kultur - Kritisches
Aus großer Zeit von Walter Kempowski - Kleines Theater - kultur Nr. 182 - Dezember 2023
Beeindruckendes bürgerliches Gesellschaftsbild
Theaterleiter Frank Oppermann nannte diese für das kleine Haus außerordentlich große Produktion ein Stück, das ihm besonders am Herzen
läge.
Aus großer Zeit
| © Patric Prager
Inhalt
Entstanden ist tatsächlich ein hervorragender Theaterabend. Der
Schriftsteller Walter Kempowski (1929 – 2007) beschrieb in seiner neunbändigen
sogenannten „Deutschen Chronik“ (sechs Romane, drei ‚Befragungsbücher‘)
den Niedergang des deutschen Bürgertums, exemplarisch
veranschaulicht an seiner eigenen Familiengeschichte. Der Regisseur
Axel Schneider hat den Stoff für das Altonaer Theater in Hamburg
bearbeitet und dort
2018/19 herausgebracht.
Den ersten
Teil dieser Bühnenfassung
– Grundlage
sind die Romane Aus
großer Zeit (1978)
und Schöne Aussicht
(1981) – hat nun
Volker Schmalöer am
Kleinen Theater inszeniert.
Dem erfahrenen
Regisseur, der
seit vielen Jahren an
renommierten deutschen
Bühnen arbeitet
(von 2004 bis 2010
leitete er als Oberspielleiter
das Schauspiel
am Staatstheater
Kassel), ist ein großer
Wurf gelungen.
Mit einem famosen
neunköpfigen SchauspielEnsemble
in über 50 Rollen hat er Präzisionsarbeit geleistet, um die
kleinen dramatischen Szenen mit stupender Leichtigkeit zu einem zeitgeschichtlichen
Mosaik zu formen.
Es ist eine Collage aus erzählerischen Miniaturen. Im schlichten Bühnenbild
von Lisa Moro genügen ein paar Tapetenwände, schwarze Hocker
und kleine Spielzeugrequisiten (ein Miniauto als LuxusKarosse
oder ein
winziger Liegestuhl zum Strandglück) für die Auftritte der Figuren wie
aus einem alten Fotoalbum. Kempowski betrachtet sie mit leisem Humor
und schildert sie mit sprachlicher Raffinesse. Schmalöer macht daraus
keine realistische Erzählung. Die Figuren aus mehreren Generationen
sind präsent, sie nehmen sich in ihrer Bühnengegenwart gegenseitig
wahr und wechseln mit atemberaubendem Tempo ihre Rollen. Bei allem
Ernst der Geschichte darf auch gelacht werden.
Janosch Roloff verkörpert fabelhaft den Autor Walter Kempowski, Enkel
des patriarchaljovialen
Rostocker Reeders Robert William Kempowski
(hervorragend: Dirk Witthuhn), der es mit List und unternehmerischem
Geschick zu beträchtlichem Wohlstand gebracht hat und im Rollstuhl endet.
Katharina Waldau spielt u. a. seine theaterverliebte Gattin Anna,
die gern nächstens Heldentenöre empfängt und ihrem Ehemann neben
ihrem Vermögen die Syphilis beschert. Yannick Hehlgans ist der
gemeinsame Sohn Karl, der sich bei einem OstseeUrlaub
in die ent zückend
naive Hamburger Kaufmannstochter Grethe de Bonsac (hinreißend:
Jacqueline Jacobs) verknallt. Die schwärmt zwar für den attraktiven
Flieger August Menz (in zahlreichen Rollen phänomenal und als Pianist
ein solider Begleiter: Manuel Jadue) und heiratet dann doch den
schüchternen kleinen Karl. Ulrike Volkers brilliert als doppelte Ahnin, ist
also Annas Mutter Maria aus der bildungsnahen MartensSippe
sowie
Martha, die Gattin des strenggläubigen Protestanten Wilhelm de
Bonsac. Sebastian Schlemmer ist das unerschütterliche Familienoberhaupt
aus der KaiserzeitGeneration.
