kultur - Kritisches
Der nackte Wahnsinn von Michael Frayn - Schauspielhaus - kultur Nr. 183 - Januar 2024
Lustiges Theatertheater
Es sollte eine Komödie sein. Eine Boulevardklamotte namens „Nackte Tatsachen”.
Der nackte Wahnsinn
| © Thilo Beu
Inhalt
Mit den üblichen Türen, Verwechslungen, Notlügen, netten
Schlüpfrigkeiten, einer schusseligen Haushälterin, einem Einbrecher und
Sardinen als Running Gag. Ein Stück halt, mit dem man auf einer Tournee
durch die Provinz Geld verdienen könnte. Leider war die Probenzeit mal
wieder viel zu kurz. Die Generalprobe ist gestrichen, in wenigen Stunden
soll Premiere sein. Keiner weiß, wie das laufen soll. Irgendwie Theater
halt. Sicher ist nur, dass die schlimmsten Befürchtungen des Regisseurs
noch übertroffen werden können in Michael Frayns Bühnenhit Der
nackte Wahnsinn, der seit mehr als 40 Jahren die Theaterwelt belustigt.
Das zuverlässige Erfolgsrezept: Gute Schauspieler (pardon: Schauspieler:
innen) spielen schauspielende Menschen am Rande des Nerven zusammenbruchs
auf einer Bühne, die ihre Welt nicht nur bedeutet, sondern
ihr Leben ist.
Der nackte Wahnsinn ist
tatsächlich eine Komödie
und hat hier auch einen
echten Regisseur. Sascha
Hawemann, der am Theater
Bonn schon mehrfach
erfolgreich Regie führte,
macht in seiner ersten
Komödien inszenierung im
Schauspielhaus das Chaos
zur tragischen Farce. Aus
dem zum Verkauf stehenden
Landhaus der Brents
ist eine schicke helle Villa
geworden. Im Bühnenbild
von Wolf Gutjahr grüßt
überlebensgroß Elvis
Presley von der über beide
Etagen reichenden Rück wand.
Was aber weiter
nichts zur Sache tut. Unten
im Salon möchte Mrs.
Clackett es sich im bequemen
Hausanzug (Kostüme: Ines Burisch) vor dem Fernseher mit einem
Teller Sardinen gemütlich machen. Der einstige TVStar
Dotty ist für die
Rolle engagiert und hat außerdem Geld in die Produktion gesteckt.
Leider klappt das mit den Aufund
Abgängen noch nicht so ganz; außerdem
verwechselt sie ständig den Telefonhörer mit den Sardinen. Sophie
Basse spielt tapfer die Protagonistin Dotty alias Hausdame Clackett, die
mit sympathischer Hingabe immer danebentrifft. Bis dem Regisseur
Lloyd der Geduldsfaden reißt. Daniel Stock bedient perfekt alle RegisseursKlischees.
Er muss die Probe noch häufiger unterbrechen, weil einfach
nichts funktioniert.
Der Inspizient und Bühnenmeister Tim (als unerschütterliches Bühnenfaktotum:
Janko Kahle) könnte nach 48stündigem
Einsatz mal eine Pause
gebrauchen, zumal die wackligen Kulissen eine ständige Herausforderung
bleiben. Die brave Regieassistentin Poppy (standhaft: Lena Geyer)
erträgt klaglos alle Unbilden. Sören Wunderlich mimt den windigen
Makler Roger Tramplemain, dargestellt vom blonden Sonnyboy Garry,
der zudem eine Affäre mit der deutlich älteren Dotty hat. Das ehemalige
Bonner EnsembleMitglied
Annina Euling gibt Rogers reizende Begleiterin
Vicki alias Theatersternchen Brooke. Der Weg der beiden nächtlichen
Überraschungsgäste ins Schlafzimmer wird zum erwartbaren Hindernislauf.
Zumal auch noch Hausbesitzer Philip alias Frederick (herrlich unbeholfen:
Timo Kählert) mit seinem Ehegatten Flavio alias Belmondo
(hübsch kapriziös: Christoph Gummert) auftaucht – demonstrativ
gekleidet im schwarzweiß
karierten Partnerlook. Später darf der eifersüchtige
Flavio auch mal im tiefausgeschnitten roten Glitzerfummel um
die Aufmerksamkeit seines vermeintlich untreuen Mannes kämpfen.
Diversität ist im Zeitalter der Geschlechtergerechtigkeit ehernes Regiegesetz,
mindestens eine Männerrolle ist mit einer Frau zu besetzen,
wenn es weitere Aufträge geben soll. Seis drum: Ursula Grossenbacher
spielt überzeugend die mit der Rolle der erfahrenen Einbrecherin betraute
alte Bühnenheldin Selsdon mit Hang zum Whisky und Schweizer
Akzent. Wenn Selsdon überhaupt irgendwo auffindbar ist, zitiert sie gern
auch klassische Verse aus ihrer glanzvollen Theatervergangenheit.
