Interviews
„Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ (Pablo Picasso) - Portrait der TG-Besuchergruppe Daun und ihrer Leiterin Waldtraud Leonardy - Kultur Nr. 182 - Dezember 2023
Am 14.11.23 besuchte die kulturRedaktion die Leiterin der von Bonn am
entferntesten gelegenen Besuchergruppe.
Inhalt
Die Reise ging in die Vulkan eifel,
nach Manderscheid, von wo aus Waldtraud Leonardy die Gruppe
Daun leitet. Die vom Schiefer geprägte Region ist ein Eldorado für Wanderer.
Zwischen zwei beeindruckenden Burgen verläuft inzwischen ein
Klettersteig, außerdem gibt es schöne Radwege.
Liebe Frau Leonardy, seit wann gibt es die Gruppe Daun und wer hat sie
gegründet? Wie sind Sie in die Gruppe gekommen?
Die Gruppe wurde im Jahr 1989 gegründet und ich war von Anfang dabei.
Die Idee dazu hatte die Kunsthistorikerin Frau Dr. Tosetti. Sie stammte
aus Ostberlin und war schon vor der Grenzöffnung mit Beginn ihrer
Rentenzeit nach Daun gezogen. Sie vermisste die Theaterwelt und hatte
die Idee, die Bühnen in Bonn gemeinsam zu besuchen. Sie wollte dieses
Projekt gemeinsam mit einer Bekannten, Frau Weis, starten. Ich war mit
beiden befreundet und vermisste auch „Kultur“ in der Gegend. Schließlich
wurde Frau Weis Gruppenleiterin, ich durfte assistieren. Nach recht
kurzer Zeit wurde Frau Weis krank (sie ist inzwischen verstorben) und ich
übernahm die Gruppenleitung.
Wie haben Sie damals die ersten Mitglieder akquiriert?
Das Angebot hat sich in Daun schnell herumgesprochen. Wir waren
schon kurz nach der Gründung 45 bis 50 Leute, die mit dem Bus ins Thea ter
fuhren. Es waren auch NichtDauner
dabei, darunter viele Ärzte und
andere Akademiker.
Und wie entstand damals der Kontakt zur Theatergemeinde BONN?
Ich weiß es nicht, vermutlich über Frau Dr. Tosetti.
Wie setzt sich die Gruppe heute zusammen?
Derzeit sind es 13 Mitglieder – im Alter von 65 bis 85 Jahren, darunter
nur ein Herr, er ist sehr kulturinteressiert.
Was bieten Manderscheid und Umgebung an Kultur?
Es gibt das Zentrum „KIM – Kleinkunst in Manderscheid“ und den
Musikkreis Wittlich in der alten Synagoge, das ist eine feine Kammer musik
reihe. Toll sind auch die Chorkonzerte in der Abtei Himmerod.
Wenn man „richtiges Theater“ erleben möchte, muss man entweder
55 km nach Trier fahren (dort gibt es auch im Dom Konzerte verschiedener
Chöre) oder man fährt in die Philharmonie Luxembourg; von Trier
aus gibt es gelegentlich einen ShuttleBus
dorthin.
Wie machen Sie auf die Theatergruppe aufmerksam?
Das geht hier eigentlich nur über „MundzuMundPropaganda“.
Im
Moment haben wir zwei neue „Schnupperer“.
Fahren alle Mitglieder mit dem Bus ins Theater?
Ja.
Wieviele Stationen hat Ihr Bus?
Wir treffen uns in Daun und fahren von dort ohne weitere Stopps direkt
nach Bonn. Die Fahrt dauert ca. anderthalb Stunden. Wir fahren zwei
Stunden vor Vorstellungsbeginn los, am liebsten an Sonntagen, weil
dann weniger Verkehr ist.
Wer bestimmt den Spielplan Ihrer Gruppe?
