Renatus Mészár - kultur 83 - Februar 2012

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Renatus Mészár: Dr. Vigelius im Fernen Klang und Nilakantha in Lakmé

„Die Musik von Delibes ist einfach schön, sehr eingängig, sinnlich und mit ihrem exotischen Flair voller feiner Poesie. Ein totales Kontrastprogramm zu der hochkomplexen Klangwelt in Schrekers Der ferne Klang mit ihren verrü­ck­ten Brechungen und Spiegelungen.“ Renatus Mészár kommt gerade – sichtlich begeistert – von einer Bühnenprobe zu Lakmé. Der Bassbariton singt den Brahmanen Nilakantha in der auf deutschen Bühnen selten inszenierten Oper. „Es gefällt mir, immer mal wieder interessante Partien abseits des gängigen Repertoires zu erarbeiten.“ Den Bonner Generalmusikdirektor Stefan Blunier, der Lakmé musikalisch leitet, hat er in der Spielzeit 2009/10 an der Komischen Oper Berlin kennengelernt. Mészár, der dort im April 2008 als Colline in La Bohème debütierte, gastierte unter Bluniers Dirigat als Zauberer Tschelio in Die Liebe zu den drei Orangen.
Ein Vorsingen in Bonn folgte; seit der Saison 2010/11 gehört er zum Bonner Solistenensemble und sang hier den König Treff bei der Wiederaufnahme von Prokofjews Märchenoper. Außerdem gewann er die Herzen des Publikums als väterlicher Wassermann in Rusalka und glänzte als fabelhaft komischer Schulmeister Baculus im Wildschütz, ungemein geistreich inszeniert von Dietrich Hilsdorf. Mit diesem Regisseur verbindet ihn etwas Spezielles: Hilsdorf hat – natürlich etliche Jahre früher – im selben Knabenchor mitgewirkt.
Renatus Mészár wurde 1966 als jüngstes von sieben Kindern eines Altphilologen im hessischen Laubach geboren, einem „wunderschön verschlafenen Luftkurort am Vogelsberg“. Seinen fremd klingenden Nachnamen verdankt er seinem ungarischen Großvater, den es 1902 im zarten Alter von zwei Jahren nach Berlin verschlug. „Die ungarische Sprache und Tradition blieben in der Familie aber lebendig. Mein Vater erteilte mir meinen ersten Klavierunterricht nach der Methode von Béla Bartók. Wir sangen regelmäßig ungarische Volkslieder. Musiziert wurde daheim sowieso ständig, alle Kinder spielten Instrumente.“ Eine gründliche musikalische Ausbildung erhielt Renatus Mészár bei der Laubacher Kantorei, einem höchst renommierten Knabenchor. „Wir probten täglich, gaben alle zwei Wochen ein Konzert und reisten durch halb Europa.“ Fasziniert hat ihn trotzdem erst mal das Klavier mit seinem eigenartigen Innenleben. „Als Jugendlicher habe ich zu Hause gern heimlich seine Funktionsweise erkundet. Ein Fazioli-Fügel ist ein Traum für später, aber ein alter Blüthner-Flügel aus Leipzig steht jetzt in unserer Wohnung in Münster. Seinen hundertsten Geburtstag haben wir letztes Jahr mit einem Hauskonzert gefeiert.“
Die westfälische Stadt ist sein Lebensmittelpunkt geblieben, seitdem er dort von 1998 bis 2001 engagiert war. Hier haben seine drei Kinder einen Großteil ihrer Jugend verbracht. Der Sohn studiert inzwischen Mathematik in Köln, die 17-jährige Tochter spielt Bratsche und lebt derzeit in einem privaten Musik-Internat in Edinburgh („eine wirklich tolle Schule“), nur die jüngs­te Tochter wohnt noch zuhause bei der Mutter, die ebenfalls Musikerin ist.
In Münster sang Mészár u. a. alle Alberich-Partien in dem viel beachteten „Ring“ unter der musikalischen Leitung von Will Humburg. „Nicht gerade eine Rolle, worum sich junge Sänger reißen… Aber es war ein Erlebnis, an dem großen Projekt mitzuwirken.“ Mit Humburg hat er nun wieder zusammengearbeitet bei Der ferne Klang. Mészár singt in der hoch gelobten Inszenierung von Klaus Weise den zwielichtigen Advokaten Dr. Vigelius, der im zweiten Akt als Graf auftaucht. Er ist voll des Lobes für die Präzision und musikalische Sensibilität, mit der Humburg das vielschichtige Werk dirigiert.
