kultur - Kritisches
Woyzeck von Georg Büchner - Schauspielhaus - kultur Nr. 182 - Dezember 2023
Gespenstisches Sozialdrama
Er ist ein Gehetzter. Schon während das Publikum im Saal Platz nimmt, rennt der Soldat Woyzeck ziellos auf der Bühne
herum.
Woyzeck
| © Sandra Then
Inhalt
„Wie ein offenes Rasiermesser“, wird der
Hauptmann später sagen. Woyzeck läuft zwanghaft um
sein Leben, ständig getrieben von der Sorge um seine
geliebte Marie und das gemeinsame Kind, dauernd verunsichert
von den Menschen und den übermächtigen
Gespenstern seiner Albtraumvisionen. Für ein paar Groschen
verkauft er der Ärztin seinen Körper für medizinische
Experimente. Seinem Hauptmann dient er als Barbier.
Weil er arm ist, wird er ausgebeutet. Er ist ein Opfer
der Klassengesellschaft.
Eigentlich hat es das längst zum Klassiker hochgestufte
Drama Woyzeck, eins der einflussreichsten der deutschen
Literatur, nie gegeben. Bekanntlich begann der Dichter,
Naturwissenschaftler und Revolutionär Georg Büchner
(1813 – 1837) die Niederschrift der Tragödie des armen
Soldaten Woyzeck 1836 im Straßburger Exil. Nach seinem
frühen Tod in Zürich blieb ein nahezu unleserliches Fragment, das erst
nach verschiedenen Rekonstruktionen 1913 den Weg auf die Bühne
fand. Woyzeck – derzeit Abiturstoff in mehreren Bundesländern – ist
aktuell in der deutschen Theaterlandschaft sehr präsent.
Die Regisseurin Sarah Kurze (*1993) beweist in ihrer ersten Arbeit am
Theater Bonn (ihrer ersten großen StadttheaterInszenierung),
dass der
Stoff zeitlos modern ist. Zusammen mit der Dramaturgin Nadja Groß hat
sie Passagen aus anderen BüchnerWerken,
insbesondere seinem
DantonDrama,
eingebaut, die fast filmisch geschnittene Szenenfolge
energisch zugespitzt und die sozialen Gegensätze verschärft. Bühnenbildnerin
Janja Valjarevic hat dafür ein Containerdorf entworfen, in dem
niemand wirklich zu Hause ist. Birte Schrein als Marktschreierin Margret
mit orangeroter Perücke führt höhnisch die imaginäre Menagerie vor:
dressierte Menschentiere aus Staub und Dreck, die gehorsam ihre Kunststücke
zeigen. Unheimliche Kreaturen im Zirkus der Privilegierten und
der hilflosen Opfer einer gnadenlosen GesellschaftsMaschinerie,
die
mittellose Menschen in den Abgrund treibt.
Paul Michael Stiehler spielt mit ungeheurer Intensität den kleinen
Verlierer, der verzweifelt nach Halt sucht im Taumel seiner dauernden
Demütigungen und psychischen Verwirrungen, die ihn am Ende zum
Mörder der Frau machen, die seinem Dasein einen Sinn gab. Er geht
angespannt, oft gebückt, reagiert kaum auf die Gemeinheiten seiner
Peiniger. Sandrine Zenner, gekleidet wie eine heutige junge Frau
(Kostüme: Vanessa Vadineanu), verkörpert die Marie, die sich als alleinerziehende
Mutter im oberen Container wohnlich eingerichtet hat und
sich vom Leben mehr wünscht als einen „hirnwütigen“ Partner, der sich
rastlos für wenig Geld abhetzt. Per LiveVideo
bleibt sie auf Distanz zum
unterirdischen Wahnsinn. Mitunter steigt sie herab wie eine Fremde in
der Arena beziehungsloser Individuen. Das hoffnungslose Märchen vom
armen Kind, das bei Sonne, Mond und Sternen nur bittere Enttäuschungen
erfuhr, erzählt sie ihrem unsichtbaren Baby wie eine sanfte Drohung.
Julia Kathinka Philippi beeindruckt als ehrgeizige Frau Doktor im weißen
BiedermeierPuffärmelArztgewand
zu erbsengrünen Crogs. Ein blonder
Höllenengel der Medizin, der sein Objekt mit Erbsendiät und zynischen
Kommentaren quält. Per Fingerschnippen regiert sie vor ihrem silbern
glänzenden Container ohne jegliche Heilungsabsicht. Fürs unkontrollierte
Wasserlassen gibt’s Schläge, für schön ausgeprägte KrankheitsSymptome
ein paar Groschen Zulage. Alois Reinhardt als durchtrainierter,
ungemein beweglicher Hauptmann dirigiert vor seinem grauen MilitärkasernenContainer
seinen Rasiersklaven per Pfiff an die jeweils
gewünschte Hockerposition oder wirft die Stühle um, traktiert sein Opfer
mit pseudophilosophischen Ergüssen und jagt ihn mit bösartiger Lust
in eine Eifersuchtsgeschichte. Einmal lässt er den leichtgewichtigen
Woyzeck – „Er ist ein guter Mensch“ – scheinbar gutmütig auf seinem
Knie Platz nehmen, um ihn sofort noch weiter zu erniedrigen. Später
übernimmt er auch die Rolle des Verführers (bei Büchner ein attraktiver
Tambourmajor), der sturzbesoffen den schwachen Woyzeck zusammenschlägt,
seine Marie mit einem imaginären Lasso einfängt und mit
goldenen Ohrringen gefügig macht.
