Bürster, Helga: Luzies Erbe

Luzies Erbe
Foto: Insel
Luzies Erbe
Foto: Insel

kultur 160 - November 2019

Eigentlich wundert es mich, dass dieses Thema bisher relativ selten beschrieben worden ist: die Liebe zwischen jungen deutschen Frauen und jungen Kriegsgefangenen, die auf den Höfen arbeiten mussten, damals, in den großen Kriegen, als die jungen Männer eingezogen waren, gefallen sind oder ihrerseits gefangen wurden.
Luzies Verlobter war gleich zu Anfang des Krieges fort und kam nicht wieder, ließ auch nichts von sich hören. Aber junge Männer gab es, Fremde, aus Polen, aus Russland, aus Frankreich, und die Arbeit auf dem Lande musste getan werden. Man begegnete sich, und manchmal sprach man miteinander, es kam vor, dass man sich verliebte, man war so jung, so einsam und voller Sehnsucht.
Luzie ist Norddeutsche und Jurek kam aus Polen. Es ist eine heftige, wortkarge Liebe, und sie ist über 70 Jahre her, als Luzie zu Beginn des Buches mit über 90 Jahren stirbt. Sie hat zwei Töchter großgezogen, ihre Enkelin ist schon über 50, aber immer noch wird im Dorf „geredet“:?Warum ist sie nicht fortgezogen, später, als alles vorbei war und der Krieg zu Ende? Erst nach ihrem Tod beginnen ihre weiblichen Nachkommen, ihrem Schicksal nachzuforschen. Es ist ein sicherlich nicht einzigartiges Schicksal, ein immer armes Leben – und doch, es war doch ihr ganz eigenes, ganz persönliches Leben, ihre Liebe, und auch Jurek, der Pole, der Fremde, der Vater ihrer Kinder, den diese nicht wirklich kannten und fanden, als es zu spät war. Zu spät? Das Buch endet mit dem Tod, aber es erklärt die Geheimnisse oder versucht es. Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Großeltern, sie erzählt einfach und umso eindringlicher. Ich habe das Buch ausgelesen, ohne zu unterbrechen. Es war meine Zeit, wenn auch nicht meine Welt, ich konnte das Plattdeutsch verstehen, obwohl ich es nicht spreche – aber mir wurde einmal mehr deutlich, wie furchtbar traurig, wie grausam unmenschlich Krieg ist, was er den unschuldigen Menschen antut und dass er noch Generationen nach Bomben und Wiederaufbau wirkt. Dies als Lektüre eines kleinen und scheinbar schlichten Romans wollte ich Ihnen nicht vorenthalten.


Helga Bürster
Luzies Erbe
Insel, 9/2019,
288 Seiten,
gebunden, 22 €.

Mittwoch, 01.01.2020

Zurück

Merkliste

Veranstaltung

Momentan befinden sich keine Einträge in Ihrer Merkliste.



Letzte Aktualisierung: 04.10.2022 12:01 Uhr     © 2022 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn