kultur - Kritisches
Weiße Turnschuhe von René Heinersdorff - Contra-Kreis-Theater - kultur Nr. 183 - Januar 2024
Rasante Fitness-Komödie
Sie nennen Günthers Wohnung das „Matterhorn“. Fünfter Stock, kein
Lift. Der 80jährige Rentner schafft das mehrmals täglich mühelos, während
sein erheblich jüngerer Trainingspartner Max nach einem Aufstieg total erledigt ist
Weiße Turnschuhe
| © Contra-Kreis-Theater
Inhalt
Während Günther lässig einen HulaHoopReifen
um die beweglichen Hüften kreisen lässt. Im Wandregal drei Paar
strahlendweiße Turnschuhe („Man nennt das heutzutage Sneakers“), im
Zimmer verteilt verschiedene Trainingsgeräte, der Kühlschrank vollgestopft
mit Energydrinks (Ausstattung: Jan Hax Halama). Günther trinkt
weder Kaffee noch Alkohol, ernährt sich gesund, benötigt keine Medizin
und fühlt sich einfach wohl. Immerhin hat er so vier Ehefrauen überlebt,
denen er im Übrigen weniger nachtrauert als seiner letzten Lebensgefährtin
Mandy. Und dann das: Sein ungeratener Sohn Kai hat das gesamte
Vermögen mit windigen Spekulationen verzockt und kann seinem
Vater die versprochene Rente nicht mehr zahlen. Aber er hat eine Lösung parat: Er hat ein ärztliches
Attest gefälscht und bei der Krankenversicherung für den rüstigen Senior Pflegegrad 4 beantragt.
Der Autor René Heinersdorff, omnipräsenter deutscher Boulevard-König, hat mit der seit
2022 auf mehreren Bühnen ungemein erfolgreichen Komödie Weiße Turnschuhe nicht nur voll
ins Leben zu Zeiten der demografischen Wende und des Pflegenotstands gegriffen.
Das Stück wirkt, als sei es dem 82-jährigen Schauspieler Jochen Busse geradezu auf den sportlichen
Leib geschrieben. Der kriegt auf der Gymnastikmatte locker eine Kerze hin (Szenen-Applaus!)
und soll nun den schwerstbehinderten Oldie mimen. Halbblind, vollkommen schwerhörig,
komplett dement. Ein irrer Spaß ist also garantiert. Ein paar verbale
Schlüpfrigkeiten ebenso. In der Inszenierung von Urs Alexander Schleiff
funktioniert das mit flottem Tempo und sicher gesetzten Pointen. Es gibt
viel zu lachen, auch wenn die amüsant konstruierte Handlung kein
Schenkelklopfer-Kracher ist, sondern mitunter auch leise Töne anschlägt.
Das Team ist eingespielt. Claus Thull-Emden gibt herrlich komisch
Günthers trotteligen Sprössling Kai, dessen Intelligenz noch deutlich
unter dem Niveau seiner eher bescheidenen kriminellen Energie liegt.
Florian Odendahl ist der sympathische Max, der tapfer mitmacht, um
seinen Freunden aus der Patsche zu helfen. Simone Pfennig mit thüringischem
Akzent ist die zupackende Versicherungsprüferin Sylvie, die sofort
mal die Turnschuhe entsorgt, durch Inkontinenzwindeln ersetzt und
sich gleich auch noch als Pflegekraft einzuquartieren droht. Günther gibt
sich alle Mühe, im Rollstuhl mit Sonnenbrille und debilem Gesichtsausdruck
den hilflosen Greis zu verkörpern. Eine massive Herausforderung,
die erwartungsgemäß nicht ständig durchzuhalten ist. Aber schließlich
geht es um Geld für seinen Lebensunterhalt. Ehrlich gesagt auch um vorsätzlichen
Sozialbetrug, der vor Gericht eine beachtliche Strafe nach sich
ziehen könnte.
Verraten sei hier nur: Die aufgeweckte Sylvie beherrscht das Spiel mit
Schein und Sein ebenso gut wie die Herren, was für die erforderlichen dramatischen
Überraschungseffekte sorgt. Ohne zu spoilern zugegeben sei: Mandy, die sich im
Kofferraum so wohl fühlte und im Park gern ihre Freunde leckte (ein paar
kleine Zoten gehören auf dem Boulevard dazu) war
tatsächlich eine Hündin. Im Zentrum des Geschehens steht zweifellos der geniale Erzkomödiant
Jochen Busse, seit mehr als zwei Jahrzehnten ein gerngesehener Gast im
ContraKreis. Bei der Premiere langer Applaus und Standing Ovations für das muntere Ensemble
und den großartigen Hauptdarsteller. Topfit wie ein Turnschuh eben.
