Cookie Consent by Free Privacy Policy Generator website Traumschöff – Seekrank vor Glück - Contra-Kreis-Theater - kultur Nr. 181 - November 2023 | Theatergemeinde BONN | Kultur. Vielfalt. Erleben.
kultur - Kritisches

Traumschöff – Seekrank vor Glück - Contra-Kreis-Theater - kultur Nr. 181 - November 2023

Schaukelnder Vergnügungsdampfer (Schlagermusical)
Es braucht nur einen niedlichen Umlautvokal, um aus dem seit über 40 Jahren durch die TV-Wellen schwimmenden Traumschiff ein albernes
„Schöff“ zu machen.

Traumschöff - Seekrank vor Glück | © Contra-Kreis-Theater
Traumschöff - Seekrank vor Glück | © Contra-Kreis-Theater
Inhalt Der Autor und Regisseur Ingmar Otto, mittlerweile
Intendant des Aachener Grenzlandtheaters, hat sein Schlagermusical
Traumschöff 2019 in Karlsruhe auf die Reise geschickt. Nun ist es nach
etlichen Stationen im Bonner ContraKreisTheater
gelandet. Der parodistische
Tiefgang des Kreuzfahrtdampfers ist jedenfalls so flach, dass
der Rheinpegel auch bei niedrigem Stand kein Problem machen kann.
Um „Seekrank vor Glück“ zu werden, reicht stabile SpaßKapazität.
Schwere Stürme sind allenfalls in den Kabinen programmiert auf der
„Costa Romantica“ (laut Wikipedia wurde das gleichnamige Kreuzfahrtschiff
2021 von einer pakistanischen Abwrackwerft verschrottet). Mitsingen
ist jedoch erwünscht auf dem GuteLauneKahn,
über alle Decks
vollgeladen mit populärem Liedgut. „In achtzig Küssen um die Welt“ soll
es gehen, die Reiseroute ist eigentlich egal. An Bord: Andreas, der auf
dem Ozean seiner züchtigen Andrea einen Heiratsantrag machen möchte,
und Martin, der seiner Helena nach etlichen Ehejahren eine Traumreise
gegönnt hat. Ein Lotteriegewinn, aber das „Achte Wunder dieser
Welt ist die Liebe“. Die luftige Kleidung der Passagiere und der Mannschaft
lässt eher Mallorca als Ziel vermuten, trotz Erderwärmung dürften
beim Landausflug im norwegischen Tromsø mehr solide Textilien nötig
sein. Ist aber letztlich belanglos, wenn wahrscheinlich nur Neptun die
Frage beantworten kann: „Wer hat mir die Rose auf den Hintern tätowiert?“
Der Kapitän in schneeweißer Uniform gibt gleich zu Anfang die wich tigste
Bordregel bekannt: „Ihr seid die Brandung!“ Wann immer das
Wort „Welle“ fällt (was ziemlich oft passiert), reißt das Publikum also wie
im Stadion brav die Arme hoch. Viele wissen sogar, wie Helenes Lieblingsgebäck
heißt – ohne zu spoilern: „Donauwelle“. Zum „Fanbag“Startgepäck
gehören Bierdeckel als Rettungsringe (die Rettungswesten
sind ohnehin eher Dekoration) und allerhand weitere MitmachObjekte.
Schunkeln darf man gern, obwohl bis zum rheinischen Karneval noch etwas
Zeit bleibt. Es muss auch nicht gleich ein ganzer Eimer Ouzo sein für
die BallermannStimmung,
die bei der Bonner Premiere einige Zuschauerinnen
und Zuschauer mit viralen Symptomen von geistigem Anspruch
fluchtartig über Bord trieb.
Gesungen und getanzt wird freilich famos, wobei die vier erfahrenen
MusicalAkteure
(bei zwei Rollen wechselt das BordTeam
wegen anderweitiger
Verpflichtungen) in Windeseile Kostüme und Perücken tauschen.
Allen voran Maike Katrin Merkel
als liebenswerte Hausfrau Helena und orkanerprobte
Chefstewardess mit voluminöser
Stimme und wuchtiger Erscheinung.
Klare Ansage: „Meine Auster bleibt geschlossen“
– das Büffett der platten Wortspiele
und anzüglichen Gesten ist indes
weit geöffnet. Sascha Stead spielt den
Spießer Martin mit badischem Akzent,
buntem Hemd und beigen Socken zu Sandalen,
ist mit flottem Rollentausch aber
auch der nicht mehr ganz taufrische
Superhecht Bodo mit blondem Langhaar
und zudem ExLover
der unerschütterlichen
Stewardess. Zu deren Leidwesen
hat Bodo Bubu mitgebracht, einen Blondinenwitz
mit üppigen Kurven unterm knappen
Glitzerkleidchen, russischem Akzent
und akrobatischen Fähigkeiten zwischen
Bettkante und Reling. Vera Lorenz verkörpert die süße Unschuld ebenso
perfekt wie den schillernden Vamp. Patrick Nitschke ist der treuherzige
Ehekandidat und der stets einsatzbereite Animateur Tim, der keine Muschel
verschmäht.
Wie es zum dreifachen BodoBubu
kam? Sollte man besser diskret verschweigen!
Schließlich gilt hier das Motto „Was für eine geile Zeit!“. Zur
luxuriösen Ausnüchterung gibt’s das Sonnenscheindeck mit StreamshowerPool.
Also „Keine Panik auf der Titanic“. Die beiden AndyLandratten
schaffen’s sicher in den Hafen der Ehe: „Verliebt, verlobt, verflixt
nochmal.“ Sexbombe Bubu schmettert die „Moskau“Hymne
von
Dschinghis Khan, bevor sie in ihre Heimat abdüst. Geschenkt: Bei dieser
Superfigur bleibt das Hirn sowieso marginal. Hübsch sind die blauen Delfine
mit umweltschädlichem Plastikmüll um die Hüften, und ein roter
Hummer kann seine Scheren auch zur Besänftigung emotionaler MiniWogen
nutzen. Auf dem ComedyWellnessTraumschöff
wird kein Klischee
ausgelassen. Wer das Schlingern zwischen Tiefenschwindel und
Flachsinn ohne Seekrankheit durchhält, ist vermutlich wirklich urlaubsreif.
Sollte aber mit Beifall nicht sparen, denn das abschließende Medley
aus allen Hits ist echt erstklassig.
Für hartgesottene SchlagerComedyFreaks
ein SeesterneMenü.
Für
alle anderen ein mutiger Tauchgang in blaue Abgründe mit witzigem
Gruselfaktor. Ehrlich gesagt: Verzichtbar trotz stürmischem
Premierenapplaus. (E.E.K.)

Dienstag, 04. Juni 2024