Pfitzner, Hans (1869 - 1949)

kultur 127 - Juni 2016

Der deutsche Komponist, Dirigent, Regisseur, Hochschullehrer und Musikschriftsteller wurde als jüngstes Kind des Orchesterviolinisten und Kammermusikers Robert Pfitzner in Moskau geboren, der damals am dortigen Operntheater tätig war. 1872 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, wo Hans Pfitzner 1886 am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt aufgrund seines Klavierspiels eine Freistelle erhielt. Er studierte vier Jahre lang in der Klavierklasse von James Kwast, seinem späteren Schwiegervater, und Theorie und Komposition bei Iwan Knorr. Die 1890 komponierte Cellosonate fis-Moll op. 1 war eines der Werke seiner Lehrjahre; mit ihr begann Pfitzner die Zählung seiner Kompositionen. Den ersten großen Erfolg beim Publikum erzielte der Komponist mit der Uraufführung seiner Oper Der arme Heinrich 1895 in Mainz.
Von 1897 bis 1907 lehrte Pfitzner am Sternschen Konservatorium in Berlin Klavier, Theorie, Komposition und Dirigieren. In dieser Zeit entstand die lebenslange Künstlerfreundschaft mit Bruno Walter und er heiratete Mimi Kwast, die Tochter seines ehemaligen Klavierprofessors. Unter Pfitzners eigener Leitung wurde 1901 am Elberfelder Stadttheater seine zweite Oper Die Rose vom Liebesgarten erfolgreich uraufgeführt. Von 1902 bis ’05 wirkte er als Erster Kapellmeister am Theater des Westens.
Nach einem Intermezzo 1907 in München als Dirigent des dortigen Kaim-Orchesters, Vorgänger der heutigen Münchner Philharmoniker, übernahm er im Folgejahr die Leitung des Städtischen Konservatoriums und der Symphoniekonzerte in Straßburg. Hier richtete er eine Opernschule ein, gründete einen Konservatoriumschor und übernahm ab 1910 als Operndirektor auch die Leitung der Oper. Mit Straßburg ist auch die Entstehung von Pfitzners Hauptwerk verbunden, das 1917 im Münchner Prinzregententheater seine umjubelte Uraufführung erlebte: Die „musikalische Legende“ Palestrina, die Thomas Mann damals in einem begeisterten Essay feierte.
Nachdem Pfitzner durch den Ersten Weltkrieg seine Stellung in Straßburg verloren hatte – das Elsaß wurde wieder französisch – kam er notdürftig in München unter. 1919 wurde der Komponist zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste gewählt und im Folgejahr wurde ihm die Leitung einer Meisterklasse für Komposition an der Akademie angeboten. In den Sommermonaten durfte Pfitzner seine Schüler in Unter-Schondorf am Ammersee unterrichten, wo er mit Unterstützung seiner Freunde eine Villa gekauft hatte. Das „Schondorfer Jahrzehnt“ war nach Straßburg ein weiterer Höhepunkt seines Schaffens. Er war gefragt als Lehrer, Dirigent, Regisseur und Liedbegleiter, es fanden Pfitzner-Tage und -wochen statt und auch Ehrungen wie die Verleihung des Ordens pour le mérite für Kunst und Wissenschaft (1925) blieben nicht aus. Die Uraufführung seiner „romantischen Kantate“ Von deutscher Seele op. 28, 1922 in Berlin, wurde zu einem der größten Erfolge des Komponisten; dieses Werk erklang ein Jahr später auch in der New Yorker Carnegie Hall.
In eine länger andauernde tiefe Schaffenskrise geriet Pfitzner durch den Tod seiner Frau im Jahre 1926. In den kompositionslosen Jahren setzte er die Zusammenfassung und Herausgabe seiner Schriften fort: 1926 erschienen zwei Bände der „Gesammelten Schriften“, der dritte Band „Werk und Wiedergabe“ wurde drei Jahre später veröffentlicht.
1929 zog Pfitzner nach München-Bogenhausen um seiner Berufung als Professor für Komposition an der Münchner Staatlichen Akademie für Tonkunst nachzukommen. Das Requiem für seine Frau vollendete der Komponist 1930 mit der Chorphantasie Das dunkle Reich op. 38. Im Jahr darauf wurde die „romantische Oper“ Das Herz op. 39 am selben Tag in Berlin und in München uraufgeführt.
Nach dem Selbstmord seiner Tochter Agnes heiratete Pfitzner 1939 Mali Soherr, geb. Stoll. Bereits 1936 war sein Sohn Paul nach langer Krankheit gestorben. Sein Sohn Peter fiel 1944 an der Ostfront in Rußland. Ein Jahr zuvor wurde Pfitzners Haus in München durch Bomben zerstört und er fand in Wien-Rodaun eine neue Bleibe. 1945 floh das Ehepaar vor der russischen Armee nach Garmisch; im Folgejahr fand es in einem Altersheim in München-Ramersdorf eine Unterkunft.
Die amerikanische Militärregierung untersagte Pfitzner jegliche Betätigung und belegte seine Werke mit einem Aufführungsverbot. Dies wurde im Spruchkammerverfahren jedoch wieder aufgehoben und Pfitzner, der sich wegen seiner Ernennung zum Reichskultursenator verantworten musste, wurde als „vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft.
Pfitzner war ein vehementer Gegner der Entwicklungen der sogenannten Neuen Musik. Neben den fünf musikdramatischen Werken bildet Pfitzners Liedschaffen eine zentrale Werkgruppe und weist eine große stilistische Vielfalt auf. Als ein Höhepunkt seines kammermusikalischen Werkes gilt das Streichquartett in cis-Moll op. 36. Die Chorphantasie Das dunkle Reich ist eine seiner modernsten Partituren.
1949 kam der Komponist einer Einladung der Wiener Philharmoniker nach und erlebte eine gefeierte Aufführung des Palestrina an der Wiener Staatsoper. Pfitzner starb im selben Jahr aufgrund eines zweiten Schlaganfalls in Salzburg. Obwohl er testamentarisch verfügt hatte, neben seiner ersten Frau in Unter-Schondorf begraben zu werden, nahm seine zweite Frau das Angebot der Wiener Philharmoniker an, ihn in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beisetzen zu lassen. E.H.


Hörtipps:
? Das dunkle Reich op.38, Der Blumen Rache (1888), Fons Salutifer op. 48; Yvonne Wiedstruck, Yvi Jänicke, Yaron Windmüller, Rundfunkchor Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Rolf Reuter; cpo.
? Palestrina; Peter Bronder, Britta Stallmeister, Claudia Mahnke, Wolfgang Koch, Johannes Martin Kränzle, Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Kirill Petrenko; Oehms.
? Streichquartett op.36 und Schönberg: Streichquartett Nr. 4 op. 3, Wihan Quartet, Ultraphon.

Donnerstag, 07.07.2016

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