Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Julia Kathinka Philippi - Die Frau in „Von Mäusen und Menschen“ und die Ärztin in „Woyzeck“ - Kultur Nr. 182 - Dezember 2023 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
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Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Julia Kathinka Philippi - Die Frau in „Von Mäusen und Menschen“ und die Ärztin in „Woyzeck“ - Kultur Nr. 182 - Dezember 2023

Bei „The Broken Circle“ 2022 in der Werkstatt war ihre kleine Tochter bei
mehreren Proben dabei und hat auf den herum liegenden Autoreifen kleine Vögel
aus Gips gebastelt, die dann später auf dem Boden zerbrachen.

Inhalt Diese Idee mit
den fragilen Kreaturen sei dann später in
die Inszenierung eingeflossen, erzählt
Julia Kathinka Philippi bei unserem Treffen
in einem Poppelsdorfer Café. Die
Elise in der anrührenden CountryMusicalGeschichte
zweier Außenseiter
war ihre erste Rolle am Schauspiel Bonn.
In der Werkstatt zu sehen war sie jedoch
schon 2019/20 als GoldGirl
in dem Stück
„Lieber Gold im Mund als Porzellan im
Safe“ in der Regie von Frank Heuel, einer
Koproduktion des freien Bonner FringeEnsembles
mit dem städtischen
Theater Bonn und einem Kulturzentrum in Burkina Faso.
„The Broken Circle“, inszeniert von Julias Ehemann Simon Solberg, war
für sie ein ‚Herzensstück‘. Deshalb freut sie sich, dass die Arbeit so viel Zuspruch
fand und auf 30 Vorstellungen kam. „Ich spiele gern auf der Werkstattbühne,
weil man dort nahe am Publikum ist. Man spürt die Menschen.
Einmal habe ich gesehen, dass eine Frau geweint hat. Solche Erfahrungen
haben uns – also Daniel Stock, den Musiker Philipp Breidenbach
und mich – immer wieder tief berührt.“ Julia hat sich in dieser Produktion
auch als großartige Sängerin präsentiert. „Gesang habe ich gar
nicht studiert. Ich schaue selten in die Noten, sondern singe nach Gehör.
Ich lerne die Liedtexte und übe sie mit Tonträgern. Alles Weitere entsteht
dann bei den Proben. Simon versteht sehr viel von Musik und macht zusammen
mit Philipp auch viele Arrangements. Man kann mit ihm wahnsinnig
gut zusammen denken. Dass wir privat ein Paar sind, ist auf der
Bühne eher unerheblich. Aber manche Überlegungen gehen eben im
persönlichen Zusammenleben weiter. Man hört ja nicht mittendrin einfach
auf zu denken, wenn man was für sich selbst kapieren will.“
Zum ersten Mal mit Simon Solberg, der seit der Spielzeit 2018/19 fester
Hausregisseur am Schauspiel Bonn ist, zusammengearbeitet hat sie 2014
am Staatsschauspiel Dresden in seiner Inszenierung von Grimmelshausens
barockem Schelmenroman „Simplicissimus“. „Julia Kathinka Philippi
behauptet sich glänzend bei allem, was sie tut“, hieß es dazu in einer
Besprechung bei
„Nachtkritik“. Sie war
auch dort die einzige
Frau im Ensemble – so
wie nun in Solbergs
Inszenierung von John
Steinbecks „Von Mäusen
und Menschen“,
die die aktuelle Saison
am Schauspiel Bonn
erfolgreich eröffnete.
Julia spielt die namenlose
Gattin des Farmers
Curley und berührt
wieder mit mehreren
Songs. „Wir haben
uns viel mit dem
Motiv der Einsamkeit
beschäftigt“, erzählt
sie. „Die Frau sieht in
Lennie eine verwandte
Seele. Sie fühlt sich
auf dem Hof ebenso
verloren wie er und vermisst ihr verlorenes Kind. Das steht so nicht
explizit in der Novelle, wir haben es, wie einige andere Motive, aus
‚Früchte des Zorns‘ übernommen.
Julia Kathinka Philippi, geboren 1979 in Herdecke, hat ihre Kindheit in
verschiedenen deutschen Städten verbracht. Ihr Vater Rainer Philippi ist
auch Schauspieler, war u. a. lange am Hamburger ThaliaTheater,
an der
Berliner Schaubühne und am Berliner Ensemble engagiert und arbeitet
nun seit etlichen Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus. Selbst Schauspielerin
zu werden, war für Julia folglich kein romantischer Traum, sondern
eine klare Entscheidung für den Beruf. Nach dem Abitur absolvierte
sie ihre Ausbildung an der Universität der Künste in Essen/Bochum.
„Roland Riebeling war eine Klasse über mir. Ich freue mich jetzt schon
sehr darauf, demnächst in seiner Regie die Paula in Plenzdorfs ‚Die
Legende von Paul und Paula‘ zu spielen – wieder mit vielen Songs.“ Nach
dem Diplom folgten Engagements u. a. am Schauspielhaus Bochum, an
den Wuppertaler Bühnen, am Berliner GorkiTheater,
