kultur - Kritisches
Die Kinder von Lucy Kirkwood - Werkstatt - kultur Nr. 184 - März 2024
Surreale Krisenkomödie
Meeresrauschen, Nebelschwaden, eine riesige Sonnenscheibe im
Hintergrund: Alles eher bedrohlich als behaglich.
Inhalt
Dabei sollte es ein geruhsamer
Lebensabend werden: Häuschen an der englischen Küste,
Yoga, Biogarten und ein paar Kühe. Dann kam die Katastrophe: Erd beben,
Tsunami, Kernschmelze im nahegelegenen Atomkraftwerk. Hazel
und ihr Mann Robin haben dort als Physiker bis zu ihrer Pensionierung
gearbeitet, den Reaktor entworfen und mitaufgebaut. Nun wohnen sie
am Rand der Sperrzone, ihre Idylle ist buchstäblich strahlend geworden.
Die britische Autorin Lucy Kirkwood (*1984) verarbeitet in ihrem 2016
am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführten Drama Die Kinder
vordergründig die Erfahrungen von Fukushima. Letztlich geht es aber um
die Verantwortung der Alten für die nächsten Generationen. Vor allem
jedoch ist es eine spannende Komödie mit pointierten Dialogen, überraschenden
Wendungen und viel schwarzem Humor. „Eine Komödie des
Untergangs“ nennt es der Regisseur Jan Neumann, der nach mehreren
Inszenierungen auf der großen
Schauspielbühne nun zum
ersten Mal in der Werkstatt
gearbeitet hat.
Ausstatterin Dorothee Curio
hat dafür eine abstrakte Bühne
mit imaginären Brandungswellen
entworfen. Ein irrealer
Raum – übrigens klimafreundlich
recycelt aus Elementen
der partizipativen Jugendproduktion
Das Floß der Medusa.
Auch die farbenfrohen Fantasiekostüme
lassen die Akteure
wie seltsam unwirkliche Kunstfiguren
erscheinen. Manchmal
stülpen sie sich Lampenschirme
über den Kopf, als wollten
sie ihre eigene Strahlung
testen. Die titelgebenden Kinder bleiben unsichtbar, sind aber als Stimmen
präsent und zitieren Regieanweisungen wie aus einem alten Märchenbuch.
Viel mehr erfährt man von ihnen nicht. Wie wird ihre Zukunft
aussehen angesichts von knapper werdenden Ressourcen, Klimawandel
und globalen Krisen? Wo liegt der KippPunkt
zwischen legitimen individuellen
Bedürfnissen und rücksichtslosem Egoismus? Müssen die Nachkommen
der BoomerGeneration
ausbaden, was diese angerichtet hat?
Fraglos als absoluter Glücksfall erweisen sich die drei erfahrenen Mitglieder
des Bonner SchauspielEnsembles,
die mit hinreißendem Witz
die Inszenierung tragen. Es beginnt fast wie eine Boulevardkomödie.
Birte Schrein im rosa Outfit mit aufgemalten grünen Pflanzen und
schlecht gefärbter Dauerwellenfrisur ist die notorische Realitätsverweigerin
Hazel. Sogar den Kuhkadaver am Bühnenrand ignoriert sie konsequent.
Selbstverständlich war sie neben ihrer Berufstätigkeit eine perfekte
Mutter. Und niemand kann so schön hysterisch lachen. Ursula
Grossenbacher spielt im himmelblauen Anzug mit Wolkenmuster und
eleganten roten Stiefeln ihre ehemalige Freundin und Kollegin Rose, die
einst ein leidenschaftliches Verhältnis mit Hazels Mann Robin hatte. 38
Jahre lang hat Rose erfolgreich in den USA gearbeitet, ist jetzt Witwe und
an ihren alten Wirkungsort zurückgekehrt. Ein wenig beunruhigend erscheint
ihr ständiges Nasenbluten. Ansonsten ist sie die nüchterne Wissenschaftlerin
geblieben, begabt mit sarkastischer Ironie. Wilhelm Eilers
als Robin mit langen grauen Locken und Sandalen sieht aus wie ein Althippie
und verbirgt hinter seiner jovialen Fassade heimliche Zweifel und
Sehnsüchte.
Was wie eine alte Beziehungsgeschichte mit kleinen Eifersüchteleien
und treffsicher verschossenen
verbalen Giftpfeilen anfängt,
entwickelt sich indes in eine
völlig andere Richtung. Denn
Rose hat eine Mission und einen
Plan. Schließlich kennen
die drei das Innenleben des
havarierten Reaktors besser
als irgendjemand sonst. In Fukushima
gab es eine pensionierte
Belegschaft, die sich
freiwillig bereit erklärte, die
verstrahlte Anlage aufzuräumen.
Rose fordert auf zum finalen
Tanz (Musik und Sounddesign:
Camill Jammal) am
Rand des Abgrunds.
Das kommt hier alles vollkommen
leichtfüßig daher ohne
aufdringliche Moral oder politische Agitation. Es geht um Krankheit, Alter,
Lebenslügen und eben um die Verantwortung für die Zukunft. Viel
Beifall für die höchst unterhaltsame Inszenierung und das großartige
Darstellertrio. Unbedingt sehenswert! (E.E.K.)