MarieTheres
Jestädt gibt mehrere
junge Frauen vom
kindlich auf süße Dauerlutscher
fixierten
Girlie bis zur TangoLeidenschaft
mit
Zigarette im Mund.
Der Erste Weltkrieg
erschüttert die
Grundfesten der
bürgerlichen Ordnung.
Karl meldet sich
freiwillig als Soldat,
steigt zum Leutnant
auf, überlebt das
Grauen und hängt
dann am Veteranenstammtisch,
wo die
aufstrebende nationalsozialistische
Bewegung
bierselig eine
großdeutsche Zukunft
entwirft.
Inflationen, Abstieg in
ü b e l b e l e u m d e t e
Quartiere, neue Wohnung (mittlerweile haben Karl und Grethe drei Kinder,
darunter der Erzähler Walter) mit schöner Aussicht – die Welt taumelt
unaufhaltsam in die Katastrophe. Die Familien nehmen die politischen
Veränderungen nur am Rande wahr, glauben an den wirtschaftlichen
Wiederaufstieg und hoffen nach Hitlers Machtergreifung auf die
Wiederherstellung der bürgerlichen Ordnung nach der chaotischen
‚Systemzeit‘. Dass Nachbarn plötzlich verschwinden, wird nicht weiter
erörtert. Zwischen Naivität und Opportunismus geht das Leben einfach
weiter.
Das geht unter die Haut, weil es unspektakulär einen historischen Zustand
zeigt, der nachwirkt. Spielerisch agiert das ganze Ensemble auf
hohem Niveau und vergegenwärtigt einen Epochenbruch mit rasantem
Tempo. Dem ständigen Wechsel der Figuren zu folgen, erfordert allerdings
auch hohe Konzentration bei den Zuschauern. Die Anstrengung
lohnt sich freilich, denn die Aufführung berührt mit Emotionen, Sinnlichkeit
und ironischem Witz ebenso wie mit Verstand, der zum Nachdenken
herausfordert. Die Fortsetzung der KempowskiSaga
ist in der
nächsten Spielzeit geplant. Für das kleine Privattheater ein mutiges Projekt! (E.E.K.)
Schriftsteller Walter Kempowski (1929 – 2007) beschrieb in seiner neunbändigen
sogenannten „Deutschen Chronik“ (sechs Romane, drei ‚Befragungsbücher‘)
den Niedergang des deutschen Bürgertums, exemplarisch
veranschaulicht an seiner eigenen Familiengeschichte. Der Regisseur
Axel Schneider hat den Stoff für das Altonaer Theater in Hamburg
bearbeitet und dort
2018/19 herausgebracht.
Den ersten
Teil dieser Bühnenfassung
– Grundlage
sind die Romane Aus
großer Zeit (1978)
und Schöne Aussicht
(1981) – hat nun
Volker Schmalöer am
Kleinen Theater inszeniert.
Dem erfahrenen
Regisseur, der
seit vielen Jahren an
renommierten deutschen
Bühnen arbeitet
(von 2004 bis 2010
leitete er als Oberspielleiter
das Schauspiel
am Staatstheater
Kassel), ist ein großer
Wurf gelungen.
Mit einem famosen
neunköpfigen SchauspielEnsemble
in über 50 Rollen hat er Präzisionsarbeit geleistet, um die
kleinen dramatischen Szenen mit stupender Leichtigkeit zu einem zeitgeschichtlichen
Mosaik zu formen.
Es ist eine Collage aus erzählerischen Miniaturen. Im schlichten Bühnenbild
von Lisa Moro genügen ein paar Tapetenwände, schwarze Hocker
und kleine Spielzeugrequisiten (ein Miniauto als LuxusKarosse
oder ein
winziger Liegestuhl zum Strandglück) für die Auftritte der Figuren wie
aus einem alten Fotoalbum. Kempowski betrachtet sie mit leisem Humor
und schildert sie mit sprachlicher Raffinesse. Schmalöer macht daraus
keine realistische Erzählung. Die Figuren aus mehreren Generationen
sind präsent, sie nehmen sich in ihrer Bühnengegenwart gegenseitig
wahr und wechseln mit atemberaubendem Tempo ihre Rollen. Bei allem
Ernst der Geschichte darf auch gelacht werden.