Früher habe ich mit Wunschzetteln gearbeitet. Inzwischen wähle ich die
Aufführungen direkt selbst aus. Ich kenne die Mitglieder und ihre Präferenzen
gut. Überwiegend besuchen wir Opernaufführungen. Ich wähle
nach Regie aus; das ist ein wichtiges Kriterium, man kennt die Handschriften
der Regisseure. Ich bin am Regietheater sehr interessiert, es
muss aber nachvollziehbar sein.
Welches ist Ihr Lieblingstheater?
Die Oper Bonn, die „Scala am Rhein“!
Wieviel Arbeit macht die ehrenamtliche Tätigkeit als Gruppenleiterin?
Theater ist meine Passion. Für mich ist dieses Ehrenamt keine Arbeit,
sondern Lebenselixier. Die Theaterbesuche sind ein reines Vergnügen.
Ich denke dabei immer an ein Zitat von Picasso: „Kunst wäscht den Staub
des Alltags von der Seele.“ – Ich teile den Mitgliedern die Daten im
Voraus mit, versende zwei Tage vor der jeweiligen Aufführung eine Erinnerungsmail
und verteile die Karten im Bus. Derzeit fahren wir mit einem
neuen Bus mit 19 Plätzen, der fährt fast wie ein PKW. Während der
Fahrt halte ich immer einen kurzen Einführungsvortrag. Die Vorbereitung
bedeutet ein wenig Recherchearbeit, aber dabei lerne ich ja etwas.
Was motiviert Sie zu der Aufgabe?
Ich stamme aus Manderscheid. In der Schulzeit habe ich nie ein Theater
besucht, aber meine Liebe zum Schauspiel durch das Lesen von Werken
in Reclamheftchen entwickelt. Seit Jahren liebe ich auch die Oper,
insbesondere die Werke von Richard Wagner.
Neben dieser Theaterbegeisterung sehe ich die Gruppenleitung unter
einem sozialen Aspekt. Der Dank der Mitglieder ist oft rührend; man
merkt, wie viel die gemeinsamen Vorstellungsbesuche den Menschen
bedeuten.
Was war Ihr schönstes und was Ihr schlimmstes Erlebnis als Gruppenleiterin?
Es gab so viele schöne Momente. Ich finde es toll, dass viele junge Künstler
direkt vom Konservatorium oder von der Schauspielschule nach Bonn
kommen und später Weltkarriere machen, zum Beispiel Johanna
Wokalek, Julia Novikova oder Anja Harteros.
Zu den nicht so guten Erlebnissen gehörte, dass wir mal zu spät kamen
und während des 1. Akts im Opernfoyer warten mussten. Es gab mal eine
BusPanne,
und einmal haben sich nach der Vorstellung zwei Mitglieder
im Godesberger Park verlaufen und wir mussten sie suchen.
Außerdem ein persönliches Erlebnis: Auf dem Rückweg von einer Regionalkonferenz
der Theatergemeinde bin ich mal in „Rock am Ring“ geraten.
Ich habe zwei Stunden auf der Ahrstrecke im Stau festgesesssen,
Rockmusik von allen Seiten und Betrunkene auf der Straße.
Sie sind schon viele Jahre Gruppenleiterin. Was denken Sie – wie hat
sich die Theaterwelt in Bonn und Umgebung in den letzten Jahren
verändert?
Unter der Intendanz von JeanClaude
Riber gab es in der „Scala am
Rhein“ Opern mit üppigster Ausstattung. Dann kamen die Sparzwänge,
weil Bonn den Hauptstadtstatus abgeben musste. Es wurden
Schreckensszenarien an die Wand gemalt, aber das Theater Bonn hat das
trotz allem toll hingekriegt, zum Beispiel mit einheitlichem Bühnenbild,
das trotzdem variable Elemente hat und mit einem super Lichtdesign.
Welche Frage möchten Sie noch gestellt bekommen? Was ist Ihnen ein
Anliegen?
