Hajo Tuschy - kultur 110 - November 2014

Hajo Tuschy
Foto: Thilo Beu
Hajo Tuschy
Foto: Thilo Beu

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Hajo Tuschy: Freder, Siegfried und Heinrich V

Vor einem Tag haben in Beuel die Proben zum zweiten Teil von Shakespeares Königsdramen begonnen. Den einsamen Prinzen Heinrich, der unstandesgemäß Freundschaft bei dem verlotterten Soldaten Falstaff sucht, und den von seinem Amt schwer belasteten König Heinrich V. verkörpert Hajo Tuschy im ersten Teil (s. Kritik S. 4). In Heinrich VI. spielt er „la Pucelle“, also die französische Heldin Jeanne d’Arc, die auf dem Scheiterhaufen endet. Weil diese Rolle und zwei kleinere in Richard III. noch etwas zeitlichen Spielraum lassen, darf er im November auch am Hessischen Staatstheater Wiesbaden gastieren: als junger Peer Gynt in Ibsens gleichnamigem Stück. Die Inszenierung von Thorleifur Örn Arnasson, der seit dieser Spielzeit leitender Regisseur in Wiesbaden ist, kam 2010 am Luzerner Theater heraus, wo Tuschy bis zu seinem Wechsel nach Bonn drei Jahre lang fest engagiert war. Mit Arnasson hat Tuschy in seiner Schweizer Zeit mehrfach zusammengearbeitet, bevor er ihn nun in Bonn bei Hebbels Nibelungen wiedertraf. Tuschy spielte in der gelungenen Inszenierung den jungen Siegfried jenseits aller Klischees vom blonden Recken.
Kennengelernt hat er Arnasson aber bereits während seines Studiums an der Berliner Hochschule für Schauspiel Ernst Busch. In der Regieklasse des nächstälteren Jahrgangs studierten außer dem gebürtigen Isländer auch Jan-Christoph Gockel, der in Bonn Metropolis mit Tuschy in der Rolle des Freder Frederson inszenierte und 2015 in der Halle Beuel Regie führt bei Herz der Finsternis, und David Schliesing, der nun hier als Dramaturg zum Leitungsteam des Schauspiels gehört. 2009 hat Tuschy in Schliesings Diplominszenierung am bat-Studiotheater, einer Einrichtung der Ernst-Busch-Hochschule, den Valerio in Leonce und Lena gespielt. Als prägende Erfahrung nennt er die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Luk Perceval, in dessen Inszenierung von Berlin Alexanderplatz am bat er den Franz Bieberkopf spielte. Natürlich hat er sich dessen legendäre Schlachten! bei der Vorbereitung zu den Bonner Königsdramen angeschaut. Als Video-Aufzeichnung, denn als die Koproduktion des Deutschen Schauspielhauses Hamburg mit den Salzburger Festspielen 1999 herauskam, war er noch ein Kind.
In Luzern hat er die Bonner Hausregisseurin Alice Buddeberg kennengelernt. 2013 inszenierte sie dort Kasimir und Karoline; Tuschy spielte den Schürzinger und wurde von Buddeberg dem neuen Bonner Team empfohlen. „Gepflegte Netzwerke gehören zum Beruf“. Einige Film- und TV-Rollen vor dem 2010 absolvierten Schauspiel-Examen zählen neben dem Theater auch zu der noch recht übersichtlichen Biographie des 28-jährigen. In dem u.a. mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten ARD-Film Neue Vahr Süd (2010, Regie Hermine Huntgeburth) z. B. war er der Soldat Müller.
Der Bremer Stadtteil, in dem die Geschichte angesiedelt ist, liegt nicht sehr weit von Hajo Tuschys norddeutscher Heimat entfernt. Geboren wurde er 1986 in Eckernförde an der Ostsee und wuchs in einem Dorf zwischen Schleswig und Husum auf. „Nicht unbedingt ein quirliger Kulturort“, gibt er unumwunden zu, obwohl er die Gegend und ihre lebendige Museumslandschaft sehr mag. Als Gymnasiast wirkte er begeistert im Jugendclub des Schleswiger Stadttheaters mit. „Es war aufregend, quasi zum Betrieb zu gehören und mit Profis zu arbeiten. Es machte aber vor allem Spaß, und irgendwie hatte man einen Fuß in der Tür.“ Dass die sich dann direkt nach dem Abitur mit einem der begehrten Schauspiel-Studienplätze in der deutschen Hauptstadt gleich weit öffnete, hat ihn selbst überrascht. Natürlich auch gefreut.
