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Interviews

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Lutz Arkenberg

Inspizient und Technischer Leiter am Kleinen Theater
Seit September 1984 gehört er zum Team des Kleinen Theaters.

Inhalt Damals war er noch Student
an der Universität Bonn.
In einer Muffendorfer Kneipe
traf er den Inspizienten des
Kleinen Theaters. „Der fragte
mich spontan, ob ich nicht
Lust hätte, mal was am Theater
zu machen“, erzählt Lutz
Arkenberg an einem sonnigen
Herbsttag bei einem Kaffee
auf der Außenbühne. „So kam
ich zur ersten Bühnenrolle
meines Lebens: Als Hinterteil
des Kamels in dem Märchenstück
‚Der Dieb von Bagdad‘.
Mir machte das viel Spaß, vor
allem gefiel mir die Atmosphäre
im Ensemble. Wir
spielten das Kinderstück gar nicht im Kleinen Theater, sondern unter anderem
in Neuwied, im KonradAdenauerGymnasium
und im Augustinum.
Während ich noch dachte, mein kleiner Auftritt sei eine einmalige
Sache, fragte der Intendant Walter Ullrich an, ob ich nicht bleiben möchte.
Er brauche dringend Verstärkung für Aufgaben hinter der Bühne.
Dass daraus fast 40 Jahre im Dienst der Schauspielkunst würden, habe
ich nicht geahnt.“
Geboren wurde Lutz in der Gemeinde Liebenau im niedersächsischen
Landkreis Nienburg/Weser. Nach dem Schulabschluss machte er eine
Verwaltungslehre, absolvierte seinen Militärdienst, holte auf dem zweiten
Bildungsweg das Abitur nach und zog nach Bonn, um dort Politikwissenschaft,
Volkswirtschaft und Neuere Geschichte zu studieren. „Für
die damalige Bundeshauptstadt Bonn hatte ich mich entschieden, um
nahe an der aktiven Politik zu sein. Es interessierte mich einfach brennend,
wie demokratische Prozesse in der Praxis ablaufen. Ich bewarb
mich bei der SPDBundestagsfraktion
und wurde tatsächlich als freier
studentischer Mitarbeiter und außenpolitischer Berater engagiert. Es
war eine Art unbezahltes Praktikum, aber wahnsinnig spannend, die ganze
Politprominenz aus der Nähe zu erleben. Ebenso wie die Berge von
Ausschussvorlagen und sonstigen Akten, die ein einzelner Mensch überhaupt
nicht bewältigen
kann. Strukturiertes
Arbeiten mag
ich, und außerdem
durfte ich viel in Archiven
recherchieren,
bei der Vorbereitung
wichtiger Reden
mitwirken und eine
Menge über internationale
Beziehungen
lernen. Bis zum Ende
der Kanzlerschaft
von Helmut Schmidt
1982 war ich für die
Partei tätig. Aber das
Studium begann zu
stagnieren. Ich verlor
die Lust an der Bonner
Politikwissenschaft,
war mit der
dort betriebenen
Friedensforschung
unzufrieden, machte mich bei Professoren mit eigenen Quellenstudien
unbeliebt und überlegte schon, nach Bremen oder Berlin zu ziehen. Da
kam das Theater wie gerufen, zumal Politik ja viel mit Inszenierung und
Schauspielerei gemein hat. Ich bleibe Walter Ullrich ewig dankbar, dass
er mich damals aus einer Schaffenskrise herausgezogen hat.“
Lutz ist also ein klassischer Quereinsteiger. Nach dem abgebrochenen
akademischen Studium machte er bei der Bonner IHK eine Ausbildung
zum Bühnenmeister, bestand die schriftliche Prüfung problemlos, konnte
den Rest aber nicht mehr zu Ende bringen, weil mittlerweile schlicht
die Zeit dafür fehlte. Offiziell ist er ‚nur‘ leitende Fachkraft für Veranstaltungstechnik,
was bei einem Haus mit weniger als 200 Plätzen behördlich
erlaubt ist. Dafür macht er aber im Hintergrund alles: Einleuchten,
Soundcheck, Organisation von Aufund
Abbau, Probenbetreuung, mitunter
Requisite, Kulissentransport zu Abstechern in der ganzen Republik,
Busfahrer fürs Ensemble. 14StundenArbeitstage
und Dienst, wenn andere
Leute frei haben: geschenkt. Ferien: eher ein Fremdwort. „Wenn
ich Überstunden zählte, hätte ich jetzt wahrscheinlich Anrecht auf mindestens
ein Jahr bezahlten Urlaub.“
Mitunter kann es auch gefährlich werden. „Bei einem Gastspiel mit ‚Zauberhafte
Zeiten‘ 2015 in Bad Nenndorf bin ich bei einem BühnenbildUmbau
während der Vorstellung von der Leiter gefallen und habe mir die
rechte Hand gebrochen. Glücklicherweise wurde ich noch in der Nacht
von einem Spezialisten der Universitätsklinik Hannover operiert, und alles
verlief gut. In Bad Nenndorf hatte ich mir einige Jahre zuvor schon einen
Fuß gebrochen. Ullrich hat dann gesagt, dass ich nie wieder in diesen
Ort mitkommen dürfe.“
