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kultur - Kritisches

Moses und Aron von Arnold Schönberg - Opernhaus - kultur Nr. 183 - Januar 2024

Das fehlende Wort
„Du sollst dir kein Bildnis machen.“ So lautet das zweite der Zehn Gebote, die Moses von
Gott auf dem Berg Sinai empfing.

Moses und Aron | © Sebastian Hoppe
Moses und Aron | © Sebastian Hoppe
Inhalt Aber die
Menschen verlangen nach Bildern und Gleichnissen.
Darum geht es in der Auseinandersetzung
zwischen Moses und seinem Bruder Aron
in Arnold Schönbergs Fragment gebliebener
Oper. Moses ist der Denker, der keine Worte
für das Unsagbare hat. Der sprachbegabte
Aron soll sein „Mund“ sein und dem Volk geben,
was es braucht, um das Unfassbare zu begreifen.
Schönberg, 1874 in Wien als Jude geboren,
ließ sich 1898 protestantisch taufen
und rekonvertierte 1933 in Paris nach der
Flucht aus NaziDeutschland
wieder zum Judentum.
Seit 1930 hatte er intensiv an dem
Moses und AronStoff
gearbeitet. Warum er
das Werk im amerikanischen Exil in Los Angeles,
wo er 1951 starb, nicht vollendete, bleibt
ein ungelöstes Rätsel.
Die Bonner Aufführung belässt es konsequent
bei den fertig komponierten zwei Akten. Die Handlung folgt sehr frei dem
alttestamentarischen Zweiten Buch Mose, das vom Exodus des Volkes Israel
aus der ägyptischen Knechtschaft berichtet. Aktuelle Bezüge liegen
nahe, aber die Inszenierung des Schweizer Regisseurs Lorenzo Fioroni verzichtet
bewusst auf plakative Vergegenwärtigungen, die sich ohnehin quasi
von selbst herstellen. Geplant war die Aufführung des monumentalen
Werkes bereits seit mehreren Jahren, der Chor hat schon 2019 mit der Einstudierung
seiner gesanglich ungemein anspruchsvollen Partie begonnen.
Wegen der Pandemie musste die Premiere zweimal verschoben werden,
bis sie nun – pünktlich zum 150. Geburtstag des Komponisten, der auch das
Libretto verfasste – endlich auf die Bühne kam. Dazwischen liegen der
Überfall Russlands auf die Ukraine, der Terrorangriff der Hamas auf Israel
und ein neu aufgeflammter Antisemitismus, ganz abgesehen von weiteren
Krisen, die unser friedliches Weltbild derzeit erschüttern. Man kann Schönbergs
Oper nicht mehr wahrnehmen, ohne diesen Hintergrund mitzudenken.
Es beginnt mit einem leisen Windgeräusch und einem Puppenspiel. Wie in
einem animierten Comic erscheint vor einer vielfarbigen Wüstenlandschaft
in einer Felsenhöhle Moses, der in der Fremde die Schafe seines ‚heidnischen‘
Schwiegervaters weidet (Bühne: Paul Zoller, Videos: Christian
Weissenberger). Stimmen erklingen, der brennende Dornbusch leuchtet
auf. Moses empfängt von Gott die Botschaft, sein Volk zu befreien. Wie
zwei alte Narren auf einer Jahrmarktsbühne streiten er und Aron sich um
den richtigen Weg. Theater wird zur Metapher für das Unvorstellbare, das
für Moses nur als reiner Gedanke existiert, während Aron es kommunizieren
soll. Moses ist quasi der fundamentaltheologische Idealist, Aron der
Realpolitiker, der dem Volk den Glauben vermitteln muss, damit es das Ungeheure
wagt.
Die Szene verwandelt sich: Volksmassen in schwarzen Anzügen und Rüschenkleidern
(Kostüme: Sabine Blickenstorfer) wie aus dem 19. Jahrhundert
treten auf. Per Videoprojektion toben sie durch alle Räume des Hauses,
sind gleichzeitig auf der Bühne anwesend und mit wilden Grimassen
und Gesten eine Imagination der entfesselten Menge. Aron gehorcht eher
widerwillig ihrem Verlangen nach Wundern und verwandelt seinen Stab in
gefährlich züngelnde Schlangen, in die sich alle immer weiter verstricken.
Eine vom Aussatz zerbeulte riesige Hand wird wieder glatt, eine Kranke wird
geheilt. Das Volk streift die schwarzen Gewänder ab und macht sich in weißer
Unterwäsche auf den Weg ins versprochene gelobte Land. Das neue
Siedlungsgebiet wird vermessen, aber der Gang durch die Wüste hinterlässt
