Oliver Chomik - kultur 75 - April 2011

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Oliver Chomik: Hohenzollern, Biff und der rote Surkkala

Am nächsten Tag wird er auf der Probe zu Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti seine vier Kinder kennenlernen. Oliver Chomik spielt den braven Waldarbeiter und Familienvater Surkkala, angeblich ein Roter, den Puntila deshalb entlassen will. Keine große Rolle, aber auch nicht seine einzige in der Inszenierung von Johannes Lepper, die knapp zwei Wochen nach unserem Gespräch Premiere hat. Willy Lomans Lieblingssohn Biff verkörpert Oliver in der Regie von Matthias Fontheim in Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden. Er ist mal der nette Junge und beliebte Sportler und mal der gescheiterte, nie erwachsen gewordene junge Mann, der alle Hoffnungen enttäuschte. Er zeigt eine eindrucksvolle emotionale Bandbreite bis hin zur finalen Auseinandersetzung mit dem Vater, in der er wie ein Kind heulend zusammenbricht. „Der Biff ist eine Rolle, für die mache ich eigentlich den Beruf“, erklärt Oliver. „Es ist toll, wie in dieser Arbeit die Direktheit und Freiheit über allem stehen, was man denkt, machen zu müssen. Die Auftritte aus dem Zuschauerraum sind nicht nummernhaft; man stellt in jedem Moment das zur Verfügung, was man mitbringt. Fontheim hat uns zu einer ungeheuren Klarheit geführt. Menschlich und fachlich war die Begegnung für mich sehr wichtig.“
Geboren wurde Oliver Chomik am 12.Dezember 1978 in der Pfalz und wuchs in dem kleinen Ort Gossersweiler auf. Theater als Beruf wäre ihm gar nicht in den Sinn gekommen, als er 1998 in der benachbarten Kleinstadt Annweiler sein Abitur machte. „Es gab an der Schule zwar eine Musical-AG, aber dieses Genre mochte ich überhaupt nicht“. Fußball betrieb er richtig ernsthaft: Fünfmal in der Woche fuhr er mit seinem Vater, einem sportbegeis­terten Leitenden Angestellten, und seinem Bruder zum Training nach Kaiserslautern. Einen lange schlummernden Theater-Virus fing er sich als kleines Kind im Theater Saarbrücken ein. „Meine Mutter hatte dort ein Abonnement und nahm mich mit zu Peterchens Mondfahrt. Ich war völlig hingerissen und kann mich noch heute genau an alles erinnern.“ Beeindruckt hat ihn später auch eine Aufführung von Krabat in einem nahegelegenen SOS-Kinderdorf. „Das hatte mit Profitheater nichts zu tun. Die Jugendlichen hatten das Stück mit ihren Erziehern einstudiert. Aber ich sah, wie da auf der Bühne Menschen plötzlich ganz bei sich waren, die viel Persönliches in ihren gebrochenen Figuren durchscheinen ließen.“
Oliver leistete seinen Zivildienst in einer Wiesbadener Klinik. „Mich interessierten die Schicksale und Geschichten der Patienten, mit denen ich mich in meiner Freizeit gern unterhielt. Zufällig lernte ich hier den Vater des RAF-Mitglieds Wolfgang Grams kennen, der nach dem Tod seines Sohnes in Bad Kleinen unzählige Prozesse gegen den Staat geführt hatte. Natürlich sah ich 2001 den Film Black Box BRD dadurch noch mit größerem Interesse.“
Oliver erhielt einen BWL-Studienplatz in Jena, merkte schnell, dass ihn das nicht interessierte, und begann in einer Computerfirma eine Ausbildung zum IT-Kaufmann. Bei der Büroarbeit entdeckte er unverhofft die Internet-Bibliothek „Projekt Gutenberg“ und las am Bildschirm alle Shakespeare-Stü­cke in der alten Wieland-Übersetzung. „Irgendetwas ist dabei mit mir passiert. Ich war beim Lesen total fasziniert und habe die Texte quasi im Kopf gespielt. Ich hatte jedoch keine Ahnung, wie man Schauspieler wird.“ Er kündigte seinen Job und schrieb sich an der Berliner Humboldt-Universität für ein Literaturstudium ein. „Das war ziemlich ernüchternd, weil weder die Studenten noch die Dozenten wirklich mit Herzblut bei der Sache waren. Bei einem jungen Hochschullehrer, der wie ich für den Text brannte, hielt ich ein Referat über die Leitmotivik in Thomas Manns Zauberberg. Ich stand auf dem Tisch und redete mich richtig in Rage – es war wohl mein erster Theatermonolog.“