Insgesamt wärmstens zu empfehlen gegen alle Arten von Winter-Blues. (E.E.K.)
um die beweglichen Hüften kreisen lässt. Im Wandregal drei Paar
strahlendweiße Turnschuhe („Man nennt das heutzutage Sneakers“), im
Zimmer verteilt verschiedene Trainingsgeräte, der Kühlschrank vollgestopft
mit Energydrinks (Ausstattung: Jan Hax Halama). Günther trinkt
weder Kaffee noch Alkohol, ernährt sich gesund, benötigt keine Medizin
und fühlt sich einfach wohl. Immerhin hat er so vier Ehefrauen überlebt,
denen er im Übrigen weniger nachtrauert als seiner letzten Lebensgefährtin
Mandy. Und dann das: Sein ungeratener Sohn Kai hat das gesamte
Vermögen mit windigen Spekulationen verzockt und kann seinem
Vater die versprochene Rente nicht mehr zahlen. Aber er hat eine Lösung parat: Er hat ein ärztliches
Attest gefälscht und bei der Krankenversicherung für den rüstigen Senior Pflegegrad 4 beantragt.
Der Autor René Heinersdorff, omnipräsenter deutscher Boulevard-König, hat mit der seit
2022 auf mehreren Bühnen ungemein erfolgreichen Komödie Weiße Turnschuhe nicht nur voll
ins Leben zu Zeiten der demografischen Wende und des Pflegenotstands gegriffen.
Das Stück wirkt, als sei es dem 82-jährigen Schauspieler Jochen Busse geradezu auf den sportlichen
Leib geschrieben. Der kriegt auf der Gymnastikmatte locker eine Kerze hin (Szenen-Applaus!)
und soll nun den schwerstbehinderten Oldie mimen. Halbblind, vollkommen schwerhörig,
komplett dement. Ein irrer Spaß ist also garantiert. Ein paar verbale
Schlüpfrigkeiten ebenso. In der Inszenierung von Urs Alexander Schleiff
funktioniert das mit flottem Tempo und sicher gesetzten Pointen. Es gibt
viel zu lachen, auch wenn die amüsant konstruierte Handlung kein
Schenkelklopfer-Kracher ist, sondern mitunter auch leise Töne anschlägt.
Das Team ist eingespielt. Claus Thull-Emden gibt herrlich komisch
Günthers trotteligen Sprössling Kai, dessen Intelligenz noch deutlich
unter dem Niveau seiner eher bescheidenen kriminellen Energie liegt.
Florian Odendahl ist der sympathische Max, der tapfer mitmacht, um
seinen Freunden aus der Patsche zu helfen. Simone Pfennig mit thüringischem
Akzent ist die zupackende Versicherungsprüferin Sylvie, die sofort
mal die Turnschuhe entsorgt, durch Inkontinenzwindeln ersetzt und
sich gleich auch noch als Pflegekraft einzuquartieren droht. Günther gibt
sich alle Mühe, im Rollstuhl mit Sonnenbrille und debilem Gesichtsausdruck
den hilflosen Greis zu verkörpern. Eine massive Herausforderung,
die erwartungsgemäß nicht ständig durchzuhalten ist. Aber schließlich
geht es um Geld für seinen Lebensunterhalt. Ehrlich gesagt auch um vorsätzlichen
Sozialbetrug, der vor Gericht eine beachtliche Strafe nach sich
ziehen könnte.
Verraten sei hier nur: Die aufgeweckte Sylvie beherrscht das Spiel mit
Schein und Sein ebenso gut wie die Herren, was für die erforderlichen dramatischen
Überraschungseffekte sorgt. Ohne zu spoilern zugegeben sei: Mandy, die sich im
Kofferraum so wohl fühlte und im Park gern ihre Freunde leckte (ein paar
kleine Zoten gehören auf dem Boulevard dazu) war
tatsächlich eine Hündin. Im Zentrum des Geschehens steht zweifellos der geniale Erzkomödiant
Jochen Busse, seit mehr als zwei Jahrzehnten ein gerngesehener Gast im
ContraKreis. Bei der Premiere langer Applaus und Standing Ovations für das muntere Ensemble
und den großartigen Hauptdarsteller. Topfit wie ein Turnschuh eben.
Insgesamt wärmstens zu empfehlen gegen alle Arten von Winter-Blues. (E.E.K.)
Mittwoch, 05. Juni 2024