Spuren. Hunger und Durst machen die Menschen ungeduldig. Mühsam
bändigt Aron den drohenden Aufstand. Der Tenor Martin Koch bewältigt
seine höllenschwere Gesangspartie grandios.
Das Volk murrt, weil Moses seit vierzig Tagen
verschwunden ist. Der Bariton Dietrich
Henschel in der melodramatischen Sprechrolle
des Moses ist auch mit vollem Körpereinsatz
eine Sensation. Im zweiten Akt ist er schmerzhaft
lange allein auf der Bühne. Denn es gibt
hier keinen wilden Tanz ums Goldene Kalb und
keine Sexund
Gewaltorgie. Die nackten Jungfrauen,
die sich den Priestern des neuen Gottes
hingeben möchten, der Ältestenrat, der
sein Leben opfern will, die jungen Selbstmörder
und die eitlen Ideologen: Die ganze blutige
Raserei bleibt nur stimmlich in einer unsichtbaren
Außenwelt präsent. Die vielen hochkarätigen
Solistinnen und Solisten (u. a. Ingrid
Bartz, Mark Morouse und Martin Tzonev) hier
zu nennen, würde den Platz für eine Rezension
sprengen.
Moses ist eingesperrt in einem engen Raum,
der auch ein Künstleratelier sein könnte und
somit möglicherweise den Kampf Schönbergs
mit dem Material und der nicht formulierbaren Macht symbolisiert. Der
Komponist war übrigens neben seiner musikalischen und dichterischen
Kreativität zeitweise auch als talentierter bildender Künstler aktiv. Von
oben prasseln Trümmer in Moses‘ Gedankenklausur. Er versucht verzweifelt,
das göttlich Gestaltlose zu formen, beschmiert sich mit Farben und
rennt schließlich splitternackt gegen die engen Wände seines Denkgebäudes.
Moses kämpft hier paradox mit dem Bildnisverbot wie um sein Daseinsrecht.
Mitunter scheint da Sigmund Freuds letztes Werk Der Mann
Moses und die monotheistische Religion (1939 im Londoner Exil publiziert)
durch. In Arons populistisch konkreter Gegenwelt liegen am Ende Haufen
von verstümmelten Leichen rum. Aber er liebte sein Volk, während Moses
an einer großen Idee scheiterte.
Hauptakteur der zwiespältigen Geschichte ist freilich der Opernchor, sängerisch
verstärkt durch das Vokalconsort Berlin. Unter der Leitung von
Marco Medved ist das große Ensemble musikalisch und spielerisch (darstellerisch
verstärkt von der Statisterie des Hauses) kaum noch zu toppen.
Am Pult des Beethoven Orchesters hält Generalmusikdirektor Dirk Kaftan
alle komplizierten Fäden so genau in der Hand, dass alles direkt begreifbar
wird, was sinnlich trotz der magischen Bilderflut sperrig bleibt. Man muss
von der Zwölftonmusik, als deren Erfinder Arnold Schönberg gilt, nichts verstehen,
um die expressive Energie der instrumental vielfarbigen Musik
wahrzunehmen. Es saust, rauscht und knistert auf Höchstspannung. Was
im Orchestergraben und auf der Bühne passiert, macht wach gegen erlogene
Träume und sensibel für utopische Ideen. Aron will Glück für seine
Leute. Er liebt die Menschen, Moses verehrt eine klingende Abstraktion. Als
Theoretiker weiß er, dass mit seinem finalen Ausruf „O Wort, du Wort, das
mir fehlt“ seine Vorstellung zu Ende ist, aber eine andere Welt möglich
bleibt.
Es gibt hier keinen dritten Akt, in dem Moses wieder die Macht übernimmt
und den vom wankelmütigen Volk, das nun einer Rauchsäule folgt, politisch
fallengelassenen Aron rettet. Es gibt keine Sprache für den ewig anund
abwesenden
Seinsgrund, den man unzureichend ‚Gott‘ nennt. Es gibt jedoch
eine zeitlos lebendige Musik, in der die Widersprüche wunderbar zusammenklingen.
Man darf alle TonKonstrukte
der Avantgarde der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts getrost vergessen, um zu begreifen, warum
Moses und Aron so unterschiedlich brennen für ihre Vorstellungen. Man
verlässt die Oper folglich mit offenen Ohren und vielen Anregungen zum
Weiterdenken. Absolut sehensund
hörenswert! Langer, überzeugter Premierenbeifall.

Mittwoch, 05. Juni 2024