Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Carl Rumstadt - Ein singender Flugbegleiter und ein russischer Dandy - kultur Nr. 184 - März 2024 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
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Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Carl Rumstadt - Ein singender Flugbegleiter und ein russischer Dandy - kultur Nr. 184 - März 2024

Am Abend vor unserem
Treffen feierte die Oper
„Flight“ von Jonathan
Dove (s. Kritik in dieser
kultur online) ihre Premiere.
Carl Rumstadt spielte
den Flugbegleiter.

Inhalt Am nächsten Tag beginnen
die Proben zu
Tschaikowskijs „Eugen
Onegin“. Rumstadt teilt
sich die Titelpartie mit
seinem Kollegen
Giorgos Kanaris, der sie
bei der Premiere am
3. März singen wird. Für den jungen Bariton ist es der russische Einstand.
„Wir haben sehr an der Aussprache gefeilt, denn der Sprachklang und die
andere Syntax gehören ja zur musikalischen Wirkung.“ Nun freut er sich
auf seine erste Zusammenarbeit mit dem russischen RegieStar
Vasily
Barkhatov. Am 14. April folgt dann gleich die Premiere von Prokofjews
„Die Liebe zu den drei Orangen“ – auf Französisch wie bei der Uraufführung
1921 in Chicago. Rumstadt verkörpert die Komödienfiguren Pantalone
und Farfarello.
Mit dem Regisseur Leo Muscato hat er bereits mehrfach zusammengearbeitet.
Als Dandini in dessen Inszenierung von Rossinis „La Cenerentola“
gab er Ende 2021 sein Bonner Debüt. Er gastierte damals neben seinem
festen Engagement in Trier als Danilo in der „Lustigen Witwe“ am Volkstheater
Rostock. Kurz nach seinem ersten Bonner Auftritt kam ein Anruf
mit dem Angebot, hier Mitglied des Ensembles zu werden. Seit der Spielzeit
2022/23 ist er fest am Theater Bonn engagiert. In Muscatos ungemein
witziger Inszenierung von Händels „Agrippina“ verkörperte er 2023 herrlich
komisch den feisten Höfling Pallante. Er sang außerdem den Silvano
in Verdis „Maskenball“, den maurischen Pilger in Schrekers „Der singende
Teufel“ und war in der laufenden Spielzeit u. a. in Schönbergs „Moses
und Aron“ und bei den Wiederaufnahmen von „Madama Butterfly“ und
„LiTaiPe“
zu erleben. In der zweiten Spielzeithälfte gibt es dann allerdings
kaum noch freie Momente. Anfang Mai folgen noch die Wiederaufnahme
der Familienoper „Iwein Löwenritter“ und gegen Ende der Saison
die Premiere von Werner Egks „Columbus“.
Mit Musik und Theater ist der 1992 in Stuttgart geborene Sohn der Sopranistin
Eva Kirchner und des Dirigenten Guido Johannes Rumstadt aufgewachsen.
Seine eigentliche Heimatstadt ist Regensburg, wo sein Vater
von 1998 bis 2004 Generalmusikdirektor war. „Wir waren natürlich viel in
Konzerten und im Theater, erste Bühnenerfahrungen sammelte ich als
Kinderstatist, was mir viel Spaß machte. Meine drei jüngeren Geschwister
haben aber alle vernünftige Berufe gelernt, nur ich entschied mich für
eine künstlerische Laufbahn“, erzählt er vergnügt bei einem Kaffee. Anfangs
spielte er Cello, die Begeisterung für den Gesang wuchs im Schulchor.
„Mit 14 Jahren, kurz nach meinem relativ frühen Stimmbruch, durfte
ich dort in Bachs Weihnachtsoratorium die BassRolle
singen. Ich bewarb
mich dann an der Hochschule für Musik in Nürnberg und wurde als
Jungstudent von Siegfried Jerusalem angenommen.“ Damals noch als tiefer
Bass, der Fachwechsel zum Bariton kam erst beim Studium in München.
Er pendelte regelmäßig zwischen Regensburg und Nürnberg – „Im
Zug lernte ich Lieder und machte Hausaufgaben für die Schule, gewöhnte
mich also schon mal an die Arbeit unterwegs.“
Nach dem Abitur studierte er in München Gesang an der Hochschule für
Musik und Theater und an der Bayerischen Theaterakademie August
Everding, wo es insbesondere um die Ausbildung der schauspielerischen
Fähigkeiten ging. Beide Studiengänge schloss er 2016 jeweils mit einem
Diplom ab. Krönender Abschluss seines Studiums war eine Konzertreise
nach Kairo und Muscat. Im prachtvollen neuen Opernhaus der Hauptstadt
des Oman präsentierten die jungen Talente der Münchner Musikhochschule
u. a. eine szenische Interpretation von Orffs „Carmina
Burana“. Rumstadt sang die Baritonsoli, die Sopranpartien seine Studienkollegin
Nikola Hillebrand, die bereits als Studentin an der Oper Bonn debütierte,
eine steile internationale Karriere machte und hier zuletzt 2021
als Zdenka in Strauss‘ „Arabella“ glänzte.
In einer Münchner HochschulProduktion
sang Rumstadt 2016 den Figaro
und bekam sofort ein festes Engagement am Konzert Theater Bern. In
der Schweizer Hauptstadt verkörperte er vor allem große MozartPartien
– neben dem Figaro auch Don Giovanni und Papageno. 2018 wechselte er
ins Ensemble des Theaters Trier, wo er sich ein umfangreiches Reper toire