Mit ist es ein Anliegen, den Mitarbeiterinnen der Theatergemeinde für
den freundlichzugewandten
Umgang zu danken, das ist einmalig. Alle
arbeiten mit Enthusiasmus, im Glauben an die Kunst; das spürt man.
Vielen Dank!
nach Manderscheid, von wo aus Waldtraud Leonardy die Gruppe
Daun leitet. Die vom Schiefer geprägte Region ist ein Eldorado für Wanderer.
Zwischen zwei beeindruckenden Burgen verläuft inzwischen ein
Klettersteig, außerdem gibt es schöne Radwege.
Liebe Frau Leonardy, seit wann gibt es die Gruppe Daun und wer hat sie
gegründet? Wie sind Sie in die Gruppe gekommen?
Die Gruppe wurde im Jahr 1989 gegründet und ich war von Anfang dabei.
Die Idee dazu hatte die Kunsthistorikerin Frau Dr. Tosetti. Sie stammte
aus Ostberlin und war schon vor der Grenzöffnung mit Beginn ihrer
Rentenzeit nach Daun gezogen. Sie vermisste die Theaterwelt und hatte
die Idee, die Bühnen in Bonn gemeinsam zu besuchen. Sie wollte dieses
Projekt gemeinsam mit einer Bekannten, Frau Weis, starten. Ich war mit
beiden befreundet und vermisste auch „Kultur“ in der Gegend. Schließlich
wurde Frau Weis Gruppenleiterin, ich durfte assistieren. Nach recht
kurzer Zeit wurde Frau Weis krank (sie ist inzwischen verstorben) und ich
übernahm die Gruppenleitung.
Wie haben Sie damals die ersten Mitglieder akquiriert?
Das Angebot hat sich in Daun schnell herumgesprochen. Wir waren
schon kurz nach der Gründung 45 bis 50 Leute, die mit dem Bus ins Thea ter
fuhren. Es waren auch NichtDauner
dabei, darunter viele Ärzte und
andere Akademiker.
Und wie entstand damals der Kontakt zur Theatergemeinde BONN?
Ich weiß es nicht, vermutlich über Frau Dr. Tosetti.
Wie setzt sich die Gruppe heute zusammen?
Derzeit sind es 13 Mitglieder – im Alter von 65 bis 85 Jahren, darunter
nur ein Herr, er ist sehr kulturinteressiert.
Was bieten Manderscheid und Umgebung an Kultur?
Es gibt das Zentrum „KIM – Kleinkunst in Manderscheid“ und den
Musikkreis Wittlich in der alten Synagoge, das ist eine feine Kammer musik
reihe. Toll sind auch die Chorkonzerte in der Abtei Himmerod.
Wenn man „richtiges Theater“ erleben möchte, muss man entweder
55 km nach Trier fahren (dort gibt es auch im Dom Konzerte verschiedener
Chöre) oder man fährt in die Philharmonie Luxembourg; von Trier
aus gibt es gelegentlich einen ShuttleBus
dorthin.
Wie machen Sie auf die Theatergruppe aufmerksam?
Das geht hier eigentlich nur über „MundzuMundPropaganda“.
Im
Moment haben wir zwei neue „Schnupperer“.
Fahren alle Mitglieder mit dem Bus ins Theater?
Ja.
Wieviele Stationen hat Ihr Bus?
Wir treffen uns in Daun und fahren von dort ohne weitere Stopps direkt
nach Bonn. Die Fahrt dauert ca. anderthalb Stunden. Wir fahren zwei
Stunden vor Vorstellungsbeginn los, am liebsten an Sonntagen, weil
dann weniger Verkehr ist.
Wer bestimmt den Spielplan Ihrer Gruppe?
Früher habe ich mit Wunschzetteln gearbeitet. Inzwischen wähle ich die
Aufführungen direkt selbst aus. Ich kenne die Mitglieder und ihre Präferenzen
gut. Überwiegend besuchen wir Opernaufführungen. Ich wähle
nach Regie aus; das ist ein wichtiges Kriterium, man kennt die Handschriften
der Regisseure. Ich bin am Regietheater sehr interessiert, es
muss aber nachvollziehbar sein.