Lebensabend werden: Häuschen an der englischen Küste,
Yoga, Biogarten und ein paar Kühe. Dann kam die Katastrophe: Erd beben,
Tsunami, Kernschmelze im nahegelegenen Atomkraftwerk. Hazel
und ihr Mann Robin haben dort als Physiker bis zu ihrer Pensionierung
gearbeitet, den Reaktor entworfen und mitaufgebaut. Nun wohnen sie
am Rand der Sperrzone, ihre Idylle ist buchstäblich strahlend geworden.
Die britische Autorin Lucy Kirkwood (*1984) verarbeitet in ihrem 2016
am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführten Drama Die Kinder
vordergründig die Erfahrungen von Fukushima. Letztlich geht es aber um
die Verantwortung der Alten für die nächsten Generationen. Vor allem
jedoch ist es eine spannende Komödie mit pointierten Dialogen, überraschenden
Wendungen und viel schwarzem Humor. „Eine Komödie des
Untergangs“ nennt es der Regisseur Jan Neumann, der nach mehreren
Inszenierungen auf der großen
Schauspielbühne nun zum
ersten Mal in der Werkstatt
gearbeitet hat.
Ausstatterin Dorothee Curio
hat dafür eine abstrakte Bühne
mit imaginären Brandungswellen
entworfen. Ein irrealer
Raum – übrigens klimafreundlich
recycelt aus Elementen
der partizipativen Jugendproduktion
Das Floß der Medusa.
Auch die farbenfrohen Fantasiekostüme
lassen die Akteure
wie seltsam unwirkliche Kunstfiguren
erscheinen. Manchmal
stülpen sie sich Lampenschirme
über den Kopf, als wollten
sie ihre eigene Strahlung
testen. Die titelgebenden Kinder bleiben unsichtbar, sind aber als Stimmen
präsent und zitieren Regieanweisungen wie aus einem alten Märchenbuch.
Viel mehr erfährt man von ihnen nicht. Wie wird ihre Zukunft
aussehen angesichts von knapper werdenden Ressourcen, Klimawandel
und globalen Krisen? Wo liegt der KippPunkt
zwischen legitimen individuellen
Bedürfnissen und rücksichtslosem Egoismus? Müssen die Nachkommen
der BoomerGeneration
ausbaden, was diese angerichtet hat?
Fraglos als absoluter Glücksfall erweisen sich die drei erfahrenen Mitglieder
des Bonner SchauspielEnsembles,
die mit hinreißendem Witz
die Inszenierung tragen. Es beginnt fast wie eine Boulevardkomödie.
Birte Schrein im rosa Outfit mit aufgemalten grünen Pflanzen und
schlecht gefärbter Dauerwellenfrisur ist die notorische Realitätsverweigerin
Hazel. Sogar den Kuhkadaver am Bühnenrand ignoriert sie konsequent.
Selbstverständlich war sie neben ihrer Berufstätigkeit eine perfekte
Mutter. Und niemand kann so schön hysterisch lachen. Ursula
Grossenbacher spielt im himmelblauen Anzug mit Wolkenmuster und
eleganten roten Stiefeln ihre ehemalige Freundin und Kollegin Rose, die
einst ein leidenschaftliches Verhältnis mit Hazels Mann Robin hatte. 38
Jahre lang hat Rose erfolgreich in den USA gearbeitet, ist jetzt Witwe und
an ihren alten Wirkungsort zurückgekehrt. Ein wenig beunruhigend erscheint
ihr ständiges Nasenbluten. Ansonsten ist sie die nüchterne Wissenschaftlerin
geblieben, begabt mit sarkastischer Ironie. Wilhelm Eilers
als Robin mit langen grauen Locken und Sandalen sieht aus wie ein Althippie
und verbirgt hinter seiner jovialen Fassade heimliche Zweifel und
Sehnsüchte.
Was wie eine alte Beziehungsgeschichte mit kleinen Eifersüchteleien
und treffsicher verschossenen
verbalen Giftpfeilen anfängt,
entwickelt sich indes in eine
völlig andere Richtung. Denn
Rose hat eine Mission und einen
Plan. Schließlich kennen
die drei das Innenleben des
havarierten Reaktors besser
als irgendjemand sonst. In Fukushima
gab es eine pensionierte
Belegschaft, die sich
freiwillig bereit erklärte, die
verstrahlte Anlage aufzuräumen.
Rose fordert auf zum finalen
Tanz (Musik und Sounddesign:
Camill Jammal) am
Rand des Abgrunds.
Das kommt hier alles vollkommen
leichtfüßig daher ohne
aufdringliche Moral oder politische Agitation. Es geht um Krankheit, Alter,
Lebenslügen und eben um die Verantwortung für die Zukunft. Viel
Beifall für die höchst unterhaltsame Inszenierung und das großartige
Darstellertrio. Unbedingt sehenswert! (E.E.K.)
Montag, 24. Juni 2024