kultur - Kritisches
Nora oder Ein Puppenhaus von Henrik Ibsen - Schauspielhaus - kultur Nr. 184 - März 2024
Schrille Horrorkomödie
Schick hat sich die Familie Helmer eingerichtet. Ihr Puppenhaus ist eine
Art Loft mit zwei riesigen Bullaugenfenstern und Blick ins Grüne.
Nora
| © Sandra Then
Inhalt
Da draußen dürfen die Herren sogar mal auf die Jagd gehen und imaginäre
Tiere totschießen. Zusammen mit den Kindern, die hier schon er wachsen
sind und anscheinend überzeugte Cosplayer. Bewaffnet mit Hacke beil
und Schlachtermesser hocken sie wie Figuren eines Horrorfilms in der
Wohnung rum. Oben im ersten Stock hängt demonstrativ ein Urinal an
der Wand wie ein teures Kunstobjekt. Gleich zu Beginn der Vorstellung
praktizieren die Eltern Nora und Torvald darauf geräuschvoll Geschlechtsverkehr:
Die sexuelle Hygiene scheint auch nach über zwanzigJahren Ehe noch zu funktionieren.
Unten zitieren die altklugen Kids dazu allerhand theoretisch Angelesenes zur Krise
der bürgerlichen Familienkonstruktion.
Mama Nora mag ihren PopmusikLärm nicht, zu Papa Torvalds Büro muss man sowieso über ein
steiles Leitergerüst hochklettern. Ausstatter Maximilian Schwidlinski (Bühne und Kostüme) hat eine
künstliche Welt entworfen für Charlotte Sprengers Inszenierung von Ibsens Nora.
Das 1879 in Kopenhagen uraufgeführte Drama einer Frau, die Mann und Kinder verlässt,
um als eigenständige Person ein neues Leben zu beginnen, war damals ein Skandal.
Inzwischen ist es ein internationales Repertoirestück und ein literarischer Klassiker.
In der Spielzeit 2000/01 hat Dietrich Hilsdorf das Werk als Psycho-Kammerspiel
auf der Werkstattbühne des Theater Bonn präsentiert und dabei das männliche und weibliche Publikum
getrennt platziert. Klaus Weise inszenierte die Emanzipationsgeschichte in der Spielzeit 2006/07
auf der großen Bühne als elegante Selbstverwirklichungs-Show, in der Nora am Ende zur Pistole greift.
Bei Sprenger wird daraus ein postfeministisches Comedyspektakel: Nora auf dem Selbstoptimierungstrip.
Körperlich topfit zwar, aber nur Gattin, Hausfrau und Mutter – das ist im 21. Jahrhundert gesellschaftlich ein Auslaufmodell.
Reich und schön genügt nicht mehr für die soziale Anerkennung. Dabei hat sie doch selbst was geleistet.
Ohne sie wäre die Familie nicht in dieser komfortablen Situation.
Sie hat einst das Geld für die teure Kur ihres kranken Mannes besorgt,
der nun vom fleißigen Advokaten zum Chef der Aktienbank aufgestiegen ist. Und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf.
Die Geschichte ist bekannt: Urkundenfälschung, Erpressung, vom ehrgeizigen Ehegatten als Verbrecherin abgestraft,
aber zwecks Aufrechterhaltung der bürgerlichen Fassade weiterhin als Dekoration im Puppenhaus geduldet.
Finaler Türknall und Ausbruch der notorisch unterdrückten Frau aus der ScheinIdylle.
Sprenger erzählt das Ibsen-Drama wie eine TV-Soap.
Nora – hervorragend verkörpert von Sophie Basse – ist keine naive junge Frau mehr, sondern die attraktive Dauergefährtin
eines Karriere-Typen und ökonomisch von ihm abhängig: „Ich hatte keine Zeit für mich. Ich habe nichts gelernt.