Riccardo Ferreira als Woyzecks Freund Andres erscheint wie ein
nüchternes Spiegelbild des verzweifelten Außenseiters. Im Stechschritt
marschiert er geradeaus, ohne die Nöte seines Kameraden zu begreifen.
Anders als dieser glaubt er noch an mögliche soziale Veränderungen. Zur
eindringlichen Musik von Samuel Wiese kreisen alle wie Marionetten in
einer mechanischen Choreografie durch die trostlose Szenerie mit ihren
abweisend verschlossenen Türen und Fenstern. Woyzeck kauft sich an
einer Marktbude ein billiges Messer. Der lebensmüde, selbstmitleidige
Antiheld verteilt seine spärliche Habe und ersticht sich. Das ist jedoch
nicht das Ende der Geschichte.
Sarah Kurze präsentiert mehrere Varianten. Am nächsten Morgen ist
Woyzeck wieder lebendig, trägt seine gewohnte Uniform, wird immer
brutaler gedemütigt und bringt in der kalten Mondnacht seine Marie um.
Deren Container scheint fortzuschweben und mit ihm alle Sehnsucht
nach Wärme und Zuwendung.
Mit diesem „schönen Mord“, Woyzecks hilflosem Protest gegen die unerträglichen
Verhältnisse, gibt sich die kämpferische Nachbarin Margret
nicht zufrieden, hält mit Zitaten aus Büchners „Hessischem Landboten“
eine flammende Rede gegen die Ungerechtigkeit und erschießt alle
Figuren des bösen Spiels. Flugblätter mit der bekannten Parole „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ flattern in die Zuschauerreihen. Es geht
um die Macht und den Reichtum der Privilegierten und die dumpfe
Masse der Unterdrückten, Herrschaft und Ausbeutung. Also um die
heute wie damals zu stellende politische Frage nach der materiellen
Abhängigkeit menschlicher Existenz.
Überzeugter Premierenbeifall für das hervorragende Schauspiel-Ensemble
und die bewegende Inszenierung.
Ausdrücklich empfohlen für Publikum ab 14 Jahren und Schulklassen der
Oberstufe. (E.E.K.)
Hauptmann später sagen. Woyzeck läuft zwanghaft um
sein Leben, ständig getrieben von der Sorge um seine
geliebte Marie und das gemeinsame Kind, dauernd verunsichert
von den Menschen und den übermächtigen
Gespenstern seiner Albtraumvisionen. Für ein paar Groschen
verkauft er der Ärztin seinen Körper für medizinische
Experimente. Seinem Hauptmann dient er als Barbier.
Weil er arm ist, wird er ausgebeutet. Er ist ein Opfer
der Klassengesellschaft.
Eigentlich hat es das längst zum Klassiker hochgestufte
Drama Woyzeck, eins der einflussreichsten der deutschen
Literatur, nie gegeben. Bekanntlich begann der Dichter,
Naturwissenschaftler und Revolutionär Georg Büchner
(1813 – 1837) die Niederschrift der Tragödie des armen
Soldaten Woyzeck 1836 im Straßburger Exil. Nach seinem
frühen Tod in Zürich blieb ein nahezu unleserliches Fragment, das erst
nach verschiedenen Rekonstruktionen 1913 den Weg auf die Bühne
fand. Woyzeck – derzeit Abiturstoff in mehreren Bundesländern – ist
aktuell in der deutschen Theaterlandschaft sehr präsent.
Die Regisseurin Sarah Kurze (*1993) beweist in ihrer ersten Arbeit am
Theater Bonn (ihrer ersten großen StadttheaterInszenierung),
dass der
Stoff zeitlos modern ist. Zusammen mit der Dramaturgin Nadja Groß hat
sie Passagen aus anderen BüchnerWerken,
insbesondere seinem
DantonDrama,
eingebaut, die fast filmisch geschnittene Szenenfolge
energisch zugespitzt und die sozialen Gegensätze verschärft. Bühnenbildnerin
Janja Valjarevic hat dafür ein Containerdorf entworfen, in dem
niemand wirklich zu Hause ist. Birte Schrein als Marktschreierin Margret
mit orangeroter Perücke führt höhnisch die imaginäre Menagerie vor:
dressierte Menschentiere aus Staub und Dreck, die gehorsam ihre Kunststücke
zeigen. Unheimliche Kreaturen im Zirkus der Privilegierten und
der hilflosen Opfer einer gnadenlosen GesellschaftsMaschinerie,
die
mittellose Menschen in den Abgrund treibt.