„Eher traurig ist die Situation des Schleswiger Theaterhauses, das seit 2011 wegen Einsturzgefahr geschlossen ist. Zumal mit dem Wegfall einer wichtigen Spielstätte jetzt die Existenz des größten Landestheaters Deutschlands auf der Kippe steht.
Nun ja, im ziemlich wohlhabenden Bonn soll das Stadttheater auch totgespart werden, was ich bei einem Ort, der so stark auf Bildung, Kunst und Kultur setzt, wirklich nicht verstehe. Bonn ist mit seiner Oper und seinem Schauspiel in kommunaler Trägerschaft, einem tollen privaten Jungen Theater mit eigenem Ensemble, seinen zwei renommierten Kabaretts und der freien Szene eigentlich eine richtige Theaterstadt. Und es mangelt allen auch nicht an Publikum – eure große Theatergemeinde beweist doch, dass die Leute das mögen und brauchen.“
Hajo Tuschy gehört zu den neugierigen Schauspielern, die ihren jeweiligen Standort gern sorgfältig untersuchen, auch wenn sie dort sicher nicht bis zum Rentenalter bleiben werden. „Stadttheater heißt, eine Gruppe von Menschen damit zu beauftragen und dafür zu bezahlen, dass sie forschen und spielerisch Fragen formulieren, wie ‚Was ist Mensch?', ,Was ist Macht?' ,Wie erleben wir Gefühle?‘‚ ‚Halten wir unseren Planeten für so wertvoll, dass wir seine Zukunft sichern müssen?‘. Sich so etwas zu leisten scheint Luxus, ist aber langfristig ein Gewinn für alle.
Als relativ junge Truppe wollen wir nicht abgegriffene Antworten wiederholen, sondern miteinander recherchieren und daraus ästhetische Produkte entwickeln. Dabei darf und muss das Risiko des Scheiterns an Fragestellung, Antworten und Umsetzung immer einkalkuliert sein, obwohl wir selbstverständlich gern Erfolg beim Publikum haben, für das wir das Ganze ja machen. Theater soll ein Versuchslabor für angstfreie Kommunikation sein, verbunden mit viel Energie, Wut und Lust. Das neue Ensemble hier ist dabei im ersten Jahr wirklich schnell und toll zusammengewachsen. Wenn aber dauerhaft von außen die Legitimation in Frage gestellt wird, dann droht dieser angstfreie Raum zerstört zu werden. Und Kunst, die sich um ihrer selbst Willen rechtfertigen muss, ist keine Kunst mehr.“
Veröffentlichte Kritiken nimmt er aufmerksam wahr und gibt ehrlich zu, dass Verrisse manchmal wehtun. „Harte Kritik musste ich als sehr junger Schauspielstudent schon einstecken. Ich war dann auch kein Überflieger, der sofort an ein prominentes Haus in einer großen Stadt engagiert wurde. Ich bin froh, dass ich in Luzern viele Erfahrungen sammeln konnte.“ In 18 Stücken hat er dort in 3 Jahren mitgewirkt. Für seine Rolle in der Schweizer Erstaufführung des Stückes Invasion! des schwedischen Autors Jonas Hassen Khemiri erhielt er 2011 eine Nennung als bes­ter Nachwuchsschauspieler in der Zeitschrift „Theater Heute“. 2012 wurde er vom Theaterclub Luzern mit dem „Prix Gala“ für seine darstellerische Brillanz in verschiedensten Rollen ausgezeichnet. Klar hat er sich gefreut über die Nominierung für den diesjährigen Bonner Theaterpreis „Thes­pis“ der Freunde der Kammerspiele.
In der Kammer fühlt er sich sehr wohl. „Es ist ein schönes Haus mit angenehmer Atmosphäre und genau der richtigen Größe. Die Halle Beuel bietet andere künstlerische Möglichkeiten, hat jedoch keine attraktive Infrastruktur.“ In der Werkstatt hat er bisher nur sein eigenes Projekt Cocaine nach Pitigrili mit dem Musiker Jacob Suske (er gestaltet demnächst die Musik zu Herz der Finsternis) gespielt. Das kam bei der einmaligen Vorstellung im Januar so gut an, dass es in dieser Spielzeit ins Repertoire genommen wird.
Für die Zukunft wünscht Hajo Tuschy sich vor allem, dass die Relevanz des Schauspiels für die Stadt stärker gewürdigt wird und dass die Bonner es als Teil ihrer Identität begreifen.

Donnerstag, 11.12.2014

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