Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Eugen Onegin von Pjotr I. Tschaikowskij - Opernhaus - kultur Nr. 185 - April 2024 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
kultur - Kritisches

Eugen Onegin von Pjotr I. Tschaikowskij - Opernhaus - kultur Nr. 185 - April 2024

Verpasste Liebe
Die Welt der Familie Larin ist buchstäblich mit Brettern vernagelt.

Inhalt Die Witwe Larina lebt mit ihren beiden erwachsenen Töchtern auf dem Land fernab vom großstädtischen Getriebe.
Im Bühnenbild von Zinovy Margolin wird der verglaste Salon immer wieder auf den mit hohen hölzernen Wänden umstellten Hof geschoben.
Ein Flügel in der Mitte erinnert noch an das glanzvolle frühere Dasein. Nur gelegentlich öffnet sich hinten ein Blick nach draußen.
Vasily Barkhatovs ungemein sensible Inszenierung von Tschaikowskijs 1879 uraufgeführten „Lyrischen Szenen“ nach Alexander Puschkins
großem Versroman Eugen Onegin ist ein virtuoses psychologisches Spiel mit Innenund Außenwelt. Ganz in ihre romantische Bücherwelt versunken
ist die ältere Tochter Tatjana, die in dem weltgewandten Neuankömmling Onegin fast zwangsläufig den Mann ihrer Träume erkennt. Mutig wie ihre Romanheldinnen
ergreift sie die Initiative und schreibt ihm einen Liebesbrief. In der intimen nächtlichen Briefszene („Längst liebt ich dich, eh ich dich sah“) leuchtet die Sopranistin Anna Princeva
alle Seelenregungen dieser einsamen jungen Frau wunderbar aus. Dieses emotionale Highlight muss wirklich jeden mitten ins Herz treffen.
Doch der angebetete Adressat reagiert abweisend. Onegin zeigt zwar Verständnis, tätschelt freundlich Tatjanas Knie und leiht ihr fürsorglich seine Jacke,
bleibt aber in seinem eigenen unsteten Leben gefangen. Das langjährige Ensemble-Mitglied Giorgos Kanaris (in etlichen weiteren Vorstellungen der junge Bariton Carl Rumstadt)
spielt ihn nicht als forschen Lebemann sondern als Selbstzweifler, der von dem plötzlichen Gefühlsüberschwang schlicht überfordert ist. Die bitter enttäuschte Tatjana
lässt er buchstäblich im Regen stehen. Dem Leben zugewandt ist dagegen Tatjanas jüngere Schwester Olga (mit fabelhaft beweglichem Mezzosopran: Charlotte Quadt),
die gern mit dem Fahrrad die Gegend erkundet. Verlobt ist sie mit dem Gutsnachbarn und nach Bewunderung verlangenden jungen Dichter Lenskij
(mit ausdrucksvollem lyrischem Tenor: Santiago Sánchez). Stimmlich und darstellerisch großartig mit Gästen besetzt sind auch die tiefen weiblichen Partien:
die den guten alten Zeiten nachtrauernde Gutsbesitzerin Larina (die Mezzosopranistin Eva Vogel) und die vom harten Leben ernüchterte Amme Filipjewna (mit Rena Kleifeld).
Tschaikowskijs berühmteste Oper ist allerdings auch ein großes Chorwerk. Der Opernchor, einstudiert von Marco Medved, glänzt nicht nur sängerisch. Er bewältigt auch
seine spielerischen Aufgaben bravourös. Unter die Haut geht beispielsweise die brutale Demütigung Tatjanas als verschmähte Braut beim sommerlichen Volksfest
(jede einzelne Figur perfekt charakterisierende Kostüme: Olga Shaishmelashvili). Die tuschelnde Dorfgesellschaft, die die fremden Adeligen ohnehin argwöhnisch beobachtet,
kennt keine Gnade. Der große Ball zu Olgas Namenstag wird hier zu einem Wintervergnügen mit Schneeballschlacht und rasanten Schlittenfahrten auf der eigens im Hintergrund
aufgebauten Rodelbahn. Ein Sonderlob verdient nicht nur dabei die höchst agile Statisterie. Auch als Blaskapelle und in vielen anderen Rollen beleben sie die Szenerie mit vollem Einsatz.