Paul Michael Stiehler spielt mit ungeheurer Intensität den kleinen
Verlierer, der verzweifelt nach Halt sucht im Taumel seiner dauernden
Demütigungen und psychischen Verwirrungen, die ihn am Ende zum
Mörder der Frau machen, die seinem Dasein einen Sinn gab. Er geht
angespannt, oft gebückt, reagiert kaum auf die Gemeinheiten seiner
Peiniger. Sandrine Zenner, gekleidet wie eine heutige junge Frau
(Kostüme: Vanessa Vadineanu), verkörpert die Marie, die sich als alleinerziehende
Mutter im oberen Container wohnlich eingerichtet hat und
sich vom Leben mehr wünscht als einen „hirnwütigen“ Partner, der sich
rastlos für wenig Geld abhetzt. Per LiveVideo
bleibt sie auf Distanz zum
unterirdischen Wahnsinn. Mitunter steigt sie herab wie eine Fremde in
der Arena beziehungsloser Individuen. Das hoffnungslose Märchen vom
armen Kind, das bei Sonne, Mond und Sternen nur bittere Enttäuschungen
erfuhr, erzählt sie ihrem unsichtbaren Baby wie eine sanfte Drohung.
Julia Kathinka Philippi beeindruckt als ehrgeizige Frau Doktor im weißen
BiedermeierPuffärmelArztgewand
zu erbsengrünen Crogs. Ein blonder
Höllenengel der Medizin, der sein Objekt mit Erbsendiät und zynischen
Kommentaren quält. Per Fingerschnippen regiert sie vor ihrem silbern
glänzenden Container ohne jegliche Heilungsabsicht. Fürs unkontrollierte
Wasserlassen gibt’s Schläge, für schön ausgeprägte KrankheitsSymptome
ein paar Groschen Zulage. Alois Reinhardt als durchtrainierter,
ungemein beweglicher Hauptmann dirigiert vor seinem grauen MilitärkasernenContainer
seinen Rasiersklaven per Pfiff an die jeweils
gewünschte Hockerposition oder wirft die Stühle um, traktiert sein Opfer
mit pseudophilosophischen Ergüssen und jagt ihn mit bösartiger Lust
in eine Eifersuchtsgeschichte. Einmal lässt er den leichtgewichtigen
Woyzeck – „Er ist ein guter Mensch“ – scheinbar gutmütig auf seinem
Knie Platz nehmen, um ihn sofort noch weiter zu erniedrigen. Später
übernimmt er auch die Rolle des Verführers (bei Büchner ein attraktiver
Tambourmajor), der sturzbesoffen den schwachen Woyzeck zusammenschlägt,
seine Marie mit einem imaginären Lasso einfängt und mit
goldenen Ohrringen gefügig macht.
Riccardo Ferreira als Woyzecks Freund Andres erscheint wie ein
nüchternes Spiegelbild des verzweifelten Außenseiters. Im Stechschritt
marschiert er geradeaus, ohne die Nöte seines Kameraden zu begreifen.
Anders als dieser glaubt er noch an mögliche soziale Veränderungen. Zur
eindringlichen Musik von Samuel Wiese kreisen alle wie Marionetten in
einer mechanischen Choreografie durch die trostlose Szenerie mit ihren
abweisend verschlossenen Türen und Fenstern. Woyzeck kauft sich an
einer Marktbude ein billiges Messer. Der lebensmüde, selbstmitleidige
Antiheld verteilt seine spärliche Habe und ersticht sich. Das ist jedoch
nicht das Ende der Geschichte.
Sarah Kurze präsentiert mehrere Varianten. Am nächsten Morgen ist
Woyzeck wieder lebendig, trägt seine gewohnte Uniform, wird immer
brutaler gedemütigt und bringt in der kalten Mondnacht seine Marie um.
Deren Container scheint fortzuschweben und mit ihm alle Sehnsucht
nach Wärme und Zuwendung.
Mit diesem „schönen Mord“, Woyzecks hilflosem Protest gegen die unerträglichen
Verhältnisse, gibt sich die kämpferische Nachbarin Margret
nicht zufrieden, hält mit Zitaten aus Büchners „Hessischem Landboten“
eine flammende Rede gegen die Ungerechtigkeit und erschießt alle
Figuren des bösen Spiels. Flugblätter mit der bekannten Parole „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ flattern in die Zuschauerreihen. Es geht
um die Macht und den Reichtum der Privilegierten und die dumpfe
Masse der Unterdrückten, Herrschaft und Ausbeutung. Also um die
heute wie damals zu stellende politische Frage nach der materiellen
Abhängigkeit menschlicher Existenz.
Überzeugter Premierenbeifall für das hervorragende Schauspiel-Ensemble
und die bewegende Inszenierung.
Ausdrücklich empfohlen für Publikum ab 14 Jahren und Schulklassen der
Oberstufe. (E.E.K.)
Mittwoch, 05. Juni 2024