Powers, Richard: Der Klang der Zeit

kultur Nr. 11 - 11/2004

Ein Riesenwerk von 750 Seiten, ein - wie der Autor sagt - „dichterisches Credo", denn - weiter Zitat - „wir erkennen unsere Zukunft, indem wir die Utopien von gestern betrachten" - und die zerplatzen wie eine Seifenblase, weil sie der Traum von der großen, freien, liberalen amerikanischen Gesellschaft sind.
Hier haben Sie den Roman der amerikanischen Geschichte der letzten 50 Jahre, anders als Jonathan Franzens "Korrekturen", die vor wenigen Jahren die Bestsellerlisten stürmten und die deutschen Leser doch (nach Generation) polarisierten.
Richard Powers' Buch ist auch eine Geschichte der Musik, die in der Familie Strom eine ganz bedeutende Rolle spielt. Sie singen alle, der älteste Sohn hat sogar eine ”Jahrhundertstimme” und erobert die Bühnen der Welt. Aber er geht einen steinigen Weg, doppelt gehandicapt, sein Vater ist ein deutscher Jude, der vor Hitler nach Amerika geflohen ist, seine Mutter eine Afro-Amerikanerin, er selbst und seine Geschwister sind dunkelhäutig. Die große Liebe der Eltern trennt der gewaltsame Tod der Mutter, der Vater, Physiker und mit der Entwicklung der Atombombe befasst, versinkt im "Klang der Zeit", buchstäblich in der Erforschung des Phänomens "Zeit". Die drei Kinder, unglücklich alle und Wanderer zwischen zwei Welten, hochbegabt und immer wieder zum Scheitern verurteilt, versuchen den Marathon zwischen Musik, Traum und Wirklichkeit - jeder für sich und doch untrennbar verbunden.
Der Autor ist studierter Physiker und Literaturwissenschaftler, sein Wissen über Musik und Naturwissenschaften ist beeindruckend und überfrachtet mitunter durchaus die Romanhandlung. Dennoch hat mich das Buch sehr berührt, nicht zuletzt durch die ungewöhnliche Herkunft der Hauptpersonen. Es ist ein gewaltiges Lesevergnügen - und -erlebnis, wenn man sich darauf einlässt und 750 Seiten durchhält, und es wird ganz gewiss zu den Büchern gehören, die man nicht nur einmal liest, damit man sie ganz ausschöpfen kann.

Richard Powers: Der Klang der Zeit,
S. Fischer Verlag,
Mai 2004,
gebundene Ausgabe,
764 S.,
22,90 €.

Mittwoch, 05.01.2011

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