Bernard Paschke - Kultur Nr.170 - April 2022

ein Multitalent und demnächst wieder im Contra Kreis - Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft bernard Paschke

Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn im Sommer 2016 im Pantheon, das damals noch am Bundeskanzlerplatz residierte und seine Bühne für Aufführungen im Rahmen des Schultheater-Festivals „spotlights“ der Jungen Theatergemeinde Bonn zur Verfügung gestellt hatte. Wo sonst die Kabarett-Elite auftrat, gab es die „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling. Bernard Paschke hatte die Bühnenfassung geschrieben, die Regie übernommen und spielte auch noch die Rolle des kommunistischen Beuteltiers. „Das brillante Debüt eines vielversprechenden Talents!“, schrieb ich damals. Als ich erklärte, dass es sich um einen 15-jährigen Abiturienten handelte, kam eine besorgte Anfrage aus der Redaktion, ob ich mich nicht bei der Zahl geirrt hätte.
Bernard Paschke wurde im Oktober 2000 in Herdecke geboren und wuchs in Bonn auf. Am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium machte er 2016 ein Einser-Abitur. Gelesen und geschrieben hat er immer schon gern. Mit elf Jahren hat er sich zwar mal beim Jungen Theater beworben, daraus wurde aber nichts. Er befasste sich kurz mit Poetry-Slams und besuchte an seiner Schule einen Literaturkurs. „Wir alle wollten unbedingt Theater spielen. Unser Theater-Kurs war mir damals zu langweilig, also habe ich ­kurzerhand einen eigenen gegründet und selbst ein Stück geschrieben. So oder so: Der Theater-Lehrer hat sein Ziel erreicht. Ich war begeistert von der Bühne – und wollte nicht mehr runter.“ Gab es irgendwelche künstlerischen ‚Vorbelastungen‘ in der Familie? „Keine Spur. Ich komme aus einer Familie von Juristen und Lehrern; ich bin Beamtenkind in wer-weiß-wievielter Generation. Aber irgendwann schlägt eben mal einer aus der Art.“
Nach dem Abitur hätte er auch gleich etwas ‚Seriöses‘ studieren können. Damit wollte er aber noch warten. Erst mal zog es ihn für ein Jahr nach Barcelona, um seine Spanischkenntnisse zu verbessern, nebenbei eine ganz normale Schule mit Gleichaltrigen zu besuchen und seinen Hobbys nachzugehen. Beispielsweise treibt er gern Sport und spielt Badminton. Behielt er das Theater trotzdem im Kopf? Seine Antwort lässt keinen Zweifel: „Claro que si, die Bühne hat mich auch in Spanien nicht losgelassen. Ich habe dort ein Theaterstück und mein erstes Kabarettprogramm geschrieben. Aber nach diesem Auslandsjahr folgte dann das größere Abenteuer – nämlich, als es mich in die entgegengesetzte Himmelsrichtung verschlug, nach Leipzig …“
Wieso ausgerechnet ins ferne Sachsen? „Durch – im Nachhinein ist mir das erst klargeworden – geradezu penetrante Naivität. Im Kabarett ist es eigentlich üblich, seine ersten Auftritte auf kleinen Bühnen in der Heimat zu absolvieren. Ich aber bin ein sehr ungeduldiger Mensch, schrieb so (noch aus Spanien) über dreihundert Theater in ganz Deutschland an und bat um einen Auftritt. Die meisten sagten mir als völlig unbekanntem Kabarettisten natürlich ab. Aber zehn Häuser, darunter die Pfeffermühle, engagierten mich. Und in Leipzig wurde ich sogar recht bald ins Ensemble aufgenommen.“ Im Herbst 2017 feierte Bernard im Bonner Pantheon (nun in Beuel) Premiere mit seinem Kabarettsolo „Der Tag des jüngsten Gesichts“, einem satirischen Feuerwerk aus Sprachwitz und politischem Biss. „Ein sensationelles Debüt, (…) kabarettspitzenpreisverdächtig“ jubelte der Bonner General-Anzeiger.

