kultur - Kritisches
Kiss me (Richard Bean) - Theater die Pathologie - kultur Nr. 181 - November 2023
Kuss zwischen Tod und Leben
Es ist eine merkwürdig unzeitgemäße LoveStory, die trotzdem viel
Gegenwart enthält.
Inhalt
In Zeiten von gesellschaftlich längst nicht mehr skandalisiertem
schnellem Sex und fortgeschrittener Reproduktionsmedizin
dennoch seltsam fern. Bei der Uraufführung 2016 im Londoner Hampstead
Theatre stand ein Bett im Zentrum der Bühne. Um Geschlechtsverkehr
geht es tatsächlich in dem Zweipersonenstück Kiss me des in seiner
Heimat mehrfach ausgezeichneten britischen Autors Richard Bean
(*1956). Um Liebe und Lust zunächst eher nicht. Denn Stephanie möchte
ein Kind, und der Mann, der sich Peter Boleyn (nach der 1542 enthaupteten
englischen Königin!) nennt, will Nachwuchs für die Nation
zeugen. Beide haben sich dafür der Ärztin Dr. Trollope anvertraut, einer
Art heimlicher Samenhändlerin im Dienst des britischen Imperiums. Es
gibt strenge Regeln: Keine Klarnamen, keine Wiederbegegnung nach
dem Akt und vor allem keinen Kuss auf den Mund. Also keine Seele, nur
physischer Vollzug.
Die Geschichte spielt in London 1929, ein Jahrzehnt nach dem Ende des
Ersten Weltkriegs. Männer sind eine begehrte Minderheit. Stephanies
Gatte fiel als Soldat der britischen Expeditionsstreitkräfte in Flandern.
Die Kriegerwitwe hat sich ein neues Leben aufgebaut – als Lastwagenfahrerin
für eine Munitionsfabrik. Sie ist nun eine selbstbewusste, erotisch
durchaus erfahrene Frau von 32 Jahren mit Sehnsucht nach einem
Baby. Regisseur Johannes Prill hat die Rolle in seiner Inszenierung im
kleinen SüdstadtKellertheater
„Die Pathologie“ mit der jungen dunkelhäutigen
Schauspielerin Ada Mansare besetzt, was den Kontrast der
Charaktere zwar verschärft, aber nicht Thema ist. Es geht hier nicht um
SchwarzWeißDiversität,
sondern um eine emotionale Grenzsituation.
Der historische Kontext bleibt stets präsent, aber die beiden Figuren erscheinen
fast zeitlos.
Stephanie hat sich fein gemacht mit elegantem weißem Kostüm und ungewohnten
Stöckelschuhen für den potenziellen Vater ihres Wunschkindes.
Sozial unterlegen, aber dialogisch schnell in einer unwiderstehlichen
Position. Arie Jaspers als junger blondgelockter Businessman hat es
nicht leicht angesichts ihrer attraktiven Erscheinung und natürlichen Intelligenz.
Im noblen Anzug, in den besten Internaten erzogener Musterschüler
und wohlhabender Erbe einer Zuckerfabrik auf Barbados, ist er
kein Machotyp oder VerführungsProfi
mit DonJuanAllüren.
Obwohl
711 Frauen und 202 Kinder schon auf seiner wachsenden Erfolgsbilanz
stehen. Er tut es als Callboy fürs Vaterland, das Kanonenfutter und neue
Menschen für die Industrie braucht, nachdem so viele Männer im Krieg
starben. Weil er sein maskulines Potenzial nicht auf dem Schlachtfeld beweisen
durfte, benutzt er es nun in anonymen Betten. Stephanie träumt
nach unglücklicher Ehe von echter Zuwendung und Küssen, die ihr als
Person gelten und nicht einem Gebärapparat.
Der Rest ist dramaturgisch wenig überraschend, aber sehr sensibel präsentiert.
Aus dem offiziellen Pflichtprogramm wird ein privates Liebesverhältnis.
