Vargas Llosa, Mario: Das Paradies ist anderswo

kultur Nr. 7 - 5/2004

Im Jahre 1833 verließ Flora Tristan (*1903) auf einem Schiff den Hafen von Marseille, um nach Peru, der Heimat ihres Vaters, zu fahren und um Erbe und Anerkennung zu kämpfen. Die Ehe ihrer Eltern war seinerzeit annulliert worden, und Flora galt als uneheliches Kind. Kämpfen war sie gewohnt, es war ihr Lebensinhalt, zu kämpfen für andere, für Frauen und Arbeiter in Frankreich. Sie war eine kleine, zierliche, schöne und unendlich starke Frau, sie war 1833 knapp 30 Jahre „alt”. Verheiratet wurde sie als junges Mädchen mit einem Mann, der sie nicht liebte, aber „besaß” - und nach drei Kindern in ebenso vielen Jahren lief sie ihm davon.
Moment - Sie kennen Flora Tristan nicht? Nicht einmal der Brockhaus erwähnt sie, aber Sie alle kennen ihren Enkel, der 1848 geboren wurde, als sie schon tot war, sie starb mit 41 Jahren. Ihr Enkel hieß Paul Gauguin.
Flora war eine Feministin, sie schrieb Bücher und hielt Vorträge und versuchte unerschro-cken, sich in der reinen Männerwelt zu behaupten. Sie ging in die Slums und Fabriken, lebte zwischen Frankreich und Peru, wurde gehasst, beschimpft, bekämpft, verlacht... und auch geachtet und verehrt, allerdings bis heute vergessen.
1838 unternahm ihr Ehemann einen Mordversuch auf sie, der sie für den Rest ihres Lebens leiden ließ, weil man die Kugel aus ihrer Brust nicht entfernen konnte. Gelitten hat sie immer, an der Ungerechtigkeit, an der Männerherrschaft, an den strengen Geboten der alles beherrschenden Kirche, nicht zuletzt auch an der Armut und der Unmöglichkeit, in ihrer Zeit als Frau allein für sich und ihre Kinder „ihren Mann zu stehen”. Von Männern im besonderen hielt sie sich fern, kurze Beziehungen zu Frauen beendete sie, wenn sie zu intensiv wurden, sie brauchte Kraft für ihre Arbeit.
Darin ähnelt ihr Enkel ihr, wenn auch nur darin - von Frauen hielt er sich keineswegs fern. Er lebte sein exzessives Leben zwischen Frankreich und der Südsee, auch er litt, nicht nur an der „unaussprechlichen Krankheit” Syphilis, auch und hauptsächlich an sich selbst, seinem unbändigen Schaffensdrang, der ihm allerdings erst im 20. Jh. ermöglicht hätte, ein reicher Mann zu werden. Balzac hat einmal gesagt, „das Genie begießt seine Werke mit Tränen”. Ich muss oft daran denken, denn wahrscheinlich wären Meisterwerke selten oder nie von satten Menschen geschaffen worden?
Mario Vargas Llosa zeichnet ein Doppelporträt von zwei Charakteren, wie sie unterschiedlicher nicht gedacht (nicht ”aus”-gedacht) werden können. Beide Menschen versuchen, ihren Traum vom Leben Wirklichkeit werden zu lassen, und die Kunst des renommierten Romanciers lässt Großmutter und Enkel gleichermaßen für den Leser lebendig werden.
Übrigens: Henrik Ibsen schrieb „Nora” erst 40 Jahre später, 1878.
Und als Insel-Taschebuch Nr. 3037 gibt es von Flora Tristan „Meine Reise nach Peru”.

Rita Hoffmann

Mario Vargas Llosa, Das Paradies ist anderswo, Suhrkamp, 496 S., 24,90 €.

Mittwoch, 05.01.2011

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