Osvaldo Ventriglia - kultur Nr. 7 - 5/2004

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Osvaldo Ventriglia - Picasso, Goya und der geheimnisvolle Zigeuner Melquiades

Der große Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez gehörte schon zur Schullektüre des argentinischen Tänzers, Schauspielers und Choreographen Osvaldo Ventriglia. „In meiner Heimatstadt Buenos Aires wurde dieses bahnbrechende Werk der südamerikanischen Literatur ja auch 1967 zum ersten Mal veröffentlicht“, sagt er stolz und fängt gleich an zu schwärmen von den aufregenden, endlosen Nächten im Theaterviertel der argentinischen Hauptstadt, die ihn in den 80er Jahren dauerhaft mit dem Bühnenvirus infizierten. Politische und wirtschaftliche Krisen haben Argentinien seitdem überrollt, und Ventriglia hat sich längst in der deutschen Tanzszene etabliert. „Meine Familie ist heute das internationale Ensemble von Johann Kresnik; wir wechseln problemlos die Sprachen und arbeiten immer gemeinsam an einer unverwechselbaren Körpersprache.“ Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch und Deutsch („Das war echt schwierig zu lernen“) spricht er beneidenswert fließend und amüsiert sich, wenn seine Familie in Argentinien gleich mehrere Akzente bei seiner Muttersprache wahrnimmt. Wenigstens einmal im Jahr besucht er sie: „Schon um zu sehen, wie meine drei Neffen in dieser turbulenten Gesellschaft groß werden, und damit sie ihren tanzsüchtigen, glatzköpfigen Onkel nicht ganz aus den Augen verlieren.“
In mehr als 20 Inszenierungen von Johann Kresnik hat er seit 1991 mitgewirkt und ist damit im Ensemble des neuen Bonner Choreographischen Theaters derjenige, der am längsten mit dessen Leiter zusammen arbeitet. Nein, der Senior der Compagnie will der kraftvolle und eigenwillige Tänzer deshalb noch lange nicht sein, wohl aber sein künstlerisches und ganz persönliches Erfahrungspotenzial einbringen, von dem auch die deutlich Jüngeren zehren können. In „Picasso“
war er als eine der solistischen Verkörperungen des Malers zu sehen, in „Frida Kahlo“ als Ensembletänzer, was hier immer auch solistische Herausforderungen bedeutet.
Bei der Uraufführung von „Hundert Jahre Einsamkeit“, für die bei unserem Gespräch gerade die Bühnenproben begonnen haben, hat er eine klar definierte zentrale Rolle. Er spielt den alterslosen, geradezu biblischen Zigeuner Melquiades, der den Ahnherrn der Familie Buendía mit seinen Erfindungen verrückt macht, als Totgesagter immer wieder auftaucht und in geheimnisvollen Schriften das Ende der Geschichte weissagt. Ein Wahrsager-Zauberer – darin liegt auch eine Menge von Ventriglias eigener künstlerischer Existenz. „Tanz ist ein Kreislauf, bei dem sich in den Wiederholungen immer ein paar Segmente verwandeln und Körper neue Gestalten erfinden – mal pathetisch und mal einfach als Spiel mit Gefühlen und gesellschaftlichen Aussagen. “
Angefangen hat sein künstlerischer Sturmlauf mit einer Tanzausbildung am Teatro San Martin in Buenos Aires, dem wichtigsten Zentrum für modernen Tanz in Argentinien. Zum intensiven täglichen Training gehörten auch Schauspiel und Choreographie. Nebenher hat er noch eine Ausbildung zum Elektronikingenieur absolviert: „Weil meine Eltern wollten, dass ich auch was Anständiges lerne.“ An einer Bildhauerschule hat er nach dem ersten Studienabschluss Körperausdruck gelehrt. „Das war toll, lauter offene Ateliers, wo man anderen Künstlern über die Schulter schauen konnte und einen neuen Blick für die eigene Kunst bekam.“
Seine Begeisterung für das moderne deutsche Tanztheater begann damals schon. Renate Schotelius nennt er als eine seiner wichtigsten Lehrerinnen, Gastspiele von Pina Bausch und Susanne Linke haben ihn fasziniert. Und eben auch Johann Kresnik, der damals mit „Sylvia Plath“ in Südamerika für Aufsehen sorgte – 1997 hat Ventriglia an der Berliner Volksbühne dann selbst in dieser Produktion getanzt. Außerdem interessierte er sich von Anfang an besonders für das Musiktheater von Bert Brecht und Kurt Weill („Vielleicht haben wir uns in Südamerika damals mehr mit europäischer Theatergeschichte beschäftigt als die jungen europäischen Tänzer heute.“); schon 1988 hat er am Teatro Colón, der großen klassischen Bühne in Buenos Aires, mitgewirkt an einer erfolgreichen „Dreigroschenoper“ und am „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“.
„Ich habe schon früh auch die deutschen expressionistischen Dichter in allen Übersetzungen gelesen, die ich kriegen konnte, und war regelrecht infiziert von dieser Sprachkraft und politischen Widerständigkeit. Natürlich wusste ich, dass ich das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland nicht mehr wieder finden würde, aber zu diesen Ursprüngen wollte ich irgendwie schon.“
Dass aus einem Traum eine neue Heimat wurde, grenzt an ein kleines Wunder, ist aber sicher kein Zufall. Als die renommierte argentinische Stiftung Fondacion Antorchas, die eigentlich den wissenschaftlichen Austausch förderte, zum ersten Mal ein Künstlerstipendium ausschrieb, hat Ventriglia sich einfach beworben und prompt vor einer hochkarätigen internationalen Jury bestanden. 1990/91 ermöglichte ihm dieses Stipendium die Weiterbildung als Tänzer und Choreograph in Deutschland. „Ich bin wie wild herumgereist, um so viel wie möglich zu lernen. Kresnik hat mich in Bremen ganz spontan als Hospitanten in seine Arbeit integriert und schnell als Assistenten und als Tänzer engagiert. Mit ihm bin ich dann von Bremen nach Berlin und jetzt nach Bonn gezogen.“ Die Stadt am Rhein gefällt ihm nicht nur wegen ihrer irgendwie südlichen Atmosphäre und des milden Klimas („Ich merke, wie das meine Muskeln lokkert.“), sondern vor allem wegen des Publikums („Es ist toll, wenn mich Leute beim Einkaufen im Supermarkt erkennen und gleich ein Gespräch anfangen.“)
Neben seiner Ensembletätigkeit weist seine Biographie zahllose eigene Inszenierungen, Choreographien, Tanz-, Schauspiel- und Filmarbeiten aus. Was ihn in seiner vielfältigen Karriere besonders beeindruckt hat? „Unser großer Erfolg mit Kresniks Inszenierung von Ibsens „Peer Gynt“ bei den Salzburger Festspielen 2003 und unser Gastspiel mit „Frida Kahlo“ 1995 bei einem großen Festival in Mexiko, wo ich bei dieser Gelegenheit übrigens zum ersten Mal war und mir auf den Spuren von Frida und Diego fast die Füße wund gelaufen habe.“ Welche Rolle er besonders liebt? „Neben dem aktuellen Melquiades meine Facette des großen spanischen Malers Francisco Goya, der ja auch inhaltlich ein Vorläufer Picassos war. „Goya“ haben wir 1999 an der Berliner Volksbühne herausgebracht. Ich freue mich schon auf die Bonner Premiere dieses Stückes in der nächsten Saison.“

Dienstag, 04.03.2014

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