Onegins trotziger kleiner Flirt mit der fröhlichen Olga geht im Schneegestöber fast unter. Aber der beleidigte Lenskij will Streit. Da hilft auch der zwecks Deeskalation herbeizitierte Franzose Triquet
(der Tenor Johannes Mertes) im rosa Kleid zum hohen Zylinder mit seinem sängerischen Kabinettstückchen nichts mehr. Es geht hier weniger um Eifersucht und Rache, auch wenn Lenskij
bei seiner tieftraurigen Abschiedsarie noch mal allem Tenorschmelz sein kurzes Glück besingt. Beim von ihm geforderten und von Onegin widerwillig akzeptierten Duell fällt nicht mal ein Schuss.
Von der gaffenden Menge bedrängt, stürzt Lenskij von der eisglatten Brücke in den Tod. Ein banaler Unfall, mehr nicht. Seine Leiche wird auf einem der Rodelschlitten abtransportiert.
Einige Jahre vergehen, im dritten Akt ist die ländliche Scheinidylle mitsamt ihren Bewohnern verschwunden und hat einer eleganten Petersburger Bahnhofshalle Platz gemacht
(bei der Bonner Premiere wurde dieses Bühnen-Meisterwerk mit Extraapplaus belohnt) in der der Fürst Gremin einen Empfang gibt. An seiner Seite die strahlend schöne Gattin Tatjana.
Und wieder buchstäblich: Der Bahnhof ist ein Durchgangsort, wo Menschen zufällig zusammentreffen. Der viel herumgereiste Onegin hat den Zug verpasst.
Tatjana ist eine Vernunftehe mit dem reichen Gremin eingegangen und eine selbstbewusste Dame von Welt geworden. Jetzt erst begreift Onegin seinen einstigen Fehler.
Er hat Tatjana von Anfang an geliebt und tut es nun umso heftiger. Zu spät, nun ist sie es, die ihn freundlich abfertigt und tröstend sein Knie tätschelt. Grandios inszeniert ist die Szene,
in der Gremin seinem Freund Onegin fast beiläufig am Büffet sein Glück als alternder Mann mit einer bezaubernden jungen Frau schildert. Der auch schauspielerisch famose Bass Pavel Kudinov
erhält für seine große Arie rauschenden Applaus. Später steht er – scheinbar nichtsahnend, aber nervös Zigaretten rauchend – draußen auf dem Bahnsteig, während drinnen der endgültige Abschied läuft.
Onegins heißes Flehen nützt nichts mehr. Tatjana liebt ihn zwar immer noch, wird aber ihrem Mann treu bleiben. Die Uhr ist abgelaufen. Die Zeit der großen romantischen Gefühle ist vorbei.
Diese bringt allerdings der Dirigent Hermes Helfricht am Pult des Beethoven Orchesters Bonn mit allen musikalischen Finessen zum Leuchten. Klanglich so sensibel bis in feinste Nuancen
durchhörbar wird die Aufführung zu einem Ereignis, das in jedem Moment berührt. Sängerisch und schauspielerisch erstklassig agiert das gesamte Ensemble. Barkhatovs Inszenierung
dieses frühen Höhepunkts des russischen Musiktheaters bleibt trotz aller emotionalen Tiefe sehr leicht und hebt die Komödienelemente der Geschichte hervor. Dass Princeva und Kudinov
in ihrer Muttersprache agieren können, ist sicher ein zusätzliches Plus. Dass die Inszenierung vor wenigen Jahren bereits (natürlich bis auf das darstellende Ensemble) fast identisch
in Wiesbaden herauskam, muss niemanden hier stören. Als kleiner Wermutstropfen bleibt höchstens, dass der Erste Kapellmeister Helfricht Bonn verlassen und ab 2025 Generalmusikdirektor
in Hagen wird. Glückwunsch an ihn! Großer Premierenjubel und Beifall im Stehen für die großartige Leistung aller Beteiligten an dieser Aufführung, die man nicht verpassen sollte. (E.E.K.)

Montag, 24. Juni 2024