Auf Tourneen wurde Bernard bald überall als jüngster Kabarettist Deutschlands mit Lob geradezu überschüttet. 2017 stand er in Leipzig erstmals auf der Bühne, seit 2018 ist er festes Mitglied des bundesweit bekannten Kabaretts „Leipziger Pfeffermühle“. Im selben Jahr kam dort das Stück „Der Führerlose Aufzug“ heraus, das er gemeinsam mit seinem erheblich älteren Kollegen Meigl Hoffmann (*1968) verfasst hatte und auch spielte. Mehr als 200 Vorstellungen haben die beiden mittlerweile damit bestritten. „Der frische Wind, der diesen führerlosen Aufzug trägt, er tut dem klassischen Ensemblespiel spürbar gut“, urteilte 2020 die FAZ. Aktuell präsentiert das Duo Hoffmann/Paschke in der „Pfeffermühle“ seinen musikalischen Ausflug nach Südamerika: „Bio aus Rio“ hatte im ­Ok­tober 2021 Premiere. „Zwischen Pandemie und Karneval, Samba und Ramba-Zamba, Zuckerhut und Peitsche“, wie es in der Programm-Beschreibung heißt. Kurz zuvor brachte Bernard in Leipzig auch noch sein Solo „Der letzte Schrei“ heraus, in dem er als Zeitungsjunge die analoge und digitale Welt ironisch durch die Faktencheck-Mangel dreht.
Bezeichnungen wie „Wunderkind“ und „jugendlicher Überflieger“ hört er nicht so gern. Wie fühlt es sich an, bisher immer der Jüngste zu sein? „An einigen Stellen verkompliziert es die Dinge natürlich. Angefangen damit, dass ich bei meinen ersten Auftritten laut Jugendschutzgesetz um Punkt 22 Uhr von der Bühne sein musste. Aber grundsätzlich empfinde ich es als großes Privileg, so jung schon mitmischen zu dürfen. Und ich denke, auch das Theater oder das Kabarett profitieren davon, wenn jüngere Perspektiven und Ideen einfließen und wir so auch ein jüngeres Publikum ansprechen.“
Das fand auch Horst Johanning, Chef des Bonner Contra-Kreis-Theaters, der das Nachwuchstalent nun schon zum dritten Mal auf seine Bühne einlud. Im September 2016, kurz nach dem Erfolg bei „spotlights“, erlebten „Die Drei Musketiere – Ein Zwei-Mann-Stück“ hier ihre Premiere. Autor und Regisseur: Bernard Paschke, der zusammen mit seinem ehemaligen Mitschüler Matti Klessascheck mindesten 16 Figuren verkörperte. „Die Arbeit war ein bisschen schwieriger als bei den ‚Känguru-Chroniken‘, weil es hier nur das Handlungsgerüst des Romans von Alexandre Dumas gab und ich die dramatischen Texte erst mal erfinden musste“ gestand er damals. Das Ergebnis überzeugte. Gleich im August 2017 folgte im Contra-Kreis die Uraufführung des witzigen Science-Fiction-Stücks „ICH weiß… was du im Sommer 2037 tun wirst“, ein unverschämt unterhaltsamer Blick durch die Augmented-Reality-Kontaktlinsen auf die postmoderne Gegenwart. Mitte April folgt nun die Wiederaufnahme des Stückes „Es geht um die Welt“. Im Contra-Kreis uraufgeführt wurde die irrwitzige Interkontinental-Reise auf der Suche nach nichts Geringerem als dem Heiligen Gral schon im Sommer 2021. Es ist ein richtig großes Drama mit einem hervorragenden vierköpfigen Ensemble, darunter Bernards Freund Meigl Hoffmann in der zentralen Rolle.
Ist es nicht ein bisschen gefährlich, die Texte zu schreiben, zu inszenieren und zudem noch etliche selbst erfundene Bühnenfiguren zu spielen? Bernard sieht das gelassen: „Ich habe – und das ist sicher oft eine Herausforderung für meine Kollegen – immer ein sehr klares Bild im Kopf von dem, was am Ende auf der Bühne zu sehen sein soll. Auf welchem Weg ich das erreiche und wie die konkrete Berufsbezeichnung für meine Arbeit dann ist, ist mir egal. Wichtig ist nur, dabei immer offen für fremde Ansätze und Hilfe von anderen zu sein – denn im Theater arbeiten lauter faszinierende Künstler. Das habe ich besonders wieder bei ‚Es geht um die Welt‘ gemerkt. Meine Rolle hier ist es eigentlich nur, durch die Geschichte zu führen und stellvertretend für den Zuschauer über die vielen bunten Facetten meiner drei großartigen Kollegen zu staunen.“
Begreift er sich als die neue Generation des traditionellen Boulevards, die mit komödiantisch-kritischer Intelligenz gesellschaftliche Probleme aufgreift? – „Da ich sowohl im Kabarett als auch im Theater zuhause bin, vermische ich natürlich einige Elemente. Ein guter Kalauer ist Gold wert: ‚Was ist weiß und guckt durchs Schlüsselloch? Ein Spannbettlaken.‘ Sehen Sie – witzig. Aber Witze vergisst man als Zuschauer schnell wieder. Was nach dem Verlassen des Theatersaals bleibt, ist das, was man an diesem Abend gedacht und gefühlt hat. Indes ohne Frage – vor Tränen gelacht zu haben, gehört für mich dazu.“
In „Es geht um die Welt“ ist nicht nur Jules Vernes „Reise um die Erde in 80 Tagen“ ein Motiv. Es geht auch um unseren vielfach gefährdeten Planeten. Letzte Frage: „Wie haben Sie die Pandemiezeit erlebt und wie sehen Sie die aktuellen Bedrohungen?“ – „Es gibt sicherlich keinen Künstler, der die Pandemie als eine Bereicherung empfunden hat. Gleichwohl hat sie uns noch einmal mit Nachdruck gezeigt, weshalb das Theater, allen Streaming-Angeboten und digitalen Möglichkeiten zum Trotz, Zukunft hat: Gemeinsam mit anderen Unterhaltung live zu erleben, das ist unersetzlich. Im Fall von ‚Es geht um die Welt‘ kann das tatsächlich auch bedeuten, gemeinsam mit anderen augenzwinkernd und gleichzeitig bitterböse die Probleme unseres Planeten zu reflektieren. Nach dem Motto: Solange wir drüber lachen können, ist es noch nicht zu spät!“
Einen Monat lang wird er demnächst wieder in seiner Heimatstadt Bonn, an der er die kulturelle Vielfalt besonders schätzt, mit seiner kritischen Intelligenz das Publikum aller Generationen zum Lachen und Nachdenken bringen.

Freitag, 01.04.2022

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Letzte Aktualisierung: 04.10.2022 13:01 Uhr     © 2022 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn