Wilfried Schmickler - kultur 153 - Februar 2019

Auch Ernst kann unterhalten - Wilfried Schmickler zählt zu den kritischsten und besten Politikkabarettisten Deutschlands

von Thomas Kölsch

Die Welt rutscht auf den Abgrund zu, und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Stets war früher alles besser und morgen alles schlimmer, die Gegenwart grau und die Zukunft schwarz. Mindestens seit 64 Jahren geht das so, behauptet Wilfried Schmickler. „Seit ich zum ersten Mal die Augen aufgemacht habe, geht es abwärts“, sagt er im Interview. „Tatsächlich haben sich die großen ökonomischen und ökologischen Fragen seit mehreren Jahrzehnten nicht geändert, einer Lösung sind wir noch keinen Schritt näher gekommen.“ Die Gier beherrscht die Menschen, ebenso wie Populisten, Nationalisten und Extremisten. Da könnte man doch verzweifeln. Nicht aber Schmickler. „Ach, wissen Sie, ich bin eigentlich immer Optimist“, sagt er. Eine irritierende Aussage. Ausgerechnet von ihm, dem aktuellen Scharfrichter des deutschen Polit-Kabaretts, dem eloquentesten und zugleich gnadenlosesten Rhetoriker der hiesigen Kleinkunstszene, kommen derart versöhnliche und hoffnungsvolle Worte statt einer weiteren flammenden Kanzelrede, die derzeit keiner so bild- und wortmächtig zu halten vermag wie der Wahl-Kölner? Ja – denn auch wenn Wilfried Schmickler auf der Bühne gerne wettert, dass sich die Balken biegen, sieht er doch auch das Gute im Menschen. Und hat gerade dadurch Hoffnung.

„Natürlich liegt vieles im Argen“, betont er. „Aber ich kenne viele Menschen, die sich engagieren, sich einbringen und sich wehren. Sehen Sie sich nur mal die Zahl der Ehrenamtlichen an, oder auch die Zahl der Demonstranten im Hambacher Forst. Vor allem junge Leute waren dabei, die sich gerade durch solche Aktionen politisieren und etwas ändern wollen. Das finde ich bewundernswert.“ Auch Schmickler ist auf diese Weise zu dem geworden, was er heute ist, zum Mahner und Dichter, der sein Publikum immer wieder zum Nachdenken auffordert. „Ich hatte das Glück, im Kontext großer politischer Bewegungen aufzuwachsen. Atomkraftgegner, Umweltaktivisten oder auch die selbstverwaltete ­Jugend­szene haben mich in unterschiedlichem Maße geprägt.“ Damals absolvierte er seine ersten Auftritte, vor allem im Rahmen von Benefizveranstaltungen, „für ein warmes Abendessen und ein paar Mark“, wie er zurückblickend sagt. „Wir haben damals aber zunächst als reine Dada-Gruppe angefangen, wir wollten uns neue Räume erarbeiten“, erzählt er. „Erst im Diskurs mit den kommunalen Strukturen wurden wir politisch.“

Bis heute gehört Wilfried Schmickler zu jenen, die aufbegehren, die sich querstellen und für ihre Überzeugungen eintreten. Dabei hält er sich nicht zurück, erst recht nicht auf der Bühne, wo er wahlweise mit der verbalen Axt oder dem Schwert seine Gegner attackiert. Diese sind Legion: Rassisten und Egoisten, Demagogen und Despoten, Wirtschaftsbosse und Polit-Strategen, kurzum die ganze Lovecraft’sche Horde von Reptiloiden, die Menschlichkeit predigen und doch nur sich selbst huldigen. Damit polarisiert er, das weiß Schmickler gut. Aber das ist ihm nur recht. Seine Programme muss man sich erarbeiten, muss auch mal drei bis vier Minuten zuhören können, um sie wirklich zu verstehen. „Aber auch Ernst kann schließlich unterhalten“, sagt er. Vor allem, wenn dieser derart virtuos in Verse gepackt ist, wie sie außer Schmickler nur noch Jochen Malmsheimer zustande bringt. „Na ja“, schränkt Schmickler ein, „ich bin da sehr selbstkritisch. Ich habe mal einen Text über die Gier geschrieben,
den finde ich bis heute richtig gut, aber ansonsten würde ich mich nicht so hoch einschätzen. Mir fliegen die Worte eben nicht so zu, ich muss sie erst mit sehr viel Mühe finden. Wenn ich zum Beispiel für die 'Mitternachtsspitzen' schreibe, brauche ich locker mal vier bis fünf Tage.“ Was angesichts von 120 bis 150 Auftritten pro Jahr ein ganz schön straffes Pensum bedeutet.

Trotz dieser Anstrengungen denkt Wilfried Schmickler noch gar nicht daran, aufzuhören. „Ich erhalte immer wieder Rückmeldungen, die mir zeigen, dass ich doch zumindest im Kleinen etwas bewegen kann“, sagt er. „Außerdem macht mir das Kabarett weiterhin viel Spaß. Nur etwas weniger touren wäre schön. Das sollen andere machen.“ „Meiner Meinung nach gibt es viele großartige Kabarettisten, sowohl in der mittleren als auch in der jungen Generation“, sagt er. „Die Macher von der 'Anstalt' oder Christian Ehring mit 'Extra Drei', Tobias Mann, Christoph Siebert ... Und dann die ganzen Poetry-Slammer, die zunehmend den Laden übernehmen, wunderbare Texte schreiben und dabei auch durchaus gesellschaftskritisch sein können. Insofern mache ich mir um die Zukunft des Kabaretts keine Sorgen.“ Und um die Welt? Da dann doch zumindest Gedanken.

Mittwoch, 31.07.2019

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