Wolfgang Rüter - kultur 63 - Februar 2010

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Wolfgang Rüter: Molières Geiziger, Patchworkfamilienvater in That Face und der Psychiater Königsforst

Seit mehr als einem Jahrzehnt spielt er schon hier und ist damit der längstgediente Schauspieler am Theater Bonn. Nur Birte Schrein gehört noch länger zum Ensemble. Im Herbst 1998 stellte Wolfgang Rüter sich dem Bonner Theaterpublikum in den Kammerspielen vor als Gutsbesitzer Christoph Flamm, der Rose Bernd verführt und hilflos ihrer Verzweiflung zusieht. Valentin Jekers unvergessliche Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Rose Bernd mit Johanna Wokalek in der Titelrolle wurde als eine der bundesweit besten Aufführungen der Saison zum Berliner Theatertreffen eingeladen. „Ein toller Einstand“, gesteht der schlaksige, groß gewachsene Mann mit dem kantigen Gesicht (sportliche Hobbys: Motorradfahren und Fallschirmspringen) beim Gespräch in der Hausbar im Opernhaus. „Im Bonner Opernhaus war ich übrigens schon im Frühjahr 1998 zu Gast – als stummer ‚Maestro di scena’ im Puccini-Gewand in David Mouchtar-Samorais Inszenierung von Madama Butterfly, was aber leider nur mäßig ankam.“
In die Wiege gelegt war ihm die Theaterleidenschaft nicht, als er 1950 als jüngstes von vier Geschwistern in Castrop-Rauxel zur Welt kam. Nach dem Abschluss seiner Elektrikerlehre wurde er Betriebselektriker bei der Ruhrchemie. „Den Job wollte ich aber nicht bis zur Pensionierung machen. Zufällig lernte ich in der Kneipe ein paar Schauspieler kennen, und als am Landestheater Castrop-Rauxel ein Beleuchter gesucht wurde, bekam ich die Stelle. Es war eine tolle Zeit, wir reisten mit neuen Stücken aus der Arbeitswelt durch die Region, spätere Stars wie Günther Strack und Angela Winkler gehörten zu unserem Ensemble. Die mit Ruhrpottstaub vermischte Theaterluft gefiel mir, und nachdem ich bei einem Kinderstück Gitarre gespielt hatte, kam der Wunsch auf, öfter auf der Bühne zu stehen. Ich hab dann die Kollegen gefragt, wie das geht. Sie sagten mir: ‚Kauf Dir ein paar Reclamheftchen und lern drei Texte auswendig.’ Hab ich ganz naiv gemacht, beim Vorsprechen an der Essener Folkwang Hochschule auch noch ein Liedchen zur Gitarre gesungen – und wenn die mich nicht genommen hätten, wär ich wahrscheinlich immer noch Beleuchtungstechniker.“
Nach dem Studienabschluss in Essen trat Rüter 1976 sein erstes fes­tes Engagement an den Westfälischen Kammerspielen Paderborn an. „Unter der Intendanz von Siegfried Bühr gab es dort ein kleines, junges (fast alle unter 30), politisch engagiertes Ensemble. Wir praktizierten das ‚Frankfurter Modell’ von Peter Palitzsch mit Einheitsgagen und künstlerischer Mitbestimmung. Dramaturg war übrigens Burkhard Nemitz, jetzt in Bonn stellvertretender Generalintendant.“ In Paderborn erarbeitete Rüter sich zahlreiche Rollen, zog 1978 mit Bühr ans Zimmertheater Tübingen und wechselte kurz danach ans von Klaus Pierwoß geleitete Landestheater Tübingen, wo auch seine spätere Gattin Florence Lienhard engagiert war. Die nächste Station war das Badische Staatstheater Karlsruhe, wo er u. a. den Regisseur Klaus Weise kennenlernte. Außerdem gastierte er in Freiburg, wo damals Manfred Beilharz die städtischen Bühnen leitete.
Zu Beginn seiner Kölner Schauspielintendanz 1985 holte Pierwoß Rüter in die Domstadt. Fünf Jahre lang spielte der inzwischen zum Charakterdarsteller gereifte Künstler in der rheinischen Metropole („Den größten Spaß machte mir dort die irre Backstage-Comedy Der nackte Wahnsinn von Michael Frayn – ein totaler Erfolg. Und die Titelrolle in Molières Tartuffe in der Regie von Siegfried Bühr“) und zog dann in die Landeshauptstadt Düsseldorf, wo Schauspielintendant Volker Canaris, dem Rüter schon in Köln begegnet war, das eigenwillige Talent gern in seinem Ensemble haben wollte. Den Lorenz in Botho Strauss’ Schluss­chor (1992, Regie: Wilfried Minks) nennt er als eine seiner interessantesten Rollen in den vier Düsseldorfer Jahren.
