Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Cosa Nostra – ganz einfach erklärt von Stefano Mazzini - Theater die Pathologie - kultur Nr. 184 - März 2024 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
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Cosa Nostra – ganz einfach erklärt von Stefano Mazzini - Theater die Pathologie - kultur Nr. 184 - März 2024

Hommage an eine mutige Frau
Wie findet man einfache Worte für komplexe Tatbestände? „Dies ist die
Geschichte einer Frau und einer Stadt“, sagt eine Kinderstimme aus dem
Off.

Inhalt Es geht um die Christdemokratin Elda Pucci, die am 19. April 1983
zur Bürgermeisterin von Palermo gewählt wurde. Die damals 55-jährige
renommierte Kinderärztin war die erste Frau an der Spitze der Hauptstadt Siziliens.
Ihre Amtszeit dauerte knapp ein Jahr lang. Der italienische Autor Stefano Mazzini (*1975),
international bekannt geworden vor allem durch seine Trilogie Lehman Brothers, hat Pucci einen 2022 uraufgeführten
Theatermonolog gewidmet, den das Theater die Pathologie Ende Januar erstmals auf Deutsch herausbrachte.
Cosa Nostra – ganz einfach erklärt (Originaltitel: Cosa Nostra spiegata ai bambini) versucht,
in schlichten Sätzen das fatale System aus Politik, Geschäft und Gewalt zu erläutern. So als ob die Signora Dottoressa
(bitte nicht „Signorina Dottore“!) mit ihren „picciriddi“ darüber spräche. Also mit ihren kleinen Patienten aus den Armenvierteln,
für die sie eine bessere Zukunft erkämpfen möchte.
Theaterchefin Maren Pfeiffer hat das kurze Drama inszeniert und bei der Premiere wegen einer plötzlichen Erkrankung der Schauspielerin
Christine Wolff auch kurzentschlossen (mit dem Text in der Hand) selbst gespielt. Ein bisschen Sizilien-Musik, ein paar italienische Zeitungen
an den Wänden des schwarzen Bühnenraums, ein Stuhl, ein Tisch mit drei kleinen Fläschchen (alkoholfreiem) Aperitivo rosato als Farbtupfer –
dazwischen die Ich-Erzählerin im schlichten schwarzen Kleid und einer Kette mit Kreuzanhänger. Kein Pathos, einfach nur das „Normale“:
„Zement, Antennen, Wäscheständer, Häuser über Häuser über Häuser…“. Heroinhandel, Morde und sehr viel Geld. Zwei Milliarden, das ist
eine Zahl mit neun Nullen, dazwischen Punkte wie „Kacke und Kleister“. Der Rest ist Buchhaltung wie üblich mit wohl gehüteten Geheimnissen.
Elda berichtet von dem zwölfjährigen Jungen, der das Ganze wie seine Clique begreift: Es gibt die starken „Chiddi“ (Kids), die sich im Hintergrund
halten, während die schwächeren in die Schlacht geschickt und die Spielverderber halt Opfer werden. Immer wieder begegnet sie in ihrer
Klinik von hilflosen Kindern. Da ist beispielsweise das halb verhungerte kleine Mädchen, dessen Vater die gespendeten Lebensmittel verkauft, um
seine Drogensucht zu finanzieren. Überall trifft sie Straßenkinder, die an mangelnder Fürsorge leiden. In Politik und Verwaltung rennt sie gegen
eine Mauer des Schweigens.
Nachdem im Juli 1983 der Richter und Antimafia-Kämpfer Rocco Chinnici durch eine Autobombe ermordet wurde, entschied Elda Pucci, dass die
Stadt Palermo erstmals als Nebenklägerin in einem Prozess gegen die Cosa Nostra auftreten solle. Am 13. April 1984 wurde sie durch ein
Misstrauensvotum des Stadtrats abgesetzt. Ein Jahr später wurde ihr Haus im Auftrag der Cosa Nostra in die Luft gesprengt. Ausdrücklich während
ihrer Abwesenheit, denn niemand traute sich, die beliebte Dottoressa umzubringen, die sich stets um die Kinder der Stadt gekümmert hatte.
Von 1992 bis 1994 war sie Abgeordnete im Europäischen Parlament, 2005 starb sie in ihrer Heimatstadt Palermo.
Es geht in dem Stück nicht um große Politik, sondern um eine tapfere Frau, die durchaus humorvoll ‚ihren‘ Kindern erklärt, warum die Cosa
Nostra eben nicht ihre Sache sein kann. Nach einer knappen Stunde verdienterBeifall für das beeindruckende Bühnensolo, mit Licht und Ton
sorgsam unterstützt von Michael Schöne. (E.E.K.)

Montag, 24. Juni 2024