Tatjana Pasztor - kultur 38 - 6/2007

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Tatjana Pasztor - Zwischen einem ungarischen Keller und einem Fischerdorf bei Venedig

Tatjana Pasztor ist Schweizerin. Und Rheinländerin. Das Licht der Welt erblickte sie in Basel, aufgewachsen ist sie in Düsseldorf. Zumeist hinter der Bühne zwischen Opernrequisiten, Mas­ke, Garderobe und Ballettstangen. Denn ihr Vater war Solo-Oboist bei den Düsseldorfer Symphonikern, ihre Mutter Ballettmeisterin an der Deutschen Oper am Rhein. Mit drei Jahren begann Tatjana zu tanzen und hatte Ballett-Unterricht bis zum Abitur. Dass sie Schauspielerin werden wollte, hatte sie mit 13 Jahren beschlossen, nachdem sie Helmuth Lohner als Hamlet erlebt und gleich seinen großen Monolog auswendig gelernt hatte. „Sein oder Nichtsein traf mein naiv radikales Lebensgefühl. Wichtiger war allerdings, dass ich plötzlich die Sprache als Ausdrucksmittel entdeckte und die Überzeugung gewann, dass ich damit mehr vermitteln könnte als mit Tanz oder Musik.“
So geradlinig wie ihre verlaufen Bühnenkarrieren trotzdem selten. Tatjana bewarb sich an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart und wurde sofort genommen. Zwi­schendurch hat­te sie in Düsseldorf bei dem dortigen Schauspieldirektor Kai Braak als Regieassistentin seine Inszenierung von Romeo und Julia begleitet und in Köln bei Roberto Ciulli als Regiehospitantin bei der Labiche-Komödie Der Florentinerhut mitgewirkt. „Mit gerade mal 18 Jahren zwischen Abi und Studium solche Erfahrungen machen zu können, war ein außergewöhnliches Glück.“ In Stuttgart wurde Claus Peymann, der von 1974 bis 1979 das Schauspiel am Württembergischen Staatstheater leitete, auf die eigenwillige junge Frau aufmerksam und holte sie mehrfach als Gast in sein Ensemble. Noch während der Ausbildung spielte sie 1977 in Peymanns Inszenierung Faust I und II den Homunkulus (an der Seite von Branko Samarovski als Mephisto und Gert Voss als Wagner). 1978 wirkte sie unter der Regie von Alfred Kirchner in Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches mit. Neben Peymann war es vor allem David Mouchtar-Samorai, dessen Arbeiten sie faszinierten. „Wir sind damals von Stuttgart regelrecht nach Heidelberg gepilgert, um Davids erste Inszenierungen in Deutschland zu sehen.“ Bis zur Zusammenarbeit dauerte es freilich noch eine Weile. In Bonn spielt Tatjana jetzt zum ersten Mal unter der Regie von Mouchtar-Samorai: Die Proben zu Goldonis Komödie Krach in Chiozza, wo sie die Fischersgattin Donna Libera verkörpert, laufen auf Hochtouren (Premiere in den Kammerspielen am 1. Juni).
Nach dem Abschluss ihres Studiums folgte direkt ein festes Engagement am Landestheater Neuss, wo sie sich von Gretchen bis Klärchen viele große Mädchenrollen erarbeitete und allein 96 Mal als Fräulein Pfeffer im Lebkuchenmann auf der Bühne stand: „Meistens spielten wir 20 Mal im Monat auf Abstechern in der Region, 10 Mal im Mutterhaus. Es war anstrengend, aber toll.