Wer ist Walter - Werkstatt - kultur 150 - November 2018
Zersplitternde Identitäten
Hinter dem Titel des Dramenerstlings der Schweizer Autorin Ariane Koch (*1988) steht kein Fragezeichen. Antworten gibt es auch nicht. Walter ist einfach verschwunden. Niemand weiß, wann, wohin und warum. War Walter, der plötzlich eine Leerstelle hinterlässt, überhaupt da? Wir erfahren nur das, was über ihn erzählt wird. Und das ist in der Uraufführungs-Inszenierung von Simone Blattert, die in den Bonner Kammerspielen bereits Regie führte bei Elfriede Jelineks Abraumhalde, ein großes Vergnügen.
Die Bühne von Martin Miotk ist reichlich vernebelt, im Hintergrund raucht ein kleiner Vulkan, links prunkt ein Trompetenbaum mit Blüten, die gegen Ende auch als Hüte taugen. Mit wetterfestem Trecking-Outfit und RuckÂsäcken machen sich fünf Personen auf die Suche nach Walter, die kurz auch zur „Expedition Panda“ mit schwarzen Tiermasken mutiert. Ist Walter vor der Zivilisation in die Natur geflüchtet, ist er ein Held des Widerstands? Gegen die Politik, die alltäglichen Konventionen, die rasante Beschleunigung der Zeit, die Zerstörung des Weltklimas? Lebt Walter überhaupt noch? Ist er als Weltenbummler unterwegs wie in dem Wimmelbild-Comic Wo ist Walter? oder hat er eine große Mission als neuer Prophet des bescheidenen Menschenglücks im Pflanzenreich?
Die Schauspieler Lena Geyer, Ursula Grossenbacher, Lydia Stäubli und die neuen Ensemble-Mitglieder Gustav Schmidt und Klaus Zmorek begeben sich spielerisch wunderbar beweglich auf die Spur der Anti-Identität in immer neuen grotesken Verkleidungen. Am Ende tragen sie grellfarbige Ganzkörpertrikots. Andy Besuch (KosÂtüme) wurde übrigens für eine Produktion am Hamburger Schauspielhaus 2018 von Theater Heute zum ÂKostümbildner des Jahres gekürt.
In dem mit etlichen Literatur-Zitaten angereicherten Textgeflecht voller bizarr verschobener Verse und Reime haben alle Darsteller kostbare Solo-Auftritte, die nichts erklären, aber eine Menge sagen über Kult und Künstlichkeit. Viel schlauer macht uns das alles nicht, aber mit dem unverschämt amüsant fabulierenden Bühnenteam ein wenig aufmerksamer für den grassierenden Unsinn. E.E.-K.
Spieldauer ca. 75 Minuten, keine Pause
Die nächsten Vorstellungen:
2.11. // 9.11. // 5.12. // 15.12. // 20.12.18
Montag, 21. Januar 2019 | kultur - Kritisches