Janosch Roloff verkörpert fabelhaft den Autor Walter Kempowski, Enkel
des patriarchaljovialen
Rostocker Reeders Robert William Kempowski
(hervorragend: Dirk Witthuhn), der es mit List und unternehmerischem
Geschick zu beträchtlichem Wohlstand gebracht hat und im Rollstuhl endet.
Katharina Waldau spielt u. a. seine theaterverliebte Gattin Anna,
die gern nächstens Heldentenöre empfängt und ihrem Ehemann neben
ihrem Vermögen die Syphilis beschert. Yannick Hehlgans ist der
gemeinsame Sohn Karl, der sich bei einem OstseeUrlaub
in die ent zückend
naive Hamburger Kaufmannstochter Grethe de Bonsac (hinreißend:
Jacqueline Jacobs) verknallt. Die schwärmt zwar für den attraktiven
Flieger August Menz (in zahlreichen Rollen phänomenal und als Pianist
ein solider Begleiter: Manuel Jadue) und heiratet dann doch den
schüchternen kleinen Karl. Ulrike Volkers brilliert als doppelte Ahnin, ist
also Annas Mutter Maria aus der bildungsnahen MartensSippe
sowie
Martha, die Gattin des strenggläubigen Protestanten Wilhelm de
Bonsac. Sebastian Schlemmer ist das unerschütterliche Familienoberhaupt
aus der KaiserzeitGeneration.
MarieTheres
Jestädt gibt mehrere
junge Frauen vom
kindlich auf süße Dauerlutscher
fixierten
Girlie bis zur TangoLeidenschaft
mit
Zigarette im Mund.
Der Erste Weltkrieg
erschüttert die
Grundfesten der
bürgerlichen Ordnung.
Karl meldet sich
freiwillig als Soldat,
steigt zum Leutnant
auf, überlebt das
Grauen und hängt
dann am Veteranenstammtisch,
wo die
aufstrebende nationalsozialistische
Bewegung
bierselig eine
großdeutsche Zukunft
entwirft.
Inflationen, Abstieg in
ü b e l b e l e u m d e t e
Quartiere, neue Wohnung (mittlerweile haben Karl und Grethe drei Kinder,
darunter der Erzähler Walter) mit schöner Aussicht – die Welt taumelt
unaufhaltsam in die Katastrophe. Die Familien nehmen die politischen
Veränderungen nur am Rande wahr, glauben an den wirtschaftlichen
Wiederaufstieg und hoffen nach Hitlers Machtergreifung auf die
Wiederherstellung der bürgerlichen Ordnung nach der chaotischen
‚Systemzeit‘. Dass Nachbarn plötzlich verschwinden, wird nicht weiter
erörtert. Zwischen Naivität und Opportunismus geht das Leben einfach
weiter.
Das geht unter die Haut, weil es unspektakulär einen historischen Zustand
zeigt, der nachwirkt. Spielerisch agiert das ganze Ensemble auf
hohem Niveau und vergegenwärtigt einen Epochenbruch mit rasantem
Tempo. Dem ständigen Wechsel der Figuren zu folgen, erfordert allerdings
auch hohe Konzentration bei den Zuschauern. Die Anstrengung
lohnt sich freilich, denn die Aufführung berührt mit Emotionen, Sinnlichkeit
und ironischem Witz ebenso wie mit Verstand, der zum Nachdenken
herausfordert. Die Fortsetzung der KempowskiSaga
ist in der
nächsten Spielzeit geplant. Für das kleine Privattheater ein mutiges Projekt! (E.E.K.)
Mittwoch, 05. Juni 2024