“ Nach einem Engagement am Staatstheater Saarbrücken entschloss sie sich, als freie Schauspielerin zu arbeiten. Ihr Weg führte sie in ihre Heimat ans Theater Basel, wo sie den Regisseur Frank Hoffmann kennenlernte, der in der Ära Beilharz regelmäßig in Bonn inszenierte und heute das Nationaltheater von Luxemburg und die Ruhrfestspiele Recklinghausen leitet. Unter Hoffmanns Regie spielte sie in Luxemburg u.a. den Mephisto in Goethes Faust und glänzte an der Freien Volksbühne Berlin als Rebekka in Ibsens Rosmersholm - an der Seite von Ulrich Kuhlmann. Fast fünf Jahre arbeitete sie in Darmstadt, wo sie z.B. Günter Alt wiedertraf, den sie noch aus Saarbrücken kannte, und Bernd Braun, mit dem sie in Basel schon auf der Bühne gestanden hatte. Außerdem gas­tierte sie in den 90er Jahren in Essen, Berlin, Wiesbaden und Frankfurt am Main, wo sie u.a. in Peter Eschbergs Inszenierung von Gorkis Kinder der Sonne mitwirkte. 1996 wurde ihr Sohn geboren, den oft die Großmama unter ihre Fittiche nehmen musste. Meistens in Düsseldorf, wo die Schauspielerin ihren Lebensmittelpunkt behielt, bis sie nach Bonn umzog. Inzwischen wohnt sie in Pützchen, kann morgens früh ihren Sohn zur Waldorfschule in Hangelar bringen und zwischen den Proben und Vorstellungen nach Hause fahren.
In Darmstadt begegnete Tatjana dem heutigen Bonner Generalintendanten Klaus Weise, der sie 1999 fest in sein Oberhausener Schauspielensemble holte. Unter ihren Lieblingsrollen dort nennt sie vor allem die Blanche in Endstation Sehnsucht, die Orsina in Emilia Galotti und die Frau Elvsted in Weises Inszenierung von Hedda Gabler. Begeistert ist sie immer noch von Sibylle Bergs Stück Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, das in Weises Regie zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurde. 2003 folgte Tatjana Pasztor Klaus Weise nach Bonn - und traf wieder etliche alte Bekannte, z.B. Wolfgang Jaroschka. In Darmstadt spielte er den Ödipus in einem Sophokles-Projekt des Regisseurs Ansgar Haag (unter dem Intendanten Hans-Joachim Heyse Dramaturg in Bonn, später Intendant in Ulm). Sie war Iocaste und Antigone, „also an einem Abend seine Mutter, Frau und Tochter“.
Als Tatjana Pasztor in Sophokles' Trachinierinnen (Regie: Ingo Berk) 2005/06 in der Halle Beuel mit unglaublicher Intensität die zutiefst verletzte Deianera spielte, hatte das Bonner Publikum die Schauspielerin längst schon in vielen Inszenierungen kennengelernt. In Lan­tana z.B. war sie die rätselhafte Jane und Sarah, in Horváths Jüngstem Tag die frustrierte Frau Hudetz und in Woudstras Würgeengel die von der bürgerlichen Enge zur Verzweiflung getriebene Offiziersgattin Maria. Besonders gern spielte sie die blinde Mathilde in der deutschsprachigen Erstaufführung von Arlette Namiands Tintenaugen. Regie führte auch hier der junge Ingo Berk: „Er ist sehr gebildet, ernsthaft und uneitel. Das gefällt mir sehr.“ In der vergangenen Saison überzeugte Tatjana als Sofja in Gorkis Die Letzten. In der laufenden Saison war sie in Kleists Familie Schroffenstein zu sehen und vor allem als blendend präzise Paula in der ungarisch-jüdischen Familienhölle von Sonia Mushkat: Eine Frau zwischen rigoroser Selbstbehauptung und existenziellen Brüchen.
In Bonn hat Tatjana bisher nur ernste, fragile Frauenfiguren gespielt und freut sich deshalb sehr auf ihre erste Komödienrolle hier. „Nach ungefähr 30 Jahren Bühnenerfahrung bei jeder Inszenierung ganz neu anfangen zu dürfen, ist wunderbar. Nach weit mehr als 100 Rollen nie wissen zu können, was draus wird, ist jedes Mal eine Herausforderung.“

Dienstag, 25.02.2014

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