Laura Sundermann - kultur 111 - Dezember 2014

Fräulein Julie, Kriemhild und Richard III.

Sie sei eine leidenschaftliche Ausstellungsbesucherin, gesteht sie. Zu ihren Lieblingsorten gehört das Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Deshalb hat sie für unser Treffen das dortige Bistro vorgeschlagen. Laura Sundermann, geboren 1980 in Köln, liebt die Bewegung. Als Schülerin war sie eine begeisterte Leichtathletin; ihre Domänen waren Laufen, Weit- und vor allem Hochsprung. „Ich gehe auch körperlich gern ans Limit. Gerade das Springen fordert große Konzentration und genaue Körperbeherrschung.“
Fürs Theater hat Laura sich als Jugendliche nicht sonderlich interessiert. Das änderte sich, als ihr drei Jahre jüngerer Bruder im Jugendclub des Kölner Schauspiels mitwirkte. „In Yvonne, die Burgunderprinzessin spielte er einen 300 Jahre alten Diener; das hat mich sehr berührt und mein Interesse am Theater war geweckt.“ Malte Sundermann ist übrigens auch professioneller Schauspieler geworden. Im Februar 2015 werden die Geschwister am Staatstheater Darmstadt gemeinsam auf der Bühne stehen – in dem Stück Geschwister von Klaus Mann, einer Koproduktion mit dem Theater Bonn. Ihre Mutter haben die beiden schließlich auch mit dem Theatervirus infiziert. Christiane Sundermann ist seit mehr als einem Jahrzehnt Souffleuse am Schauspiel Köln.
Laura Sundermann sammelte Bühnenerfahrungen im dortigen Jugendclub. Sie wirkte u.a. mit in der Produktion Jeff Koons von Rainald Goetz. „Dessen Pop-Ästhetik kam mir damals sehr entgegen, zumal das Stück auch von Kunst handelt. Wir bekamen von den erfahrenen Schauspielkollegen viel Anerkennung und bei Gesprächen in der Kantine eine Menge Anregungen. Etliche junge Regisseure, mit denen ich später zusammenarbeitete, habe ich damals in Köln schon kennengelernt.“
Trotzdem war sie nicht ganz sicher, ob sie die Schauspielerei zu ihrem Beruf machen sollte. Die Entscheidung fiel, als sie 2002 einen Studienplatz an der Hochschule der Künste in Zürich bekam, wo sie 2006 ihr Diplom machte. „Als ich in Zürich ankam, gab es gerade eine Demo für den Schauspieldirektor Christoph Marthaler. Da wusste ich: hier wird es spannend.“ Beim Abschlussvorsprechen glänzte sie als Lucile aus Dantons Tod und erhielt dafür den von dem Schweizer Verlegerpaar Oprecht gestifteten Preis, mit dem jährlich die besten Schauspiel-Absolventen der Zürcher Theaterhochschule ausgezeichnet werden.
Sie gastierte am Stadttheater Bern und am bat-Studiotheater der Ernst Busch Hochschule in Berlin, bevor sie 2007 unter der Intendanz von Karin Beier Ensemblemitglied am Schauspiel Köln wurde. Als größtes Geschenk der folgenden Jahre bezeichnet sie ihre Zusammenarbeit mit der englischen Regisseurin Katie Mitchell. „Sie arbeitet unglaublich präzis. Man braucht auf der Bühne eine extreme Konzentration und Einfühlung, wenn man live die Geräusche zu einer gleichzeitigen Aktion produziert und mit/vor der Kamera dramatische Situationen gestaltet. Es war beglückend, dass Katie einer Anfängerin wie mir gleich so großes Vertrauen entgegenbrachte.“ In Kroetz‘ Wunschkonzert spielte Sundermann an der Seite von Julia Wieninger das junge Fräulein Rasch. Die Kölner Produktion, mit der Mitchells eigenwilliger Stil in Deutschland überhaupt bekannt wurde, war 2009 auch beim Berliner Theatertreffen zu erleben. Ebenfalls dorthin eingeladen wurden 2011 die Kölner Aufführungen Das Werk/ImBus/Ein Sturz von Elfriede Jelinek (Regie: Karin Beier) und Tschechows Kirschgarten (Regie: Karin Henkel), in denen Laura Sundermann mitwirkte. „Es war toll, gleich an so erfolgreichen Produktionen mit so starken Regiehandschriften beteiligt zu sein.“