Allerdings ohne BoulevardLotterbett
(Sex gibt’s nur hinter einem
Vorhang im diskreten kleinen Séparée) und romantisches Happy
End. Mit der vom Schicksal geschärften Selbstironie der beiden Akteure
läuft das mit allerhand witzigen Volten ins Ziel: Zwei traumatisierte, aber
lebensmutige Menschen haben sich getroffen und verloren. Keine tödliche
Tragödie, nur verspielte Küsse auf unverheilte Wunden. Angesichts
der aktuellen Kriegsrealität schafft die sympathische Inszenierung dennoch
die Kurve aus einer konstruierten Vergangenheit in gegenwärtige
Schmerzzonen. Sehenswert! (E.E.K.)
schnellem Sex und fortgeschrittener Reproduktionsmedizin
dennoch seltsam fern. Bei der Uraufführung 2016 im Londoner Hampstead
Theatre stand ein Bett im Zentrum der Bühne. Um Geschlechtsverkehr
geht es tatsächlich in dem Zweipersonenstück Kiss me des in seiner
Heimat mehrfach ausgezeichneten britischen Autors Richard Bean
(*1956). Um Liebe und Lust zunächst eher nicht. Denn Stephanie möchte
ein Kind, und der Mann, der sich Peter Boleyn (nach der 1542 enthaupteten
englischen Königin!) nennt, will Nachwuchs für die Nation
zeugen. Beide haben sich dafür der Ärztin Dr. Trollope anvertraut, einer
Art heimlicher Samenhändlerin im Dienst des britischen Imperiums. Es
gibt strenge Regeln: Keine Klarnamen, keine Wiederbegegnung nach
dem Akt und vor allem keinen Kuss auf den Mund. Also keine Seele, nur
physischer Vollzug.
Die Geschichte spielt in London 1929, ein Jahrzehnt nach dem Ende des
Ersten Weltkriegs. Männer sind eine begehrte Minderheit. Stephanies
Gatte fiel als Soldat der britischen Expeditionsstreitkräfte in Flandern.
Die Kriegerwitwe hat sich ein neues Leben aufgebaut – als Lastwagenfahrerin
für eine Munitionsfabrik. Sie ist nun eine selbstbewusste, erotisch
durchaus erfahrene Frau von 32 Jahren mit Sehnsucht nach einem
Baby. Regisseur Johannes Prill hat die Rolle in seiner Inszenierung im
kleinen SüdstadtKellertheater
„Die Pathologie“ mit der jungen dunkelhäutigen
Schauspielerin Ada Mansare besetzt, was den Kontrast der
Charaktere zwar verschärft, aber nicht Thema ist. Es geht hier nicht um
SchwarzWeißDiversität,
sondern um eine emotionale Grenzsituation.
Der historische Kontext bleibt stets präsent, aber die beiden Figuren erscheinen
fast zeitlos.
Stephanie hat sich fein gemacht mit elegantem weißem Kostüm und ungewohnten
Stöckelschuhen für den potenziellen Vater ihres Wunschkindes.
Sozial unterlegen, aber dialogisch schnell in einer unwiderstehlichen
Position. Arie Jaspers als junger blondgelockter Businessman hat es
nicht leicht angesichts ihrer attraktiven Erscheinung und natürlichen Intelligenz.
Im noblen Anzug, in den besten Internaten erzogener Musterschüler
und wohlhabender Erbe einer Zuckerfabrik auf Barbados, ist er
kein Machotyp oder VerführungsProfi
mit DonJuanAllüren.
Obwohl
711 Frauen und 202 Kinder schon auf seiner wachsenden Erfolgsbilanz
stehen. Er tut es als Callboy fürs Vaterland, das Kanonenfutter und neue
Menschen für die Industrie braucht, nachdem so viele Männer im Krieg
starben. Weil er sein maskulines Potenzial nicht auf dem Schlachtfeld beweisen
durfte, benutzt er es nun in anonymen Betten. Stephanie träumt
nach unglücklicher Ehe von echter Zuwendung und Küssen, die ihr als
Person gelten und nicht einem Gebärapparat.
Der Rest ist dramaturgisch wenig überraschend, aber sehr sensibel präsentiert.
Aus dem offiziellen Pflichtprogramm wird ein privates Liebesverhältnis.
Allerdings ohne BoulevardLotterbett
(Sex gibt’s nur hinter einem
Vorhang im diskreten kleinen Séparée) und romantisches Happy
End. Mit der vom Schicksal geschärften Selbstironie der beiden Akteure
läuft das mit allerhand witzigen Volten ins Ziel: Zwei traumatisierte, aber
lebensmutige Menschen haben sich getroffen und verloren. Keine tödliche
Tragödie, nur verspielte Küsse auf unverheilte Wunden. Angesichts
der aktuellen Kriegsrealität schafft die sympathische Inszenierung dennoch
die Kurve aus einer konstruierten Vergangenheit in gegenwärtige
Schmerzzonen. Sehenswert! (E.E.K.)
Dienstag, 04. Juni 2024