbar. Paula entscheidet sich trotz aller Warnungen für ein Kind von Paul und stirbt bei der Geburt.
Riebelings Inszenierung spielt nicht das Kino-Epos nach. Sie vertraut den puren Theatermitteln. Und der Musik, die erzählt, was nicht einfach zu sagen ist. Das Lied „Trauriges Kind“ der Band Keimzeit
gibt den melancholischen Grundton vor. Rio Reisers „Komm schlaf bei mir“ und „Halt dich an deiner Liebe fest“ erklingen ebenso wie Gundermanns „Hier bin ich geboren“ und Hubert Kahs „Sternenhimmel“.
Herr Saft blickt (ein wenig abseits) auf Kölsch mit BAP auf seine Vergangenheit: „Verdamp lang her“. Am Ende steht der Song „Wenn ein Mensch lebt“ von den Puhdys, die mit dem Film einst populär wurden.
Unter der musikalischen Leitung von Philip Breidenbach (auch mal klassisch zu erleben in der köstlichen Konzertszene, für die Paul und Paula im Publikum Platz nehmen) liefert die dreiköpfige Band
mit Mike Roelof und Nico Stallmann an Piano, Schlagzeug und E-Gitarre den LiveSoundtrack zum Spiel um Sehnsucht und Lebensverlangen. Das Schauspiel-Ensemble singt vorzüglich, allen voran
Riccardo Ferreira, der sich vorn am Bühnenrand immer wieder mit seiner Stimme einmischt. Das Ganze geht zu Herzen (das Publikum darf getrost ein paar Tränen verdrücken),
ohne in sentimentale Untiefen zu rutschen. Auch wenn der kleine rote Luftballon, der als Seelenbegleiter gen Bühnenhimmel fliegt, nur knapp am Kitsch vorbeischrammt.
Über allem schwebt das salomonische „Ein jegliches hat seine Zeit“. Die Kinder werden nicht allein sein. Und Paula bleibt unvergesslich.
Begeisterter Premierenbeifall mit Standing Ovations für das exzellente Schauspiel-Ensemble und das ganze Inszenierungsteam. Eine Aufführung, die man nicht verpassen sollte! (E.E.K.)

Montag, 24. Juni 2024