“Barfuß im knappen Gymnastik-Outfit präsentiert sie ihre perfekt
durchtrainierte Erscheinung – ein Geschöpf aus der Retorte der Fitness-Studios
und Schönheitschirurgie. Sie tobt, brüllt und redet ungeniert (mitunter sogar auf astreinem Kölsch)
vom „Bumsen“ als Ehekitt. Die online bestellten Frustkäufe fliegen auf Geheiß des sparsamen Gemahls
paketweise aus dem Fenster. Auch das noch nicht abbezahlte Sofa
verschwindet mit Hilfe von Bühnenarbeitern aus der Wohnung.
Weil Torvald seiner entzückenden „kleinen Verschwenderin“ jedoch was
gönnt, dürfen die Kinder es später wieder reinholen.
Sören Wunderlich im magentafarben schillernden Anzug spielt den
Hausherrn nicht als verbohrten Macho, auch wenn er sich testosterongesteuert
gegen Ende mal auf dem Pissoir am falschen Objekt vergreift.
Aber Ordnung muss sein, das kriminelle Vergehen seiner Gemahlin – von
Dankbarkeit für seine Lebensrettung keine Spur! – passt einfach nicht in
sein männliches Weltbild. Wenn die Spuren sich schon nicht unter den
teuren Designerteppich kehren lassen, muss er halt mit dem Handstaubsauger
nachhelfen, während alle anderen betreten zuschauen.
Nora greift sofort zur Flinte, wenn ein Fremdling in ihren vergoldeten Käfig
eindringt. Lydia Stäubli gibt bravourös ihre Jugendfreundin Kristine
Linde, verwitwete Selfmade-Frau mit solidem Realismus (inkl. Schweizer
Heimat-Dialekt) und der Hoffnung auf einen guten Job in Torvalds Bank.
Timo Kählert als windiger Jurist Nils Krogstad taucht mit einem gelben
Postsack als Briefträger auf. Schließlich besitzt er Dokumente, die Noras
Fehltritt belegen und damit Torvalds Aufstieg gefährden könnten.
Kristines diplomatischer Deal mit ihrem einstigen Lover wäre fast die Lösung aller Probleme.
Mit dem Schlagerhit „Qué será, será“ sind die beiden dann bald unterwegs in die höheren Etagen
des Kapita-lManagements. Torvalds männliches Ego ist da allerdings bereits so verunsichert,
dass auch der Dienst eifer peripherer Underdogs nichts mehr hilft. Gar nicht mehr zu helfen ist dem todkranken
Arzt Doktor Rank, der Nora charmant mit Rosen und Botox-Spritzen versorgt.
Christian Czeremnych ist in der Rolle des melancholischen Hausfreunds
die einzige tragische Figur in diesem SelbstverwirklichungSpiel.
Mit schwarzer Hornbrille und gepflegter Selbstironie stolpert er über Treppenstufen
und genießt sein letztes Unglück. Das ist feinste Psycho-Raffinesse
im Taumel der Gespenster. Beim Maskenball streifen alle sich
weiße Betttücher über und tun so, als ob sie Grufti-Geister
wären. Nur die altklugen Kinder, die gelegentlich Noras Texte übernehmen, haben
den Spuk allmählich satt. Lena Geyer als schnippische, schwarzhaarige
Emmy und Jacob Z. Eckstein als meistens grimmig dreinblickender
blondlockiger Ivar legen ihre Kostüme ab und öffnen selbst mit Beil und
Messer die Tür für ihre zur Ehescheidung entschlossene Mama.
Zwischen infantilem Slapstick und ein bisschen abgestandener Gesellschaftskritik
bleibt die Inszenierung leider unentschieden hängen. Komplett
schmerzlos mit geringem Erkenntniswert. Der Unterhaltungswert
ist mit dem tapfer über alle Untiefen hinweg tanzenden, spielerisch famosen
Schauspiel-Ensemble dennoch ziemlich hoch. Nora, einst die TheaterIkone
des weiblichen Aufstands gegen männliche Dominanz, erscheint
hier nur noch als banales Relikt im Gefecht der Selbst-Performer.