Zu ihren wichtigsten Erfahrungen zählt sie Luigi Nonos Oper Al gran sol carico d’amore 2009 bei den Salzburger Festspielen in der Regie von Katie Mitchel. Laura Sundermann spielte die Prostituierte Deola. „Es war eine irre komplexe Arbeit, bei der Sänger, Chor, Orchester und Schauspiel genau aufeinander abgestimmt werden mussten. Neu und spannend war für mich, die Arbeit des Dirigenten Ingo Metzmacher und der Wiener Philharmoniker mitzuverfolgen.“ Die Inszenierung wurde 2012 von der Berliner Staatsoper übernommen. „Die Situation im eigens dafür hergerichteten Kraftwerk Mitte war ganz anders als in der Salzburger Felsenreitschule. Wir haben allein eine ganze Probenwoche dafür gebraucht, die Verkabelung der Kameras so einzurichten, dass wir uns bei den Aktionen nicht verhedderten.“ Nonos Klangwelt hänge ihr immer noch nach und habe sie für das Musiktheater sensibilisiert, erzählt sie.
Ihr Engagement in Köln kündigte sie zum Ende der Spielzeit 2010/11, blieb aber weiterhin Gast in Köln. „Ich hatte das Gefühl, mich befreien zu müssen, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich wollte neue Erfahrungen sammeln und eine Zeitlang nicht fest an ein Haus gebunden sein.“ Sie gastierte u.a. am Schauspiel Leipzig und 2012 in Mitchells Fräulein Julie an der Berliner Schaubühne. Diese Produktion reiste auch nach London und Paris.
Als Nicola Bramkamp Schauspieldirektorin in Bonn wurde, gab Laura Sundermann ihr Nomadenleben wieder auf und zog in die Bundesstadt. Sie wohnt bewusst nicht in ihrer benachbarten Heimatstadt Köln, sondern hier: „Man muss den Ort, wo man arbeitet, erkunden und sich auf seine Besonderheiten einlassen.“ Dem Publikum vorgestellt hat sie sich hier in dem Werkstatt-Experiment Fräulein Julie (Applause), und dabei auch ihr Ge­sangstalent bewiesen. In der Halle Beuel folgte die Rolle der Eva Vollmer in Welt am Draht, in den Kammerspielen in Hebbels Nibelungen die Kriemhild, die vom verstörten jungen Mädchen zur Liebenden aufblüht und als rigorose Rächerin des Unrechts tragische Größe gewinnt.
Ein wenig knüpft ihre neue Rolle daran an: Sie spielt den notorischen Bösewicht Richard III. in Königsdramen II (Trümmer). „Ich wollte gern mit der Hausregisseurin Alice Buddeberg arbeiten. Die große Shakespeare-Rolle hat mich aber doch überrascht und ist eine riesige Herausforderung. Das absolut Böse zu spielen, interessiert mich dabei weniger. Richard ist jemand, der fest an sein Spiel glaubt. Aber wie schafft es ein Einzelner, Menschen so auszurichten, dass sie ihr Selbst abgeben? Mich fasziniert Richards Gefühl für Kaputtheit und moralische Verwahrlosung. Ich nähere mich der Figur immer fragend, ein permanentes Ausloten und Suchen, das Spiel mit der Unsicherheit, denn Sicherheit, also ‘so und so, das ist die Figur`, gibt es für mich nicht.“
In diversen TV-Produktionen war Laura Sundermann mittlerweile beteiligt und hat 2010 an der Seite von Senta Berger eine kleine Rolle in der Verfilmung von Daniel Kehlmanns Roman Ruhm gespielt. Kürzlich abgedreht wurden eine Folge von Tatort Köln und der Pilotfilm zu einer Comedy-Serie, in der sie eine Arzthelferin verkörpert. Aber erst mal stehen noch intensive Proben an: Denn in knapp zwei Wochen ist Premiere ihrer Interpretation von Richard III.

Donnerstag, 15.01.2015

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