Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Shirley Valentine von Willy Russell - Kleines Theater - kultur Nr. 184 - März 2024 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
kultur - Kritisches

Shirley Valentine von Willy Russell - Kleines Theater - kultur Nr. 184 - März 2024

Erfrischende Alltagskomödie
Da hockt sie nun in ihrer Küche mit einer Flasche Weißwein. Und redet
mit der stummen Wand. Shirley Bradshaw, geborene Valentine.

Inhalt Angefangen hat das alles, als ihr Mann Joe
nur noch „er“ wurde. Kam abends von der Arbeit, verlangte sein gewohntes Essen,
und das war’s. Die beiden erwachsenen Kinder sind aus dem Haus,
die Kontakte zu Freunden und Nachbarn sind irgendwie eingeschlafen.
Shirley, Hausfrau in Liverpool, inzwischen 60 Jahre alt, hat sich zwischen Herd und Waschmaschine
einfach den Gedanken an ein eigenes Leben verboten. Und nun hat Freundin Jane ihr
eine Reise nach Griechenland geschenkt. Vierzehn Tage weg von zu Hause – das ist verlockend,
aber Shirley traut sich nicht.
So beginnt das 1986 in Liverpool uraufgeführte Monologstück Shirley Valentine des britischen Theater- und
Drehbuchautors Willy Russell. Das Drama, in Deutschland auch bekannt unter dem wenig passenden Titel
Die heilige Johanna der Einbauküche, erhielt etliche Preise und wurde 1989 erfolgreich verfilmt.
Wie Theaterleiter Frank Oppermann vor der Premiere im Kleinen Theater erzählte, war er damals in Griechenland
und erlebte zufällig die Dreharbeiten. Vor rund 30 Jahren war das Stück schon einmal im Kleinen Theater zu sehen,
nun steht es dort wieder auf dem Spielplan. In der Regie von Michael Schäfer spielt Heike Schmidt,
die hier schon viele große Rollen verkörperte und zuletzt als Judy in End of the Rainbow zu erleben war, die Shirley.
Um es gleich vorweg zu sagen: Sie macht das großartig. Sie erzählt – der imaginären Wand im Hintergrund,
aber vor allem dem Publikum – wie ihr unspektakuläres Dasein so verlief. Sprunghaft, wie Erinnerungen eben sind.
Von ihrer Schulzeit, ihren Minderwertigkeitskomplexen und ihrem Neid
auf die brillante Mitschülerin Marjory. Von der überraschenden Wiederbegegnung mit ihr.
Von Tochter Millandra, die zu einer Freundin gezogen ist, und von Sohn Brian, der immer irgendwelche „Projekte“ im Kopf hat.
Von Supermarkteinkäufen bis zur Entdeckung der Klitoris – mit Witz
und Selbstironie entsteht da ein ebenso anrührendes wie komisches Panorama
eines verpassten Lebens. Schließlich fällt doch die Entscheidung: Shirley will Sonne, Strand und Sex.
Dann sitzt sie reisefertig in der Küche, hat nicht gewagt, ihrem Mann was
zu sagen und möchte am liebsten doch noch einen Rückzieher machen.
Doch ein paar letzte Demütigungen lassen sie allen Mut zusammennehmen.
Nach der Pause ist der schwarze Stoff im Hintergrund von einem
sanft wehenden weißen Vorhang verdeckt. Aus der mausgrauen Hausfrau
ist eine strahlende Erscheinung mit buntem Kleid und Sonnenhut (Bühne und Kostüme: Miriam Möller-Wieland) geworden.
Okay, Jane hat sich schon im Flieger einen reichen Typen geangelt und ist in seine Villa gezogen.
Aber Shirley fühlt sich wohl an ihrem Einzeltisch im Hotelrestaurant.
Für die mitleidigen Blicke und Einladungen der anderen Gäste
hat sie nur Spott übrig. Und dann ist da Costas, der genau weiß, wovon ältere einsame Engländerinnen träumen.
Er stellt ihr den Tisch an den Strand und macht mit ihr einen Bootausflug,
toller Sex inklusive. Shirley fliegt nicht zurück nach Liverpool.
Nicht etwa, weil sie sich in Costas verliebt hätte, sondern weil sie das Leben neu entdeckt hat.
Sie wird in Costas‘ Taverne als Kellnerin arbeiten. Sie ist wieder die muntere Shirley Valentine von früher.
Und Joe wird kommen, auch am Meer träumen und den Wein genießen in dem Land, wo die Trauben wachsen.
Es ist eine kleine Emanzipationsgeschichte ohne „Nora“-mäßiges Türenknallen
oder dramatische Verstrickungen. Shirley (in dieser Inszenierung
deutlich älter als im Originaltext) macht nicht abrupt Schluss, sondern fängt einfach mutig noch mal an.
Wie die fabelhafte Schauspielerin Heike Schmidt in ihrem sensiblen Solo all die kleinen Szenen und die Figuren
lebendig werden lässt und bis zur letzten Minute die Spannung hält, ist phänomenal.
Bei der fast ausgebuchten Premiere rauschender Applaus und Standing Ovations für die Komödie mit herzhaftem Tiefgang. (E.E.K.)

Montag, 24. Juni 2024