Welches ist Ihr Lieblingstheater?
Die Oper Bonn, die „Scala am Rhein“!
Wieviel Arbeit macht die ehrenamtliche Tätigkeit als Gruppenleiterin?
Theater ist meine Passion. Für mich ist dieses Ehrenamt keine Arbeit,
sondern Lebenselixier. Die Theaterbesuche sind ein reines Vergnügen.
Ich denke dabei immer an ein Zitat von Picasso: „Kunst wäscht den Staub
des Alltags von der Seele.“ – Ich teile den Mitgliedern die Daten im
Voraus mit, versende zwei Tage vor der jeweiligen Aufführung eine Erinnerungsmail
und verteile die Karten im Bus. Derzeit fahren wir mit einem
neuen Bus mit 19 Plätzen, der fährt fast wie ein PKW. Während der
Fahrt halte ich immer einen kurzen Einführungsvortrag. Die Vorbereitung
bedeutet ein wenig Recherchearbeit, aber dabei lerne ich ja etwas.
Was motiviert Sie zu der Aufgabe?
Ich stamme aus Manderscheid. In der Schulzeit habe ich nie ein Theater
besucht, aber meine Liebe zum Schauspiel durch das Lesen von Werken
in Reclamheftchen entwickelt. Seit Jahren liebe ich auch die Oper,
insbesondere die Werke von Richard Wagner.
Neben dieser Theaterbegeisterung sehe ich die Gruppenleitung unter
einem sozialen Aspekt. Der Dank der Mitglieder ist oft rührend; man
merkt, wie viel die gemeinsamen Vorstellungsbesuche den Menschen
bedeuten.
Was war Ihr schönstes und was Ihr schlimmstes Erlebnis als Gruppenleiterin?
Es gab so viele schöne Momente. Ich finde es toll, dass viele junge Künstler
direkt vom Konservatorium oder von der Schauspielschule nach Bonn
kommen und später Weltkarriere machen, zum Beispiel Johanna
Wokalek, Julia Novikova oder Anja Harteros.
Zu den nicht so guten Erlebnissen gehörte, dass wir mal zu spät kamen
und während des 1. Akts im Opernfoyer warten mussten. Es gab mal eine
BusPanne,
und einmal haben sich nach der Vorstellung zwei Mitglieder
im Godesberger Park verlaufen und wir mussten sie suchen.
Außerdem ein persönliches Erlebnis: Auf dem Rückweg von einer Regionalkonferenz
der Theatergemeinde bin ich mal in „Rock am Ring“ geraten.
Ich habe zwei Stunden auf der Ahrstrecke im Stau festgesesssen,
Rockmusik von allen Seiten und Betrunkene auf der Straße.
Sie sind schon viele Jahre Gruppenleiterin. Was denken Sie – wie hat
sich die Theaterwelt in Bonn und Umgebung in den letzten Jahren
verändert?
Unter der Intendanz von JeanClaude
Riber gab es in der „Scala am
Rhein“ Opern mit üppigster Ausstattung. Dann kamen die Sparzwänge,
weil Bonn den Hauptstadtstatus abgeben musste. Es wurden
Schreckensszenarien an die Wand gemalt, aber das Theater Bonn hat das
trotz allem toll hingekriegt, zum Beispiel mit einheitlichem Bühnenbild,
das trotzdem variable Elemente hat und mit einem super Lichtdesign.
Welche Frage möchten Sie noch gestellt bekommen? Was ist Ihnen ein
Anliegen?
Mit ist es ein Anliegen, den Mitarbeiterinnen der Theatergemeinde für
den freundlichzugewandten
Umgang zu danken, das ist einmalig. Alle
arbeiten mit Enthusiasmus, im Glauben an die Kunst; das spürt man.
Vielen Dank!
Mittwoch, 05. Juni 2024