Oliver erfuhr, dass es in Berlin die Schauspielschule „Ernst Busch“ gibt, und schaute dort einfach mal vorbei. Einer der Studenten nahm ihn mit zu dem kleinen Off-Theater TiK (Theater im Kino, einer der ältesten freien Bühnen Berlins) und studierte mit ihm Rollen für die Aufnahmeprüfung ein. Das Vorsprechen ging total schief, weil auf der Bühne vor Aufregung seine Stimme und sein ganzer Körper versagten. Talent wurde ihm bescheinigt, die nötige Sicherheit und Erfahrung sammelte er ein Jahr lang im TiK.
Er schloss sein Grundstudium Literatur ab und bewarb sich 2003 gründlich vorbereitet an mehreren Schauspielschulen. In Leipzig, einer Stadt, die ihm richtig ans Herz gewachsen ist, wurde er angenommen. Aber eine Woche vor dem Studienbeginn brach er sich beim Fußball eine Schulter und musste die Ausbildung um ein Jahr aussetzen: „Ich habe mich um meine demenzkranke Oma gekümmert und viel gelesen“. Als er sich 2004 bei einer ganz normalen Übung in der Schauspielklasse gleich die andere Schulter brach, war das ein ziemlicher Schock. Seine Leipziger ermutigten ihn, und nach einer Operation konnte er endlich ohne weitere Ausfälle studieren.
Während des Studiums übernahm er kleinere Rollen am Schauspiel Leipzig, z. B. in Zement von Heiner Müller, in Sportstück von Elfriede Jelinek (Regie Volker Lösch) und Ende 2007 als erste wirklich eigenständig gestaltete Rolle den Schwarzen Matrosen in dem Sozialdrama Bitterer Honig (Regie: Tilman Gersch). Kurz vor dem Diplom in Leipzig wirkte er 2008 in dem Historienfilm Die vergiftete Mätresse des MDR mit. Er spielte die zentrale Rolle des sächsischen Kurfürsten Johann Georg IV, des früh gestorbenen Bruders und Konkurrenten Augusts des Starken.
Man lud den jungen Schauspieler zum Vorsprechen nach Bonn ein, wo er in der Spielzeit 2008/09 sein erstes festes Engagement antrat. In der Uraufführung von Tasmanien von Fabrice Melquiot in der Regie von Klaus Weise trat er als verkorkstes Politikerkind Normand zum ersten Mal in den Kammerspielen auf. Die Herzen aller Kinder eroberte er dort im Winter 2008 als Meisterdetektiv Kalle Blomquist. Richtig auf der Bühne angekommen fühlte er sich in der erfolgreichen Werkstatt-Produktion That Face von Poly Stenham in der Regie von Jens Kerbel. „Der junge Henry mit seiner komplizierten Beziehung zu seiner drogensüchtigen Mutter war einfach eine andere Herausforderung und bedeutete für mich einen großen Sprung zu dem, was für mich am Theater wichtig ist.“ Nebenrollen in Molières Geizigem, Euripides’ Elektra/Orest und Shakespeares Othello folgten. Eine wichtige Erfahrung war 2009 die Titelrolle in Euripides’ Ion, auch wenn die Inszenierung von Klaus Weise das Publikum nur mäßig überzeugte.
Derzeit zu sehen ist er in den Kammerspielen als loyaler Graf Hohenzollern in Kleists Prinz Friedrich von Homburg und als rausgeschmissener Verlagslektor Fred in Sibylle Bergs Farce Lasst euch überraschen!, wo er im Elchskostüm völlig grotesk ein finnisches Volkslied schmettert. Das sind spannende Figuren, aber mit Biff im „Handlungsreisenden“ kann er wirklich verschmelzen. Dieses Authentische gefällt ihm, der sich ansonsten begeistert für die Texte von Heiner Müller und Elfriede Jelinek. „Die spielen in ihrer Wortgewalt und Bildhaftigkeit in einer Liga mit den Tragödiendichtern der Antike. Müllers Macbeth möchte ich unbedingt mal machen.“ Für literarische Werke brennen kann er immer noch.

Donnerstag, 08.12.2011

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