Vordergründig ist die Aufführung eine harmlose Spaßveranstaltung,
hübsch boshaft garniert mit ein paar frechen Knalleffekten. Hintergründig
ist die Ansammlung von Klischees und Plattitüden aber durchaus ein
Denkanstoß. Rauschender Premieren-Applaus. (E.E.K.)
Tiere totschießen. Zusammen mit den Kindern, die hier schon er wachsen
sind und anscheinend überzeugte Cosplayer. Bewaffnet mit Hacke beil
und Schlachtermesser hocken sie wie Figuren eines Horrorfilms in der
Wohnung rum. Oben im ersten Stock hängt demonstrativ ein Urinal an
der Wand wie ein teures Kunstobjekt. Gleich zu Beginn der Vorstellung
praktizieren die Eltern Nora und Torvald darauf geräuschvoll Geschlechtsverkehr:
Die sexuelle Hygiene scheint auch nach über zwanzigJahren Ehe noch zu funktionieren.
Unten zitieren die altklugen Kids dazu allerhand theoretisch Angelesenes zur Krise
der bürgerlichen Familienkonstruktion.
Mama Nora mag ihren PopmusikLärm nicht, zu Papa Torvalds Büro muss man sowieso über ein
steiles Leitergerüst hochklettern. Ausstatter Maximilian Schwidlinski (Bühne und Kostüme) hat eine
künstliche Welt entworfen für Charlotte Sprengers Inszenierung von Ibsens Nora.
Das 1879 in Kopenhagen uraufgeführte Drama einer Frau, die Mann und Kinder verlässt,
um als eigenständige Person ein neues Leben zu beginnen, war damals ein Skandal.
Inzwischen ist es ein internationales Repertoirestück und ein literarischer Klassiker.
In der Spielzeit 2000/01 hat Dietrich Hilsdorf das Werk als Psycho-Kammerspiel
auf der Werkstattbühne des Theater Bonn präsentiert und dabei das männliche und weibliche Publikum
getrennt platziert. Klaus Weise inszenierte die Emanzipationsgeschichte in der Spielzeit 2006/07
auf der großen Bühne als elegante Selbstverwirklichungs-Show, in der Nora am Ende zur Pistole greift.
Bei Sprenger wird daraus ein postfeministisches Comedyspektakel: Nora auf dem Selbstoptimierungstrip.
Körperlich topfit zwar, aber nur Gattin, Hausfrau und Mutter – das ist im 21. Jahrhundert gesellschaftlich ein Auslaufmodell.
Reich und schön genügt nicht mehr für die soziale Anerkennung. Dabei hat sie doch selbst was geleistet.
Ohne sie wäre die Familie nicht in dieser komfortablen Situation.
Sie hat einst das Geld für die teure Kur ihres kranken Mannes besorgt,
der nun vom fleißigen Advokaten zum Chef der Aktienbank aufgestiegen ist. Und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf.
Die Geschichte ist bekannt: Urkundenfälschung, Erpressung, vom ehrgeizigen Ehegatten als Verbrecherin abgestraft,
aber zwecks Aufrechterhaltung der bürgerlichen Fassade weiterhin als Dekoration im Puppenhaus geduldet.
Finaler Türknall und Ausbruch der notorisch unterdrückten Frau aus der ScheinIdylle.
Sprenger erzählt das Ibsen-Drama wie eine TV-Soap.
Nora – hervorragend verkörpert von Sophie Basse – ist keine naive junge Frau mehr, sondern die attraktive Dauergefährtin
eines Karriere-Typen und ökonomisch von ihm abhängig: „Ich hatte keine Zeit für mich. Ich habe nichts gelernt.
“Barfuß im knappen Gymnastik-Outfit präsentiert sie ihre perfekt
durchtrainierte Erscheinung – ein Geschöpf aus der Retorte der Fitness-Studios
und Schönheitschirurgie. Sie tobt, brüllt und redet ungeniert (mitunter sogar auf astreinem Kölsch)
vom „Bumsen“ als Ehekitt. Die online bestellten Frustkäufe fliegen auf Geheiß des sparsamen Gemahls
paketweise aus dem Fenster. Auch das noch nicht abbezahlte Sofa
verschwindet mit Hilfe von Bühnenarbeitern aus der Wohnung.
