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Das Tribunal (Dawn King) - Junges Theater - kultur Nr. 181 - November 2023

Das jüngste Gericht
Sie sind fast noch Kinder und richten über Leben und Tod. Fridays for Future, Klimakleben: alles Geschichte.

Das Tribunal | © Thomas Kölsch
Das Tribunal | © Thomas Kölsch
Inhalt Irgendwann in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts hat die Klimakatastrophe Europa fest im Griff.
Draußen herrschen 50 Grad Hitze und mörderischer Smog; die Fenster
zu öffnen ist strikt verboten. Die Schuldigen aus Wirtschaft und Politik
sind längst eliminiert. Eine anonyme Regierung hat die Macht übernommen
und lässt Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren darüber bestimmen,
wer von den alten „Dinosauriern“ noch die knappe Atemluft und die Ressourcen der Erde mit ihnen teilen darf.

Die in England mehrfach ausgezeichnete britische Dramatikerin und
Filmautorin Dawn King (*1978) hat mit ihrem Stück Das Tribunal, entstanden
als Auftragswerk des Düsseldorfer Schauspielhauses, eine beklemmende
Dystopie entworfen. Am Jungen Theater Bonn hat Intendant
Moritz Seibert (Regie und Bühne) das Werk inszeniert. Übrigens
ressourcenschonend im minimal umgebauten Bühnenbild seiner Inszenierung
von Die Welle. Ein Klassenzimmer der alten Schule ist nun der
Gerichtssaal. Die Klimaanlage funktioniert noch, obwohl das eigentlich
umweltschädlich ist. Aber sonst wäre es drinnen nicht mehr auszuhalten.
Da sind sie nun und stellen sich korrekt mit ihren Pronomen vor: Eine zufällig
ausgewählte Gruppe von zwölf Jugendlichen, die sich vorher nicht
kannten und jetzt als Gericht fungieren sollen. Einige haben Angehörige
durch Brände oder Überschwemmungen verloren und sind entsprechend
befangen.
Anders als die Zwölf Geschworenen in dem bekannten Film von Sydney
Lumet aus dem Jahr 1957, müssen sie ihre Urteile nicht einstimmig fällen.
Die einfache Mehrheit genügt. Pro Fall haben sie eine Viertelstunde
Zeit. Um Aufklärung, Gerechtigkeit und sorgfältiges Abwägen kann es da
nicht gehen. Am Ende steht das, was sie „euthanasieren“ nennen. Mal
vergleicht eine ihre richterliche Aufgabe sogar mit den Nürnberger Prozessen,
was manchen Zuschauer erschauern lässt. Die Jugendlichen verurteilen
Erwachsene, die ganz normal gelebt haben, sich sogar aktiv für
die Umwelt eingesetzt haben, aber die Zerstörung nicht aufhalten konnten.
Da ist der Familienvater (Axel Becker), der das Geld für seine drei
Kinder verdiente und sogar mit ihnen in den Urlaub flog. Für die Jugendlichen
ein klarer Fall: Verantwortungslos und schuldig. Ebenso die Autorin
(Sandra Kernenbach), die kritische Theaterstücke schrieb: Pure Energieverschwendung.
Auch die alleinerziehende Mutter (Miriam Gronau), die vegan lebte, mit ihrer Tochter bei Aufforstungsprojekten mitwirkte und alles ihr Mögliche für die Rettung des Planeten tat, findet keine Gnade.
Konfliktverschärfend hinzu kommt, dass Ren ihre Tochter ist und die entscheidende Stimme gegen sie abgibt.
Die Verteidigungsreden der Angeklagten werden per Live-Kamera
in Großaufnahme gezeigt, was sie als Personen menschlich umso näher
bringt. Im Zentrum steht jedoch das überzeugend agierende jugendliche
Ensemble (die meisten haben bereits in JTB-Produktionen
mitgewirkt), das das gruppendynamische Verhaltensspektrum individuell deutlich
macht. Hervorragend meistert die verantwortungsbewusste Teamleiterin
Ren (Lotta Lurch) ihre schwierige Aufgabe. Es gibt Bündnisse und
Animositäten bis zu Handgreiflichkeiten. Es gibt Hardliner wie Noah
(Felix Bitter), Gabi (Frieda Bücheler) und Chris (Judith Hiller) und nachdenkliche
Verweigerer wie Mohammad (Zoltan Selo), der als einziger
massive Zweifel an dem Prozess äußert. Der verspielte Tomasz (Niklas
Windeck) nimmt nichts wirklich ernst und beklagt sich über das schlechte
Essen. Amelia (Mira Gräf) verweigert sich dem Ganzen konsequent.
Kako (Milena Tovmasjan) denkt an glückliche Kinderzeiten, Zoe
(Animata Condé) möchte einmal Schnee sehen. Xander (Bastian
Schütte), Adrian (Leandro Siantis) und Marek (Niklas Jost) bewegen sich
verunsichert zwischen den Fronten. Es gibt Spuren von Mitleid und GewissensIrritationen,
aber die Kinder und Enkel der „letzten Generation“
wollen bloß noch überleben.
Am Schluss stehen die drei Angeklagten da und werden per Bühnenblitz
‚ausgeschaltet‘. Das ist brutal und geht unter die Haut wie die ganze mutige
Aufführung. Die Botschaft ist deutlich: Wenn die Zerstörung nicht
mehr zu stoppen ist, verschwinden die humanen Werte und Gesetze.
Hoffen wir, dass es nie so weit kommt! Die Vorstellung wird empfohlen
für Publikum ab 14 Jahren, ist aber auch für Erwachsene sehenswert. (E.E.K.)

Dienstag, 04. Juni 2024