Eine Weile lang wollte Rüter dann frei arbeiten und gas­tierte häufig in Basel und Zürich. Am dortigen Schauspielhaus wirkte er 1996 u. a. in Liebe und Lüge von Marivaux mit – in der Regie von David Mouchtar-Samorai, mit dem er später in Bonn regelmäßig zusammenarbeitete: Als theologisch versierter Teufel in Grabbes Scherz, Satire, Ironie begeisterte Rüter 2001, war 2004 der Kapitän Perella in Pirandellos Der Mensch, das Tier und die Tugend und 2007 der sturmerprobte Kapitän Toni in Goldonis Krach in Chiozza. Das Pendeln zwischen der Schweiz und Köln, wo er inzwischen eine Familie gegründet hatte (Tochter Arabella ist 18, Sohn Adrian 14), wurde ihm aber bald zuviel. Als der Dramaturg Hermann Wündrich, den Rüter noch aus Köln kannte, ihn nach Bonn einlud, sagte er sofort zu. Ohne gleich damit zu rechnen, hier länger zu bleiben als an all seinen sonstigen Lebensstationen.
In Manfred Beilharz’ Inszenierung von Kleists Zerbrochnem Krug spielte er 2000 den Gerichtsrat Walter, im selben Jahr in dem Künstlerdrama Jeff Koons von Rainald Goetz in der Regie von Valentin Jeker die Titelrolle. Besonders gefallen haben ihm 2001 der Hochstapler Marquis von Keith in dem gleichnamigen Stück von Frank Wedekind (Regie: Andreas von Studnitz) und der Vater in Vitracs Farce Victor oder die Kinder an der Macht (Regie: Frank Hoffmann). Unter der Intendanz von Arnold Petersen folgten Malvolio in Shakespeares Was ihr wollt (Regie: Niels-Peter Rudolph), die Titelrolle in Tschechows Onkel Wanja (Regie: Roland Schäfer) und als absolute Traumrolle der Wladimir in Becketts Warten auf Godot (Regie: Valentin Jeker). In der ersten Spielzeit unter der Generalintendanz von Klaus Weise wirkte er in dessen Inszenierung von Andrew Bovells rätselhaftem Quartett Lantana mit und 2007 als Zettel in Weises Senioren-Sommernachtstraum.
Den Puck gab er ein Jahr zuvor in Benjamin Brittens Midsummer-Night’s­ Dream (Regie: Silviu Purcarete) in der Oper – „eine ziemliche Herausforderung, zur Musik rhythmisch zu sprechen, und das auf Englisch.“ Musiktheater macht ihm freilich besonderen Spaß. Als grotesker Baron Puck war er in Offenbachs Operette Die Großherzogin von Gerolstein (Regie: Kay Voges) zu erleben, als pompöse Madame de Quimper-Karadec in Pariser Leben (Regie: Andrea Schwalbach), alternierend mit dem etwas wuchtigeren Günter Alt.
Sehr gern gespielt hat er außerdem den Sosias in Kleists Amphitryon (2004, Regie: Werner Schröter) und den Richter Danforth in Arthur Millers Hexenjagd (2008, Regie: Michael Helle). Derzeit zu sehen ist er in den Kammerspielen als geldsüchtiger Harpagon in Molières Der Geizige (Regie: Patricia Benecke) und als treuer Graf von Lerma in Schillers Don Karlos (Regie: Stefan Heiseke). In der Werkstatt spielt er den tüchtigen Makler Hugh in That Face (Regie: Jens Kerbel), der ziemlich entsetzt seine wohlstandsverwahrloste Erstfamilie in den Griff zu bekommen versucht. „Die psychologische Genauigkeit und der scharfe sozialkritische Blick der jungen Autorin Polly Stenham haben mich sehr beeindruckt. Ebenso wie die komplizierten biographischen Brüche in der deutschen Nachwende-Gesellschaft in Heaven mit all diesen merkwürdigen Geschichtsfluchten.“ Rüter verkörpert den Psychiater Königsforst in Fritz Katers poetischer Tristan-Abstraktion (s. Kritik S. 4). Eine kleine Rolle wird er auch übernehmen in Tennessee Williams’ Die Katze auf dem heißen Blechdach (Premiere am 19.02.2010).
Nebenbei hat Rüter seit mehr als 20 Jahren an zahllosen Fernsehproduktionen mitgewirkt und ist regelmäßig als Sprecher in Radio-Features und Hörspielen präsent. „Besonders gern habe ich den Erzähler in Orhan Pamuks Roman Schnee eingelesen – kurz bevor er den Literaturnobelpreis bekam. Die Aufnahme des NDR gibt’s auch als Hörbuch auf zwei CDs. Spannend sind die Live-Hörspiele des WDR, die wir nach einer Probenwoche beim WDR vor Publikum aufführen und die dann kurz danach gesendet werden.“
Neue Theaterformen interessieren ihn immer. Geradlinige Leute findet er auf der Bühne langweilig. Shakespeares Könige sind ihm eher fremd, aber einen Prospero könnte er sich irgendwann gut vorstellen. „Der beherrscht mit seiner Zauberkunst alles und begreift doch seine Ohnmacht. Für mich ist er z

Donnerstag, 08.12.2011

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