Weil Torvald seiner entzückenden „kleinen Verschwenderin“ jedoch was
gönnt, dürfen die Kinder es später wieder reinholen.
Sören Wunderlich im magentafarben schillernden Anzug spielt den
Hausherrn nicht als verbohrten Macho, auch wenn er sich testosterongesteuert
gegen Ende mal auf dem Pissoir am falschen Objekt vergreift.
Aber Ordnung muss sein, das kriminelle Vergehen seiner Gemahlin – von
Dankbarkeit für seine Lebensrettung keine Spur! – passt einfach nicht in
sein männliches Weltbild. Wenn die Spuren sich schon nicht unter den
teuren Designerteppich kehren lassen, muss er halt mit dem Handstaubsauger
nachhelfen, während alle anderen betreten zuschauen.
Nora greift sofort zur Flinte, wenn ein Fremdling in ihren vergoldeten Käfig
eindringt. Lydia Stäubli gibt bravourös ihre Jugendfreundin Kristine
Linde, verwitwete Selfmade-Frau mit solidem Realismus (inkl. Schweizer
Heimat-Dialekt) und der Hoffnung auf einen guten Job in Torvalds Bank.
Timo Kählert als windiger Jurist Nils Krogstad taucht mit einem gelben
Postsack als Briefträger auf. Schließlich besitzt er Dokumente, die Noras
Fehltritt belegen und damit Torvalds Aufstieg gefährden könnten.
Kristines diplomatischer Deal mit ihrem einstigen Lover wäre fast die Lösung aller Probleme.
Mit dem Schlagerhit „Qué será, será“ sind die beiden dann bald unterwegs in die höheren Etagen
des Kapita-lManagements. Torvalds männliches Ego ist da allerdings bereits so verunsichert,
dass auch der Dienst eifer peripherer Underdogs nichts mehr hilft. Gar nicht mehr zu helfen ist dem todkranken
Arzt Doktor Rank, der Nora charmant mit Rosen und Botox-Spritzen versorgt.
Christian Czeremnych ist in der Rolle des melancholischen Hausfreunds
die einzige tragische Figur in diesem SelbstverwirklichungSpiel.
Mit schwarzer Hornbrille und gepflegter Selbstironie stolpert er über Treppenstufen
und genießt sein letztes Unglück. Das ist feinste Psycho-Raffinesse
im Taumel der Gespenster. Beim Maskenball streifen alle sich
weiße Betttücher über und tun so, als ob sie Grufti-Geister
wären. Nur die altklugen Kinder, die gelegentlich Noras Texte übernehmen, haben
den Spuk allmählich satt. Lena Geyer als schnippische, schwarzhaarige
Emmy und Jacob Z. Eckstein als meistens grimmig dreinblickender
blondlockiger Ivar legen ihre Kostüme ab und öffnen selbst mit Beil und
Messer die Tür für ihre zur Ehescheidung entschlossene Mama.
Zwischen infantilem Slapstick und ein bisschen abgestandener Gesellschaftskritik
bleibt die Inszenierung leider unentschieden hängen. Komplett
schmerzlos mit geringem Erkenntniswert. Der Unterhaltungswert
ist mit dem tapfer über alle Untiefen hinweg tanzenden, spielerisch famosen
Schauspiel-Ensemble dennoch ziemlich hoch. Nora, einst die TheaterIkone
des weiblichen Aufstands gegen männliche Dominanz, erscheint
hier nur noch als banales Relikt im Gefecht der Selbst-Performer.
Vordergründig ist die Aufführung eine harmlose Spaßveranstaltung,
hübsch boshaft garniert mit ein paar frechen Knalleffekten. Hintergründig
ist die Ansammlung von Klischees und Plattitüden aber durchaus ein
Denkanstoß. Rauschender Premieren-Applaus. (E.E.K.)
Montag, 24. Juni 2024