Lutz‘ InspizientenReich
hinter der Bühne des Kleinen Theaters ist winzig:
Steuerpulte für Licht und Ton, Bildschirme zur Kontrolle der Vorgänge
auf der Bühne und im Zuschauerraum. Die Schauspieler kann er erst
aus der Garderobe abholen, wenn die Tür zum Saal geschlossen ist. „Klar,
ich trage die Verantwortung für den reibungslosen Ablauf der Vorstellungen.
Aber ich möchte auch, dass alle Menschen sich hier wohlfühlen.
Ich empfinde meine Tätigkeit gar nicht so sehr als Arbeit, sondern als
kreatives Vergnügen. Es gab mit Ullrich nie so ein hierarchisches Verhältnis
von Chef und Angestelltem. Das blieb genauso bei dem neuen
Intendanten Frank Oppermann. Man bewegt sich auf einer gemeinsamen
geistigen Wellenlänge. Ich hatte zwar nach Ullrichs Abschied
mehrere JobAngebote,
wollte aber hierbleiben. Eigentlich nur noch
zwei Jahre, nun sind daraus schon vier geworden, weil ich hier ständig
zusammen mit tollen Leuten was auf den Weg bringen kann.“
Das Wort „Spaß“ fällt
bei unserem Gespräch
auffällig oft.
„In den 1980er Jahren
dauerten die
Nächte in der Kellerbar
oft bis zum Morgengrauen.
Faszinierend
war es, große
alte Stars wie Marika
Rökk kennenzulernen,
für die schon
mein Vater geschwärmt
hatte. Später
traf ich hier dann
meinem eigenen
K i n o J
u g e n d schwarm
Karin Dor.
Der Umgang miteinander
war vollkommen
entspannt auf
Augenhöhe. Das erlebt
man so nur an
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Inspizient und Technischer Leiter am Kleinen Theater
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kleinen Theaterhäusern,
wo jeder einzelne
wichtig ist.“ Ab und zu
hat Lutz selbst kleine
Bühnenauftritte, die er
genießt. Einer führte
sogar zur ersten Begegnung
mit seiner späteren
Gattin. „1985 tanzte
ich mit bei der ‚Csardasfürstin‘.
Ein Freund
hatte eine Bekannte
mitgebracht. Nach der
Vorstellung kamen wir
uns unten in der Bar näher.
Am nächsten Tag
saß sie wieder im Publikum,
und ich warf ihr
eine Rose zu. Wenig
später zogen wir zusammen.
Meine Frau
hat mir stets den
Rücken freigehalten
und mich unterstützt.
Bei rund 70 auswärtigen
Gastspielen war ich
insgesamt ja fast drei
Monate pro Jahr unterwegs
und ansonsten
sowieso wenig zu Haus. Als gelernte Friseuse hilft Marlies auch manchmal
bei der Maske aus. Ich kann ihr nur zutiefst dankbar sein für alles.“
1992 wurde ihr Sohn Kevin geboren, der schon früh mit ins Theater kam
und sich von der Begeisterung seines Vaters anstecken ließ. Kevin absolvierte
eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker an der Oper Bonn
und arbeitete danach im Theater im Ballsaal. Während der CoronaZeit
wurde er freigestellt und wechselte schließlich zum Kleinen Theater. Seit
Oktober 2021 ist dort als Technischer Leiter fest angestellt. Lutz möchte
sich nun allmählich aus dem Betrieb zurückziehen. „Silvester 2023 ist
mein letzter Arbeitstag hier. Für einen nahtlosen Übergang ist ja bereits
gesorgt. Vieles hat sich mit den Jahren verändert. Kevin ist schon im digitalen
Zeitalter aufgewachsen und mit technischen Neuerungen
bestens vertraut. Es geht aber nicht nur darum: Insgesamt ist – nicht nur
im Theater – das Leben schneller und stressiger geworden. Früher konnte
ich schon mal zwei Wochen in Proben sitzen und mich in das Stück mit
reindenken. Dafür fehlt längst die Zeit. Neben den auswärtigen Gastspielen
unserer eigenen Produktionen haben wir nun auch noch viele
Gastspiele und sonstige Veranstaltungen im Haus und betreuen zudem
die Außenbühne. Auch unser Publikum hat sich verändert. Die Zeiten, als
sich die Politprominenz hier die Klinke in die Hand gab, sind längst Geschichte.
Viele der alten Stammgäste gibt es nicht mehr. Frank Oppermann
ist unglaublich engagiert, aber die Finanzdecke bleibt dünn. Doch
ich glaube an die Zukunft des Kleinen Theaters und freue mich, dass nun
mein Sohn hier noch mehr Verantwortung übernimmt. Selbstverständlich
werde ich weiter da sein, wenn es nötig ist, muss mich aber auch um
private Dinge kümmern, die ich in den letzten Jahren aufgeschoben
habe.“
Nach unserem Treffen will Lutz noch bei der laufenden Probe des neuen
Stückes „Aus großer Zeit“ vorbeischauen, das am 2. November Premiere
hat. Mit neun Darstellerinnen und Darstellern wird es da hinter der
Bühne sicher eng.

Dienstag, 04. Juni 2024