kultur - Kritisches
Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron nach dem Roman von Yade Yasemin Önder - Werkstatt - kultur Nr. 182 - Dezember 2023
Destruktive Identitätssuche - Uraufführung
Ein Jahr nach Tschernobyl sei sie geboren, erklärt die Ich-Erzählerin.
Irgendwo in der westdeutschen Provinz als „Mischling“ aus einem kurdischtürkischen Vater und einer deutschen Mutter.
Wir wissen, wir könnten und fallen synchron
| © Matthias Jung
Inhalt
Der fettsüchtige, maßlos
übergewichtige Vater stirbt früh. Sein Tod
hinterlässt eine tiefe Wunde im Leben der
heranwachsenden Tochter. Bei der übergriffigen
Mutter findet sie keine Geborgenheit.
Die Beziehung läuft aus dem Ruder und wird
zunehmend toxisch. Die pubertären Ausbruchsversuche
des Mädchens münden in einer
Essstörung: Bulimie. Heißhunger und Erbrechen,
zwanghafter Genuss und Ekel – ein
Kreislauf aus Wut, Gier und Selbstaggression.
Krankheit als Metapher. Der eigene Körper
wird zum Schlachtfeld des Psychokrieges um
Selbstbehauptung und Anerkennung.
Die Autorin Yade Yasemin Önder (*1985 in
Wiesbaden) beschreibt in ihrem 2022 erschienenen,
von der Kritik gefeierten und
inzwischen mehrfach ausgezeichneten
Romanerstling Wir wissen, wir könnten, und
fallen synchron eine zerrissene Jugend
zwischen Anpassung und Fremdheit. Önders
erstes Theaterstück Kartonnagen wurde
2017 am Wiener Burgtheater uraufgeführt.
Ihr Roman sollte eigentlich auch ein Drama
werden. Nun hat die 1990 in der Türkei geborene,
in Bochum aufgewachsene Regisseurin
Emel Aydogdu den Stoff in der Werkstatt des
Schauspiels Bonn auf die Bühne gebracht. Die wilde, sprunghafte Erzählweise
scheint durch, wird aber chronologisch gebändigt. Weitgehend
ausgespart sind die sexuellen Exzesse des Teenagers, der die Lücken
seiner Existenz mit Männern füllt. Geblieben sind der rasante Sprachrhythmus
und die ruppige Poesie. Die Protagonistin wird hier von drei
Ichs verkörpert. Jacob Z. Eckstein und Imke Siebert (beide seit 2023 Mitglieder
des Bonner Ensembles) sowie als Gast Roxana Safarabadi spielen
keine eindeutigen Figuren; sie werfen sich die Sätze zu, jonglieren
virtuos mit dem Sprachmaterial, singen, tanzen, kuscheln und kämpfen,
bevor sie am Ende jeder Szene stumm „synchron“ zu Boden stürzen
(Choreografie: Emmanuel Edoror).
Mit weißen Perücken und schrillen Kostümen toben sie über den verrückten
Spielplatz, den Ausstatterin Eva
Lochner entworfen hat. Wie eine Riesen krake
breitet da ein graues Monster seine
weichen Tentakelarme über die ganze Bühne
aus. Es ist ein grotesk vergrößerter Mund, aus
dem eine auch als Rutschbahn dienende rote
Zunge auf den Boden führt. Ein alles verschlingender
Ort der Sprache wie der Nahrungsaufnahme
und der Brechsucht. In einer
berührenden Szene erscheinen die Gesichter
der drei Akteure in Großaufnahme, während
kleine gelbe Puppenhände an ihren Mündern
zerren. Bisweilen mimt das Trio prägende
Gestalten aus der Familiengeschichte wie
den großväterlichen Pfälzer Patriarchen und
die Mutter, die die Krankheit ihrer Tochter
lange nicht wahrhaben will.
Witzig schildert Önder die Reisen zur türkischen
Familie, mit bitterem Humor die scheiternden
Therapieversuche. Manches bleibt
assoziativ verrätselt in der bildstarken Inszenierung.
Bei aller ungefilterten Emotionalität
ist das Stück keine mitleidfordernde Geschichte
einer verunsicherten Identität zwischen
den Kulturen. Die junge Frau befreit
sich schließlich selbst von dem, was sie ihr
„Symptom“ nennt. Am Schluss steht eine
imaginäre Reise über die Flüsse Europas bis
zum Schwarzen Meer. Dort trifft ein väterlicher Komet auf die Erde und
sorgt für einen Moment der Ruhe.