und etliche große Partien im italienischen Fach erarbeiten konnte. In rund
90 Vorstellungen pro Saison stand er dort auf der Bühne – neben
Gastengagements in mehreren deutschen Städten und seiner Tätigkeit
als Liedund
Konzertsänger.
Bevor er in Bonn antrat, gab er im Frühjahr 2022 sein Debüt an der Staatsoper
Berlin als Herr Fluth in Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“,
inszeniert von David Bösch. Im Mai 2022 verkörperte er bei der Münchner
Biennale für neues Musiktheater eine der drei Hauptfiguren bei der
Uraufführung des Musikdramas „Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr“
des österreichischen Komponisten Bernhard Gander
(*1969), einer Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin, wo Rumstadt
damit erstmals auftrat. Das Libretto stammt von dem ukrainischen Dichter
Serhij Zhadan, der im Oktober 2022 mit dem Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels ausgezeichnet wurde. „Die Produktion hat mich zutiefst
berührt“, erzählt Rumstadt. „Während der Endproben wurde das
Ganze plötzlich brandaktuell wegen des russischen Überfalls auf die
Ukraine. Ich fand es großartig, dass wir dem Autor eine Stimme und eine
Plattform geben konnten. Die Vokalpartien sind allerdings höllisch schwer
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Ein singender Flugbegleiter und ein russischer Dandy
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zu singen. Dagegen ist ‚Flight‘ fast schon harmlos.“
Die Regisseurin Adriana Altraras kannte Rumstadt
bereits aus Bern. „Flight“ war – nach der
Wiederaufnahme von „Li Tai Pe“ – aber seine
erste ‚echte‘ Zusammenarbeit mit ihr. „Die
Atmosphäre während der Proben war toll und total
entspannt. Die von einigen wenigen im Publikum
als skandalös empfundene homoerotische
Szene war für uns kein Problem. Natürlich kostet
die körperliche Nähe etwas Überwindung. Aber
wenn ich Menschen auf der Bühne ermorde –
und als Bariton muss ich das ziemlich häufig tun
– regt sich niemanden auf.“
Trotz seiner vielen Probenund
Vorstellungstermine
steht am Karfreitag (29. März) noch ein besonderes
Konzert mit dem Beethoven Orchester
auf seinem Programm: Er singt die tiefe männliche
Stimme in Edward Elgars selten aufgeführtem
Oratorium „The Dream of Gerontius“. Unter
der musikalischen Leitung seines ehemaligen
Münchner Kommilitonen und Freundes Thomas Guggeis (*1993), der inzwischen
zu den Shooting Stars der internationalen Dirigentenszene zählt
und seit kurzem Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt ist. „Es ist ein
echtes Herzensprojekt. In unserer gemeinsamen Studentenbude haben
wir das Werk in verschiedenen Aufnahmen immer wieder gehört und beschlossen,
das irgendwann zusammen zu machen. Jetzt ist es endlich so
weit.“ Am 6. Mai wird der vielseitige junge Sänger dann in der beliebten
neuen Reihe „Liedersoireen“ im Foyer der Oper ein eigenes Überraschungsprogramm
präsentieren, auf das wir uns mit ihm jetzt schon freuen
dürfen.
Sein Repertoire reicht längst vom Barock bis ins 21. Jahrhundert. Fast alle
großen MozartBaritonpartien
(„Mozart ist gut für die Stimme“) hat er
schon gesungen und fühlt sich auch im italienischen Fach wohl. „Wie sich
meine Stimme weiter entwickeln wird, weiß ich
nicht. Im lyrischen Fach und als Kavaliersbariton
durfte ich schon viele schöne Rollen singen und
warte mit Respekt und Lust auf Neues.“ Bereits
verraten sei, in Wagners „Meistersingern“ in der
kommenden Saison wird er den Bäcker Fritz
Kothner spielen. Den Wolfram von Eschenbach
im „Tannhäuser“ hat er übrigens schon in Bern
gesungen.
Was er besonders mag, sind klassische Operetten,
die er gern noch öfter auf den Spielplänen
sähe. „Das ist das Richtige für die sängerische
und spielerische Entfaltung und macht – bestenfalls
– dem Publikum aller Generationen Spaß.
Mit der komischen Oper ‚Flight‘ sind wir ja gar
nicht so weit davon entfernt.“ An der Bonner
Oper gefällt ihm insbesondere die EnsembleArbeit.
„Es gibt hier wunderbare Kolleginnen und
Kollegen. Aus meiner Generation wie der Tenor
Santiago Sánchez und der Dirigent Hermes Helfricht,
die beide ebenfalls 1992 geboren wurden,
und sehr erfahrene Menschen in allen Bereichen, von denen man – in einem
verhältnismäßig geschützten Rahmen – eine Menge lernen kann.“ In
Bayern und in Russland gibt es zwar mehr Schnee als im Rheinland; bei einem
Ausflug ins zauberhaft verschneite Siebengebirge hat Carl schon mal
bei einer Schneeballschlacht mit Santiago das Duell OneginLenski
geprobt.
Die weiße Pracht ist zwar schnell weggeschmolzen, aber an spannenden
musikalischen Herausforderungen mangelt es dem sympathischen
Künstler demnächst sicher nicht.

Montag, 24. Juni 2024