Freddy, soeben von seiner Frau verlassen, nervt mit Sinnfragen. Der sensible
Garry kämpft mit Nasenbluten, die kurzsichtige Brooke sucht verzweifelt
ihre Kontaktlinsen. Doch man ist lieb zueinander, wenn die Premiere
unaufhaltsam naht.
Nach der Pause und einigen Wochen Tournee durch die Provinz: eine
Nachmittagsaufführung. Die Drehbühne gibt den Blick hinter die Kulissen
frei. Dort herrschen
inzwischen Chaos und
Hysterie. Garry tobt, weil
Dotty nach dem Treffen
mit einem Workshopleiter
erst am Morgen heimgekehrt
ist und außerdem
angefangen hat, den unglücklichen
Freddy zu
trösten. Brooke möchte
endgültig aus der Produktion
aussteigen, Dotty ist
sowieso von der Rolle. Zu
allem Unglück schneit
auch noch Lloyd herein,
der längst woanders
„Richard III.“ probt. Mit
Blumen und einer Flasche
Whisky, um seine Kurzzeitflamme
Brooke doch noch
zum Weitermachen zu
überreden. Die Folge sind
zerrupfte Blütensträuße,
ein virtuoser Tanz um die von Selsdon heiß begehrte Flasche, Bodenringkämpfe,
fliegende Sardinen, ein beherzter Griff zur Axt und schließlich
Poppys Bekenntnis, dass sie von Lloyd schwanger ist. Nur Belmondo
sorgt noch für einen Rest von Ordnung und dafür, dass draußen auf der
Bühne das Spiel irgendwie weiterläuft.
Der dritte Akt von Frayns Drama ist zusammengestrichen. Einige Monate
nach der großen Schlacht hat Poppy ein Baby. Kulissen und Kostüme
sehen nach über 500 Vorstellungen reichlich ramponiert aus, vom Text
und der Handlung des anfangs geprobten Stückes sind nur noch Rudimente
erkennbar. Aber man hat sich zusammengerauft. „Die ganze Welt
ist Bühne / Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.“, sagt der Philosoph
Jacques in Shakespeares Komödie Wie es euch gefällt. Damit endet
hier auch Der nackte Wahnsinn.
Das alles könnte eine witzige Parodie auf die alten und neuen Konventionen
des Theaterbetriebs sein. In Hawemanns Inszenierung verliert
sich die Ironie zwischen Slapstick und platter Alberei. Zusehens verflüchtigt
sich der Unterschied zwischen Schein und Sein. Das tüchtige
SchauspielEnsemble
kämpft sich mit Volldampf durch die echten und
gespielten Katastrophen, aber das GagFeuerwerk
will nicht wirklich zünden.
Trotzdem machen sie bisweilen Spaß. Bei der Premiere blieben
nach der Pause einige Plätze leer. Freundlicher Beifall. (E.E.K.)
Schlüpfrigkeiten, einer schusseligen Haushälterin, einem Einbrecher und
Sardinen als Running Gag. Ein Stück halt, mit dem man auf einer Tournee
durch die Provinz Geld verdienen könnte. Leider war die Probenzeit mal
wieder viel zu kurz. Die Generalprobe ist gestrichen, in wenigen Stunden
soll Premiere sein. Keiner weiß, wie das laufen soll. Irgendwie Theater
halt. Sicher ist nur, dass die schlimmsten Befürchtungen des Regisseurs
noch übertroffen werden können in Michael Frayns Bühnenhit Der
nackte Wahnsinn, der seit mehr als 40 Jahren die Theaterwelt belustigt.
Das zuverlässige Erfolgsrezept: Gute Schauspieler (pardon: Schauspieler:
innen) spielen schauspielende Menschen am Rande des Nerven zusammenbruchs
auf einer Bühne, die ihre Welt nicht nur bedeutet, sondern
ihr Leben ist.
Der nackte Wahnsinn ist
tatsächlich eine Komödie
und hat hier auch einen
echten Regisseur. Sascha
Hawemann, der am Theater
Bonn schon mehrfach
erfolgreich Regie führte,
macht in seiner ersten
Komödien inszenierung im
Schauspielhaus das Chaos
zur tragischen Farce. Aus
dem zum Verkauf stehenden
Landhaus der Brents
ist eine schicke helle Villa
geworden. Im Bühnenbild
von Wolf Gutjahr grüßt
überlebensgroß Elvis
Presley von der über beide
Etagen reichenden Rück wand.
Was aber weiter
nichts zur Sache tut. Unten
im Salon möchte Mrs.
Clackett es sich im bequemen
Hausanzug (Kostüme: Ines Burisch) vor dem Fernseher mit einem
Teller Sardinen gemütlich machen. Der einstige TVStar
Dotty ist für die
Rolle engagiert und hat außerdem Geld in die Produktion gesteckt.
Leider klappt das mit den Aufund
Abgängen noch nicht so ganz; außerdem
verwechselt sie ständig den Telefonhörer mit den Sardinen. Sophie
Basse spielt tapfer die Protagonistin Dotty alias Hausdame Clackett, die
mit sympathischer Hingabe immer danebentrifft. Bis dem Regisseur
Lloyd der Geduldsfaden reißt. Daniel Stock bedient perfekt alle RegisseursKlischees.