Großer Premierenapplaus für eine packende Vorstellung, die nachwirkt. (E.E.K.)
übergewichtige Vater stirbt früh. Sein Tod
hinterlässt eine tiefe Wunde im Leben der
heranwachsenden Tochter. Bei der übergriffigen
Mutter findet sie keine Geborgenheit.
Die Beziehung läuft aus dem Ruder und wird
zunehmend toxisch. Die pubertären Ausbruchsversuche
des Mädchens münden in einer
Essstörung: Bulimie. Heißhunger und Erbrechen,
zwanghafter Genuss und Ekel – ein
Kreislauf aus Wut, Gier und Selbstaggression.
Krankheit als Metapher. Der eigene Körper
wird zum Schlachtfeld des Psychokrieges um
Selbstbehauptung und Anerkennung.
Die Autorin Yade Yasemin Önder (*1985 in
Wiesbaden) beschreibt in ihrem 2022 erschienenen,
von der Kritik gefeierten und
inzwischen mehrfach ausgezeichneten
Romanerstling Wir wissen, wir könnten, und
fallen synchron eine zerrissene Jugend
zwischen Anpassung und Fremdheit. Önders
erstes Theaterstück Kartonnagen wurde
2017 am Wiener Burgtheater uraufgeführt.
Ihr Roman sollte eigentlich auch ein Drama
werden. Nun hat die 1990 in der Türkei geborene,
in Bochum aufgewachsene Regisseurin
Emel Aydogdu den Stoff in der Werkstatt des
Schauspiels Bonn auf die Bühne gebracht. Die wilde, sprunghafte Erzählweise
scheint durch, wird aber chronologisch gebändigt. Weitgehend
ausgespart sind die sexuellen Exzesse des Teenagers, der die Lücken
seiner Existenz mit Männern füllt. Geblieben sind der rasante Sprachrhythmus
und die ruppige Poesie. Die Protagonistin wird hier von drei
Ichs verkörpert. Jacob Z. Eckstein und Imke Siebert (beide seit 2023 Mitglieder
des Bonner Ensembles) sowie als Gast Roxana Safarabadi spielen
keine eindeutigen Figuren; sie werfen sich die Sätze zu, jonglieren
virtuos mit dem Sprachmaterial, singen, tanzen, kuscheln und kämpfen,
bevor sie am Ende jeder Szene stumm „synchron“ zu Boden stürzen
(Choreografie: Emmanuel Edoror).
Mit weißen Perücken und schrillen Kostümen toben sie über den verrückten
Spielplatz, den Ausstatterin Eva
Lochner entworfen hat. Wie eine Riesen krake
breitet da ein graues Monster seine
weichen Tentakelarme über die ganze Bühne
aus. Es ist ein grotesk vergrößerter Mund, aus
dem eine auch als Rutschbahn dienende rote
Zunge auf den Boden führt. Ein alles verschlingender
Ort der Sprache wie der Nahrungsaufnahme
und der Brechsucht. In einer
berührenden Szene erscheinen die Gesichter
der drei Akteure in Großaufnahme, während
kleine gelbe Puppenhände an ihren Mündern
zerren. Bisweilen mimt das Trio prägende
Gestalten aus der Familiengeschichte wie
den großväterlichen Pfälzer Patriarchen und
die Mutter, die die Krankheit ihrer Tochter
lange nicht wahrhaben will.
Witzig schildert Önder die Reisen zur türkischen
Familie, mit bitterem Humor die scheiternden
Therapieversuche. Manches bleibt
assoziativ verrätselt in der bildstarken Inszenierung.
Bei aller ungefilterten Emotionalität
ist das Stück keine mitleidfordernde Geschichte
einer verunsicherten Identität zwischen
den Kulturen. Die junge Frau befreit
sich schließlich selbst von dem, was sie ihr
„Symptom“ nennt. Am Schluss steht eine
imaginäre Reise über die Flüsse Europas bis
zum Schwarzen Meer. Dort trifft ein väterlicher Komet auf die Erde und
sorgt für einen Moment der Ruhe.
Großer Premierenapplaus für eine packende Vorstellung, die nachwirkt. (E.E.K.)
Mittwoch, 05. Juni 2024