Daniel Breitfelder - kultur 119 - Oktober 2015

Königsdramen 1 - Daniel Breitfelder (Richard II.)
Foto: Thilo Beu
Königsdramen 1 - Daniel Breitfelder (Richard II.)
Foto: Thilo Beu

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Daniel Breitfelder –
Hiob, Faust und die schöne neue Welt

Die Proben zu Huxleys Schöne neue Welt ­
(s. Kritik Seite 5) gefallen ihm. Daniel Breitfelder spielt in der Bühnenbearbeitung des dys­topischen Romans den sinnsuchenden Dozenten und Texter Helmholtz Watson. „Der Regisseur Gavin Quinn hat sehr klare Vorstellungen. Er genießt großes Vertrauen beim Ensemble und achtet darauf, dass jeder seinen eigenen Weg gehen kann. Wir spielen auf Deutsch, aber die Probensprache ist natürlich Englisch. Das zwingt zur Konzentration, weil man einfach knapper redet.“ Breitfelder schätzt die dichte Arbeitsatmosphäre: „Es ist auch eine Art Workshop.“
Spannend fand er die Arbeit an Faust I in der Regie von Alice Buddeberg, wo er einen der drei Mephistos verkörpert. „Ich finde es wichtig, einen neuen Blick auf ein Stück zu wagen, das jeder zu kennen glaubt. Vielleicht will man einzelne Wege nicht mitgehen, das kann jeder selbst entscheiden. Selbstverständlich ist man als Schauspieler nicht gerade erfreut, wenn die Zuschauer das nicht wollen, für die wir das Ganze letztendlich machen. Kürzlich sagte mir ein Freund: ‚Ich möchte mal wieder einen Papageno mit Federn sehen, also ganz einfach die Oper ohne angestrengten Reflexionsapparat‘. Ich kann das gut verstehen, auch wenn wir im Theater ja nicht die Aufgabe haben, Erwartungshaltungen zu bedienen. Uraufführungen sind in gewisser Weise einfacher, weil das Publikum unbefangener ist.“
Ein gutes Beispiel dafür ist die erfolgreiche Werkstatt-Inszenierung Traurigkeit und Melancholie von Bonn Park, in der Breitfelder mitspielt. Polarisiert haben Shakespeares Königsdramen in der Halle Beuel. „Neben der Verwandlung von Richard II. in Falstaff fand ich interessant, wie sehr die emotionale Welt dieser Figur hin und herspringt. Die Studie an diesem Melancholiker war mir ein großes Vergnügen und ich empfinde seine scheiternde Sehnsucht nach einer schöneren Welt immer noch als unglaublich berührend.“
Gefreut hat ihn umso mehr, dass sowohl die Waffenschweine als auch Joseph Roths Hiob vom Bonner Publikum zu den besten Aufführungen der jeweiligen Saison gewählt und von den Freunden der Kammerspiele ausgezeichnet wurden. Breitfelder spielt in Hiob, der Ende September wiederaufgenommen wird, den wohlgeratenen Sohn Schemarjah, der als Sam in New York sein Glück macht und im Ersten Weltkrieg für Amerika fällt.
Daniel Breitfelder wurde 1981 in Augsburg geboren, wo 1898 Bertolt Brecht zur Welt kam. „Klar, der Name fällt unvermeidlich in jedem Interview.“ Breitfelders Eltern waren zwar nicht in künstlerischen Berufen tätig, aber sehr kulturaffin. Sein Vater war Versicherungskaufmann und begeisterter Hobbymusiker. Seine Mutter malt viel, er selbst hatte auch schon mehrere Ausstellungen. Sein Abitur machte Breitfelder am traditionsbewussten humanistischen und musischen Gymnasium bei St. Stephan. Mit dem Hauptfach Klavier, das er seit seinem fünften Lebensjahr lernte. Außerdem spielt er Gitarre und Nasenflöte („ein wunderbar handliches Instrument“). Sein Vater vermittelte ihm ein Schülerpraktikum an der „Augsburger Puppenkiste“, was dazu führte, dass das Kinderzimmer zu einer Bühne voller selbstgebastelter Figuren mutierte. Fasziniert war und ist er von Michael Ende und Loriot, die er sogar persönlich kennenlernte.