Eigentlich wollte Mészár Klavierbauer werden. Weil er aber auch gern Orgel spielte, begann er nach dem Abitur ein Kirchenmusik-Studium an der Hamburger Musikhochschule. Die Freude am Gesang bewog ihn schließlich zu einem Fachwechsel. Seine Ausbildung absolvierte er in Hamburg und München, u. a. bei Brigitte Faßbaender. Noch während des Studiums gab er 1990 sein Operndebüt bei der Münchener Biennale. Vor allem, um nach diversen Gelegenheitsjobs regelmäßiges und ausreichendes Geld zu verdienen, wurde er 1992 Mitglied des Chores des Norddeutschen Rundfunks, bevor er 1995 als „junger Bass“ sein erstes Engagement am Staatstheater Braunschweig antrat. Beim Vorsingen traf er Brigitte Faßbaender wieder. „Ich wusste gar nicht, dass sie dort gerade Operndirektorin geworden war.“ In Braunschweig sang er ­ u. a. den Sarastro in der Zauberflöte, den Don Alfonso in Così fan tutte und den Don Basilio im Barbier von Sevilla. In Münster folgten etliche weitere Rollen wie Escamillo in Carmen, Leporello in Don Giovanni und Kaspar im Freischütz. Danach gastierte er als freischaffender Sänger in Braunschweig, Bern, Bremen, Nürnberg, an der Hamburgischen Staatsoper und bei den Eutiner Festspielen. Nach einem Jahr in Würzburg wechselte er ans Staatstheater Schwerin, debütierte als Figaro in Figaros Hochzeit am Staatstheater Oldenburg und wurde in der Spielzeit 2006/07 Ensemble-Mitglied am Deutschen Nationaltheater Weimar. Als Fasolt, Wotan, Wanderer und Hagen im „Ring“ profilierte er sich hier weiter als Wagner-Sänger. Große Erfolge feierte er auch als Boris in Lady Macbeth von Mzensk – derzeit gastiert er mit dieser Partie am Staatstheater Kassel.
2008 gab er sein Debüt als Scarpia in Tosca bei den Opernfestspielen in Merzig bei Saarbrücken. Im Frühjahr 2009 war er als Bischof Toribio in der deutschen Erstaufführung von Love and Other Demons von Peter Eötvös in Chemnitz zu erleben. Regie bei dieser außerordentlich erfolgreichen Produktion führte übrigens Dietrich Hilsdorf. „Eine zeitgenössische Oper mit lauter ausverkauften Vorstellungen ist schon ein besonderes Ereignis“, freut sich Mészár. Im Sommer 2009 wirkte er im Rahmen der Ruhrtriennale bei der begeis­tert aufgenommenen Produktion Moses und Aaron in der Regie von Willy Decker mit. Anfang 2010 gab er in Klagenfurt sein Debüt in der Titelrolle von Boris Godunow und gastierte hier 2011 in der Titelpartie des Fliegenden Holländers. Als König Heinrich im Lohengrin hat er am 1.April 2012 am Staatstheater Karlsruhe Premiere. Ins dortige Ensemble wechselt er demnächst, obwohl Karlsruhe wieder etwas weiter von Münster entfernt ist als Bonn. Aber eine neue Herausforderung lockt: 2014 wird der groß gewachsene blonde Sänger in Karlsruhe den Hans Sachs in den Meistersingern verkörpern. Auf seine Traumpartie bereitet er sich jetzt schon vor.
Der Preisträger mehrerer internationaler Gesangs-Wettbewerbe hat sich zudem ein breitgefächertes Konzert-Repertoire aufgebaut und mit zahlreichen bekannten Orches­tern und Dirigenten zusammengearbeitet. Sein Hauptinteresse gehört jedoch der Bühne. „Der Schauspielunterricht an der Hochschule brachte mir gar nichts. Bei meinen ersten Auftritten stand ich linkisch rum, dachte mir aber, wenn es so schlecht läuft und mich trotzdem anzieht, muss was dran sein. Ich habe dann viel übers Theater gelesen und von den Kollegen gelernt, bis ich von Stück zu Stück mehr Tritt fasste und die Bühnenwelt allmählich genoss. Man kann dort in einem geschützten Raum exemplarische Konflikte durchleben und braucht die dann im privaten Dasein nicht mehr. Ständig herumzureisen gehört zur Profession. Urlaub macht mich eher unruhig, ein Jahr ohne tolle neue Rolle kommt mir verloren vor.“ Die Gefahr besteht vorläufig nicht angesichts seines dicht gefüllten Terminkalenders, in den leider der Falstaff in Die lustigen Weiber von Windsor in Bonn nicht mehr hineinpasst.

Mittwoch, 12.09.2012

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