Er muss die Probe noch häufiger unterbrechen, weil einfach
nichts funktioniert.
Der Inspizient und Bühnenmeister Tim (als unerschütterliches Bühnenfaktotum:
Janko Kahle) könnte nach 48stündigem
Einsatz mal eine Pause
gebrauchen, zumal die wackligen Kulissen eine ständige Herausforderung
bleiben. Die brave Regieassistentin Poppy (standhaft: Lena Geyer)
erträgt klaglos alle Unbilden. Sören Wunderlich mimt den windigen
Makler Roger Tramplemain, dargestellt vom blonden Sonnyboy Garry,
der zudem eine Affäre mit der deutlich älteren Dotty hat. Das ehemalige
Bonner EnsembleMitglied
Annina Euling gibt Rogers reizende Begleiterin
Vicki alias Theatersternchen Brooke. Der Weg der beiden nächtlichen
Überraschungsgäste ins Schlafzimmer wird zum erwartbaren Hindernislauf.
Zumal auch noch Hausbesitzer Philip alias Frederick (herrlich unbeholfen:
Timo Kählert) mit seinem Ehegatten Flavio alias Belmondo
(hübsch kapriziös: Christoph Gummert) auftaucht – demonstrativ
gekleidet im schwarzweiß
karierten Partnerlook. Später darf der eifersüchtige
Flavio auch mal im tiefausgeschnitten roten Glitzerfummel um
die Aufmerksamkeit seines vermeintlich untreuen Mannes kämpfen.
Diversität ist im Zeitalter der Geschlechtergerechtigkeit ehernes Regiegesetz,
mindestens eine Männerrolle ist mit einer Frau zu besetzen,
wenn es weitere Aufträge geben soll. Seis drum: Ursula Grossenbacher
spielt überzeugend die mit der Rolle der erfahrenen Einbrecherin betraute
alte Bühnenheldin Selsdon mit Hang zum Whisky und Schweizer
Akzent. Wenn Selsdon überhaupt irgendwo auffindbar ist, zitiert sie gern
auch klassische Verse aus ihrer glanzvollen Theatervergangenheit.
Freddy, soeben von seiner Frau verlassen, nervt mit Sinnfragen. Der sensible
Garry kämpft mit Nasenbluten, die kurzsichtige Brooke sucht verzweifelt
ihre Kontaktlinsen. Doch man ist lieb zueinander, wenn die Premiere
unaufhaltsam naht.
Nach der Pause und einigen Wochen Tournee durch die Provinz: eine
Nachmittagsaufführung. Die Drehbühne gibt den Blick hinter die Kulissen
frei. Dort herrschen
inzwischen Chaos und
Hysterie. Garry tobt, weil
Dotty nach dem Treffen
mit einem Workshopleiter
erst am Morgen heimgekehrt
ist und außerdem
angefangen hat, den unglücklichen
Freddy zu
trösten. Brooke möchte
endgültig aus der Produktion
aussteigen, Dotty ist
sowieso von der Rolle. Zu
allem Unglück schneit
auch noch Lloyd herein,
der längst woanders
„Richard III.“ probt. Mit
Blumen und einer Flasche
Whisky, um seine Kurzzeitflamme
Brooke doch noch
zum Weitermachen zu
überreden. Die Folge sind
zerrupfte Blütensträuße,
ein virtuoser Tanz um die von Selsdon heiß begehrte Flasche, Bodenringkämpfe,
fliegende Sardinen, ein beherzter Griff zur Axt und schließlich
Poppys Bekenntnis, dass sie von Lloyd schwanger ist. Nur Belmondo
sorgt noch für einen Rest von Ordnung und dafür, dass draußen auf der
Bühne das Spiel irgendwie weiterläuft.
Der dritte Akt von Frayns Drama ist zusammengestrichen. Einige Monate
nach der großen Schlacht hat Poppy ein Baby. Kulissen und Kostüme
sehen nach über 500 Vorstellungen reichlich ramponiert aus, vom Text
und der Handlung des anfangs geprobten Stückes sind nur noch Rudimente
erkennbar. Aber man hat sich zusammengerauft. „Die ganze Welt
ist Bühne / Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.“, sagt der Philosoph
Jacques in Shakespeares Komödie Wie es euch gefällt. Damit endet
hier auch Der nackte Wahnsinn.
Das alles könnte eine witzige Parodie auf die alten und neuen Konventionen
des Theaterbetriebs sein. In Hawemanns Inszenierung verliert
sich die Ironie zwischen Slapstick und platter Alberei. Zusehens verflüchtigt
sich der Unterschied zwischen Schein und Sein. Das tüchtige
SchauspielEnsemble
kämpft sich mit Volldampf durch die echten und
gespielten Katastrophen, aber das GagFeuerwerk
will nicht wirklich zünden.
Trotzdem machen sie bisweilen Spaß. Bei der Premiere blieben
nach der Pause einige Plätze leer. Freundlicher Beifall. (E.E.K.)
Mittwoch, 05. Juni 2024