Nach großen Rollen im klassischen Schultheater fing er richtig Feuer beim Profi-Theater. Genauer am JTT (Junges Team Theater) Augsburg, 1997 initiiert u.a. von dem damaligen Ensemble-Mitglied Michael Lippold, der von 2011 bis 2013 auch mehrfach am Theater Bonn Regie führte. Breitfelder gehörte zur Gründungstruppe. Logische Folge war das Schauspielstudium an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule München, das er 2006 abschloss. „Nirgendwo wirst du härter kritisiert als im Studium. Dass einem erst mal alle Spontaneität ausgetrieben wird, ist in Ordnung. Wirklich kämpfen musste ich mit meinem bayrischen ‚r‘, das bühnensprachlich schlicht verboten ist.“
Sein erstes festes Engagement erhielt er in Ingolstadt („Ich weiß schon, da fällt quasi automatsch der Name Marieluise Fleißer“), wo er als Shakespeares Romeo debütierte und sich nach vielen großen Rollen (u.a. Gavin in Lady’s Night, Titelfigur in Peer Gynt und Werther) nach zwei Jahren als Lysander im Sommernachtstraum verabschiedete. Belohnt übrigens mit dem Publikumspreis des Rotary-Clubs Ingolstadt 2008. Einen auf zwei Schauspieler und eine Sängerin reduzierten Sommernachtstraum inszenierte Breitfelder 2010 selbst im Oberhausener Gasometer.
Von 2009 bis 2010 war er fest am Wuppertaler Schauspiel engagiert und arbeitete danach frei u.a. in Berlin, Bern, Essen und am Staatstheater Hannover. Außerdem viel für Kino und Fernsehen, denn an der Filmakademie Ludwigsburg besuchte er einen Work­shop in Camera Acting und ist mittlerweile ein gefragter Krimi-Star mit Hauptrollen in diversen TV-Produktionen. „An einem Drehtag verdienst du mehr als in einem ganzen Monat Stadttheater. Was für eine andere Welt! Aber nicht allein, was das Finanzielle betrifft. Es ist eine so andere Art zu arbeiten, sei es das unchronologische Drehen und dann nach dem Schnitt und der Postproduktion das fertige Ergebnis zu erleben. Vor der Kamera wirkt jede Regung größer und bedarf eines anderen Spiels. Im Theater bist du immer Teil einer gemeinsamen Untersuchung von Zuständen und Situationen. Am liebsten würde ich beides mehr vereinbaren, was in einem derart regulierten Betrieb aber oftmals nicht funktioniert. Für den Film angefixt hat mich unter anderem während des Studiums Werner Herzog, dessen Schwester Sigrid Herzog in München eine meiner Professorinnen war.“
Daniel Breitfelder entschied sich 2013 wieder für ein festes Theater-Engagement, stellte sich in Bonn bei der Uraufführung von Döblins Karl und Rosa vor und lebt hier nun länger als an allen anderen Stationen seiner Theaterkarriere. Der Käpt’n Hook im Familienstück Peter Pan kam seinem musikalischen Talent perfekt entgegen. „Dass ich gern mal was mit dem Jugendclub machen möchte, liegt im Grunde nahe.“ Leider ist sein Zeitbudget aktuell arg begrenzt. Es reicht gerade noch für die freie Gruppe „sechzig90“ in Rüsselsheim, in der er u.a. zusammen mit seiner ehemaligen Wuppertaler und jetzigen Bonner Kollegin Sophie Basse neue performative Formate auf den Weg bringt.
Ebenso zeitintensiv ist die Entwicklung der Veranstaltungsreihe „GENIESST ES WER WEISS WANNS WIEDER WAS GIBT“ zusammen mit seinen Kollegen Mareike Hein und Hajo Tuschy und Ausstattungsassistentin Emilia Schmucker, die zum vierten Mal mit Konzert und anschließendem Klub wieder am 31. Oktober auf dem Gelände der Halle Beuel stattfindet. In der Halle Beuel spielte er schon den Zukunftsforscher Fred Stiller in Fassbinders Welt am Draht, was die Vernetzung mit der Brave New World nahelegt. Eher anekdotisch versponnen mit dem berühmten Wissenschaftler Helmholtz, der von 1851 bis 1858 als Professor für Physiologie an der Universität Bonn lehrte. Huxley hat den Namen der Romanfigur sicher nicht zufällig gewählt. Daniel Breitfelder liebt sowieso ris­kante Gestalten. Am besten mit nüchtern ironischem Blick auf ihre Verwirrungen und versteckten Wahrheiten.

Donnerstag, 26.11.2015

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