Némirowsky, Irène: Suite française

kultur 33 – Januar 2007

Die Geschichte hat eine Geschichte: Auf fünf Teile war die Suite française von der Autorin angelegt, zwei Teile hat sie geschrieben, dann wurde sie in Auschwitz ermordet. Ihr Manuskript blieb erhalten, aber erst jetzt, nach Jahrzehnten, von ihren Töchtern entziffert, abgeschrieben, veröffentlicht und von der Kritik gefeiert als Zeitzeugnis und verglichen mit Tolstois Krieg und Frieden.
Tatsächlich handelt es sich im 1. Teil um ein riesiges Gemälde von Einzelschicksalen während der Großen Flucht aus Paris im Jahr 1940. Im 2. Teil geht es um die Besetzung durch die Deutschen in einem französischen Dorf. Leise Annäherungen an potentielle „Feinde“, ganz zarte Beziehungen zwischen jungen Menschen beiderlei Geschlechts sind - beinahe unausgesprochen (und nicht nur wegen der Sprachschwierigkeiten) - berührend und zeitlos gültig dargestellt. Der KRIEG, immer präsent, wenn auch fern und kaum vorstellbar, lebt in den gefangenen Männern im unbekannten Deutschland, in den einsamen Frauen und den vaterlosen Kindern daheim in den Dörfern, wo alles so ist wie immer und doch nichts mehr wie es war.
Zunächst im ersten Teil, der Flucht aus Paris, werden Bilder wach aus der eigenen lange verwehten Kindheit, doch schien mir, dass der Krieg, „unser Krieg“, viel näher war, viel härter… Seltsamerweise hatte ich beim Lesen der Némirowsky-Erzählungen immer den Eindruck, dass die Sonne schien und der Regen, wenn er mal fiel, wie eine Hoffnung das Eis schmelzen ließ.
Ein Buch wie ein Gemälde von Bosch, oder wie ein Kaleidoskop, immer neue Variationen desselben Themas, immer die gleichen Menschen, verschiedene Charaktere, aber die Leiden und Schmerzen und Wünsche und Sehnsüchte ähneln sich - wie eine leise Musik, die man kennt, vergessen hat, sofort wieder erkennt, weil sie nichts von ihrer Bitterkeit verloren hat - zeitlos ist!

Suite française
- von Irène Némirowsky,
Knaus Albrecht,
September 2005,
512 S.,
gebunden, 22,90 €.

Donnerstag, 16.01.2014

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