am Stadttheater
Konstanz, am Theater am Neumarkt in Zürich, am Staatsschauspiel Dresden
und am freien Theater Ballhaus Ost in Berlin. „An den jeweiligen Theatern
konnte ich viele Erfahrungen sammeln. Ich empfinde es als ein echtes
Privileg des Berufs, sich immer wieder mehrere Wochen lang mit einem
Thema beschäftigen zu dürfen und gemeinsam etwas zu
entwickeln.“
Zwischendurch stand sie auch regelmäßig für Filmund
TVProduktionen
vor der Kamera, u. a. in über 100 Folgen der Telenovela „Schmetterlinge
im Bauch“. Außerdem arbeitete sie als Synchronsprecherin, vor allem für
Horrorfilme, was sie auch als gute Schule betrachtet. Nach der Geburt
ihrer Tochter hat sie sich erst mal drei Jahre lang auf ihre Mutterrolle konzentriert
und ist sehr glücklich über diese besondere Erfahrung. Mittlerweile
ist die Familie von Köln in Solbergs Heimatstadt Bonn gezogen, und
die Tochter geht seit ein paar Monaten zur Schule.
Seit der Spielzeit 2022/23 ist Julia festes EnsembleMitglied
am Schauspiel
Bonn. Zur Saisoneröffnung verkörperte sie die historische Figur der
Sekine Evren in „Medea 38 / Stimmen“ des 2021 verstorbenen türkischen
Autors Dogan Akanl?. Die mutige Inszenierung von Nuran David Calis fand
leider nicht den erhofften Publikumszuspruch, „Die Vorstellung setzte
viel geschichtliches und politisches Wissen voraus. Unsere wunderbare
Dramaturgin Nadja Groß hat da regelrechte Forschungsarbeit geleistet.
Mich hat das Stück sehr berührt.“ Das gilt auch für Sarah Kanes
„Zerbombt“ (Regie: Charlotte Sprenger), in dem Julia das Mädchen Kate
spielte und am Ende plötzlich mit kindlichem Trotz ein Lied anstimmte,
das das Grauen scheinbar aufhebt und umso erschreckender klar machte.
In der Komödie „Der Haken“ (Regie Roland Riebeling) war sie die junge
Berenice, die am Ende zutiefst anrührend mit dem verwirrten alten
Herrn einen Tanz wagt. „Berenice erscheint naiv, aber sie ahnt von Anfang
an, dass sie die Klammer wird zwischen all den einsamen Egos.“
Dazu hat sie noch mehrere private Anekdoten. Sie hat sich um ihre inzwischen
verstorbene Großmutter mütterlicherseits gekümmert, die
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dann von Hattingen mit ihr
nach Berlin zog und gern von
ihrer Wohnung mit dem
ÖPNV die zwei Statioen zum
KdW fuhr, um in dem
Luxuskaufhaus einen Kaffee
zu genießen. „Ich fand ihre
Lebensfreude absolut
fantastisch“. In einer Bad
Godesberger Bäckerei traf
Julia eine ältere Dame mit
einer KdWTasche,
sprach
sie darauf an und lud sie
spontan ins Theater ein. „Sie
war unheilbar krebskrank in
finalem Stadium, aber diesen
Besuch wollte sie sich
nicht nehmen lassen. Und
sie ist dann tatsächlich gekommen.“
Mit dem Fahrrad
unterwegs zu einer Probe
sah Julia eine Polizistin auf
einem riesigen Motorrad.
„Ich fand es toll, wie die Frau
diese irre Maschine beherrschte und habe ihr zugelächelt. Kurz danach
hielt sie an und winkte mich aus dem Verkehr. Ich dachte schon, ich hätte
beim Textdurchgehen irgendeinen Mist gebaut. Aber sie wollte mir nur
sagen, dass sie einen komplett miesen Tag hatte und sich gefreut hätte,
als sie jemand einfach so freundlich anlächelte. Die wollte dann auch
erstmals zu uns ins Theater kommen.“ Man merkt es auch auf der Bühne:
Die Schauspielerin Julia Kathinka Philippi ist eine begabte Menschen fängerin.
„Ich glaube, ich liebe es einfach, mit Menschen in Kontakt zu kommen“,
gesteht sie, bevor sie sich aufmacht zu den Endproben von Büchners
„Woyzeck“ (s. Kritik S. 3), und ihr glaubt man diese besondere Empathie
vorbehaltlos. Für Simon Solbergs fulminante „Woyzeck“Inszenierung
2016 in der Halle Beuel (die letzte Premiere auf dieser Raumbühne des
Bonner Schauspiels) hat Julia übrigens die Kostüme entworfen, ist mit
dem Stoff also bestens vertraut. Und immer wieder begeistert von all den
Gewerken hinter den Kulissen. „Alle machen ihre Arbeit mit fabelhafter
Leidenschaft. Das ist genau das Gefühl, das man braucht, um auf die
Bühne zu gehen und Leute mit auf eine Gedankenreise nehmen zu können.“
Mit ihrer elementaren Neugier und ihrer wunderbaren Sympathie
für Menschen strahlt sie stets eine besondere Nähe zu ihren Figuren aus
und bringt Empfindungen ebenso geistesgegenwärtig in Bewegung wie
intellektuelle Einsichten.

Mittwoch, 05. Juni 2024